Bayern 2 - Zündfunk


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Gästemix Wir hören Musik mit dem wilden Denker Jonathan Lethem

Jonathan Lethems neues Buch, „Der wilde Detektiv“ ist gerade auf Deutsch erschienen. Wir sprechen mit ihm über das Schreiben, den Geist von David Foster Wallace und seine momentane Lieblingsmusik.

Von: Michael Bartle

Stand: 21.02.2019

Jonathan und ich treffen uns in einem Hotel im Münchner Lehel, er hat an diesem Tag Geburtstag, will darum aber möglichst wenig Wind machen. Jonathan schaut ganz anders aus als auf Fotos, er trägt einen leicht angegrauten Bart, der ihn seltsamerweise weicher und freundlicher aussehen lässt. Das leicht Harsche des archetypischen New Yorker Intellektuellen – es hat sich unter den Bart verkrochen. Jonathan empfängt mich maximal freundlich, vorher hat er mir eine Liste geschickt, mit Musik die er liebt oder die ihn beim Schreiben begleitet hat.

Für drei Lesetermine in München, Hamburg und Berlin ist Lethem nach Europa gekommen, mehr Zeit hat er nicht. In den USA ist gerade Spring Break, das gibt ihm ein paar Tage frei. Lethem lehrt zur Zeit am Pomona College in Südkalifornien. Er ist dort Nachfolger des legendären David Foster Wallace, dessen Geist ihn verfolgt, er schwebt immer über dem College, „unspeaking, they (die Studenten) won’t pronounce his message", aber sie seien immer einen Ticken davor, Wallaces Namen zu nennen. Nein, es sei nicht ganz leicht, sich davon frei zu machen. Vielleicht hilft es ja, dass Edward Norton gerade mit Bruce Willis und Willem Dafoe „Motherless Brooklyn“ verfilmt, Lethems Roman über einen New Yorker Detektiv mit Tourette-Syndrom.

Lethem und sein Hard Boiled-Krimi

Lethem ist ein begnadeter Genre-Hopper, für seinen neuen Roman „Der wilde Detektiv“ hat er sich die Hard Boiled-Krimi Form ausgesucht, ein Genre, das er verehrt, dessen Regeln er aber immer wieder lustvoll bricht oder umkehrt. Denn er schreibt nicht aus der Perspektive des lässigen Detektivs, sondern erzählt aus der Ich-Perspektive der Klientin. Und weil Lethem mögliche Einwände immer gleich beim Schreiben mitdenkt, sagt er, natürlich sei das ein offensichtlicher Schachzug, ein „obvious stunt“, aber mit diesem Trick habe er neue Fragen, neue Hohlräume gefunden, die ihn und hoffentlich auch die Leserinnen und Leser unterhalten und fordern.

Phoebe Siegler ist eine typische Vertreterin der New Yorker Kulturschickeria, hat beim National Public Radio gearbeitet, bei verschiedenen Zeitungen, aber gekündigt als das „Trumpeltier“ ins Amt gewählt wurde. Phoebe macht sich auf in die kalifornische Wüste, nicht direkt in den Rust Belt, aber dann doch an die Ränder der USA. Sie ist auf die Suche nach der vermissten College-Tochter einer guten Freundin, die dort untergetaucht ist oder verschleppt worden ist von fast archaischen Hippie-Kommunen. Und sie wird begleitet bei dieser Fahndung von Charles Heist, dem „wilden Detektiv“, bekleidet mit einer abgewetzten roten Lederjacke, die exakt geschnitten ist wie ein Cowboyhemd und aus dessen Backen dicke Koteletten wuchern. Und sie verfällt ihm, zumindest ein bisschen, diesem Cartoon toxischer Männlichkeit, der aber viel gebrochener ist, als man zunächst vermutet.

Talking Heads, King Gizzard und Leonard Cohen

Wir haben eine Stunde Zeit, um über seinen neuen Roman zu sprechen und die Musik, die ihn ein Leben lang begleitet hat – am Ende wird er, den die Beastie Boys um einen Essay für ihr Buch gebeten haben, erzählen, dass er mit Adam Yauch auf die Summer School gegangen ist und sein Bruder Blake und er in den frühen 80ern auf exakt denselben Partys abhingen wie die Beastie Boys.

Die Stunde Gespräch brauchen wir auch, denn wir mäandern von Thema zu Thema, reden über #metoo und Trump, die ihm beim Schreiben eingeholt und überholt haben. Wir begeistern uns für Songs und Bands, reden über die Talking Heads und Dada, über King Gizzard und Leonard Cohen, den Schriftsteller offenbar nochmal besonders verehren. Denn eine Woche zuvor hatte sich auch T.C Boyle in der Zündfunk Sendung Leonard Cohen gewünscht. Und weil der Hauptteil von Jonathan Lethems Roman hinter der „last frontier“ spielt, an den Rändern des amerikanischen Traums, müssen wir auch über Utopien reden, das sozusagen systemimmanente Scheitern von Utopien – und Kalifornien als permanentes „Re-Enactment“ dieses Scheiterns.

Sharing is caring

Es macht Spaß, Jonathan Lethem beim wilden Denken zuzuschauen, immer wieder muss ich, wenn das möglich wäre, begeistert schmunzeln: Jonathan Lethem ist ein wilder Assoziierer, wirft man ein Bild, einen Begriff in den Ring, purzeln sofort tausend popkulturelle Puzzlestücke aus seinem Rhizo-Maten. Als die Stunde vorbei ist werden wir über nahezu alles gesprochen haben – über Samuel Beckett und Mad Max, über „greeting cards“ und ihre popkulturelle Aneignung, über Jean-Paul Sartre und Leo Tolstoi, über das Remixen, Kitsch, Hugo Ball und die Dadaisten. Und das alles in Lethems leicht singendem, immer flanierenden, extrem freundlichem Tonfall, der weiter entfernt von Mansplaining nicht sein könnte.

Als wir uns verabschieden, verspreche ich, ihn den Link zur Sendung zu schicken. Ein letztes Lächeln huscht durch seinen Bart. Er werde den Link gerne teilen, sagt er, aber er sei nicht besonders gut unterwegs im Social Web.


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