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Servus, Plattenvertrag Wir haben unsere Musik auf Spotify geladen - jetzt fühlen wir uns scheiße

Die Zehner-Jahren machen es Musiker*innen leicht. Mühelos kann man Songs im Internet verbreiten – und braucht dafür nicht mal ein Label. Doch der Schein trügt. Unser Autor ist Musiker, hat diesen Prozess hinter sich und erzählt von den Qualen der digitalen Distribution.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 11.11.2019

Live im Punkclub Rülps | Bild: lautundwild.de/Susi Ecker

Endlich ist es soweit. Die erste EP ist da und meine Bandmates und ich sind mächtig stolz. Nach fünf Jahren haben wir es mit Stellwerkstörung – so heißt unsere kleine Punkband – geschafft, fünf Songs fertigzustellen. 500 Euro haben wir in DIY-Aufnahmen investiert, ein halbes Jahr hat uns die Produktion gekostet. Bis auf das Schlagzeug haben wir alle Instrumente im Wohnzimmer aufgenommen, die Nachbarn sonntags mit anarchistischem Geschrei belästigt. Aber jetzt ist sie endlich da, die erste Auskopplung von Stellwerkstörung mit dem Titel „Statuen sterben auch“. Stellt sich die Frage: Was machen wir damit?

Wir wollen auf Spotify und co.

Klar ist: Wer heute Musik hört, tut das vornehmlich mit Hilfe von Streaming-Dienstleistern. Wir sind einigermaßen zufrieden mit unseren Aufnahmen – sie sind besser als die ersten Demo-Versuche, die wir auf YouTube oder Bandcamp hochgeladen haben.

Spotify-Cover der EP "Statuen sterben auch" von Stellwerkstörung

Also ran an die Streaming-Plattformen. Befreundete Bands sind ja auch auf Spotify und Apple Music. Warum nicht auch wir? Das Problem ist nur, dass wir keine Ahnung haben, wie wir an die Sache rangehen sollen.

Deshalb fragen wir unseren Freund Darius, der mit seiner Metalband „HERUIN“ schon auf Spotify, Apple Music und Co. veröffentlicht hat, Marketing studiert und bei einem großen Musik-Label arbeitet. Wie bringt man seine Musik auf Spotify? Und kann man damit als Newcomer überhaupt erfolgreich werden?

Das Gespräch mit ihm zeigt: Wer als Hobbymusiker auf der Streamingwelle surfen möchte, hat mit vier Schwierigkeiten zu kämpfen. Schwierigkeiten, die wir als systemkritische Underground Punkband, die von Lobbyisten-Schweinen und von den Wänden gerissenen Kreuzen singt, gar nicht auf dem Schirm hatten.

Problem eins: Drittplattformen kontrollieren den Zugang zu Streaming Anbietern

Gleich zu Anfang konfrontiert uns Darius mit einer Überraschung: Musik auf Spotify, Deezer oder Apple Music hochladen geht nicht. Klar, wir könnten zu Bandcamp gehen. Doch, wer hört dort noch Musik? Darius sagt uns: Wer halbwegs erfolgreich sein will, muss auf Spotify veröffentlichen. Um das zu schaffen, müsse man seine Musik zunächst auf einer „Aggregations-Plattform“ hochladen. Davon gibt es unzählige und alle werben damit, die Musik der Künstler*innen auf den großen Streaming Plattformen zu veröffentlichen.

Stellwerkstörung Konzert im letzten Sommer

Darius zeigt uns eine Liste mit ungefähr fünfzig Anbietern, die alle unterschiedlich sind. Manche verlangen eine jährliche Gebühr, andere eine einmalige. Manche versprechen, dass die Streaming-Einnahmen zu 100 Prozent an die Künstler gehen, andere, dass sie mit großen Labels zusammenarbeiten und schon vielen Künstler*innen den Durchbruch ermöglicht haben. Wer also auf Spotify kommen will, muss sich erstmal durch den Dschungel an Unternehmen kämpfen, die den Zugang kontrollieren.

Plattformen wie Distrokid, Spinnup oder Tunecore werben dann mit solchen Slogans: „Wir haben bereits zahlreichen Künstlern zu einem Plattenvertrag verholfen. Vielleicht bist du als nächstes an der Reihe?“ Ein anderer Anbieter schreibt: „Bringe deine Musikkarriere auf die nächste Stufe und veröffentliche deine Musik auf Spotify, ohne einen Cent deiner Einnahmen zu verlieren.“ Na dann. Werden wir doch mal reich. Was will man mehr als systemkritische Punkband. Oder? „Es gibt sogar welche, die Versprechen, eure Songs an den chinesischen Musikmarkt zu schicken, wenn ihr daran Interesse habt“, sagt Darius. Herzlichen Dank.

Problem zwei: Uploads kosten Geld

Das zweite Problem ist naheliegend – aber mit den 500 Euro für die Aufnahmen unserer EP „Statuen sterben auch“ ist es nicht getan, wenn man auf die Streaming-Plattformen kommen möchte. Die Aggregations-Portale verlangen Geld dafür, dass sie die Aufnahmen rendern und von der Qualität her so abmischen, dass sie qualitativ einheitlich auf den Streaming-Diensten veröffentlicht werden können.

Auf Spotify zum Beispiel sind alle Songs gleich laut. Die gängige Gebühr bei den vertrauenswürdigen Firmen: zwanzig Euro pro Jahr für eine EP von maximal fünf Songs, 100 Euro für ein ganzes Album. Für uns heißt das also: Wir müssen erst nochmal bezahlen, damit wir auf den Streaming Plattformen überhaupt von Menschen wahrgenommen werden können.

Problem drei: Verdienst gleich null

Weil wir geldgeile Säcke sind, fragen wir Darius, wie viel wir pro Stream verdienen können. Seine Antwort: „0,008 Cent“. Das bedeutet für uns: Wir brauchen 125 Streams, damit wir einen Cent verdienen. Schnell merken wir: Um von solchen Beträgen leben zu können, benötigen wir Klickzahlen in Millionen-Höhe. Völlig utopisch. Und einen Hacker können wir uns auch nicht leisten.

Das zentrale Kriterium, warum Musiker*innen ihre Songs auf die Streaming-Plattformen laden sollten, ist aber ohnehin nicht das Geld, so Konsens in der Musikszene, sondern die Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen. So kann man die Hallen füllen und die Einnahmen dann über Konzerte generieren. Das führt uns zur vierten und größten Schwierigkeit im Zeitalter der digitalen Streaming Plattformen.

Problem vier: Aufmerksamkeit im digitalen Kapitalismus

Das Gespräch mit Darius macht uns klar: Alle Künstler*innen auf Spotify befinden sich in einem ständigen Kampf um Aufmerksamkeit. Das Ziel sollte sein, möglichst viele Klicks zu generieren, sagt Darius. Schließlich will man die eigene Fanbase erweitern.

„Gerade für neue Bands, ist es wichtig, auf die Inhouse-Playlisten zu kommen“, erzählt uns Darius zum einen. Denn Hörerinnen und Hörer würden neue Musik heute vornehmlich über die von Streaming-Diensten erstellten Playlisten konsumieren. Die Band von Darius habe deshalb viele Klicks gesammelt, weil sie genau das geschafft hätten, sagt er. Diese Playlisten würden bei Spotify nämlich nach wie vor von Menschen erstellt werden, denen man seine EP via Spotify for Artists schicken kann, sogenannten A&Rs.

Die Chancen für Newcomer, auf diese Playlists zu kommen, seien allerdings geringer als die der großen Acts, sagt Darius. Vor allem ohne Label, vor allem ohne Klicks. Die A&Rs hätten zum Beispiel bestimmte Vorgaben, wer auf welche Playlist kommt. Unsere Fragen, ob es Newcomer auf Spotify schwerer haben, will das Unternehmen übrigens nicht beantworten. Aus zeitlichen Gründen. Konsens in der Musik-Szene ist aber: Stars haben es leichter.

Um die Klicks zu maximieren und erstmal zum Star zu werden, präsentiert Darius uns deshalb seine zweite Strategie: Die Reichweite auf Instagram und Facebook vergrößern. „Man hat ja durch Facebook und Instagram die Möglichkeit, sehr spitz zu targetieren und zu sagen: Jemand, der zum Beispiel #metal #metalcore benutzt, der soll diese Werbung von mir ausgestrahlt bekommen“, erzählt er uns. Das eröffne einem die Möglichkeit, neue Fans zu gewinnen. Ein weiterer Vorteil von vielen Klicks und Likes: Es wird leichter, Konzerte zu bekommen, denn die Betreiber würden heute vor allem auf Reichweite und Community achten.

Ein Eindruck, den wir durchaus bestätigen können. Denn auch wir haben die Songs von unserer EP „Statuen Sterben auch“ vor der Veröffentlichung per Wetransfer an die unterschiedlichsten Locations geschickt. Heruntergeladen hat die Dateien keiner. 

Fazit: Aggregation, ja – Instagram nein

Für uns als Punkband entscheiden wir: Das Spiel um Klicks und Aufmerksamkeit spielen wir nur bedingt mit. Unsere Toleranz hat Grenzen, wenn es darum geht, die Plattformen wie Instagram mit Geld zu füttern, um Musik an die Öffentlichkeit zu bringen. Warum müssen wir unser Geld an Mark Zuckerberg überweisen, damit Menschen uns hören? Das ist kein Weg für eine Deutschpunkband.

Die zwanzig Euro für die Spotify-Aggregation und den Spotify for Artists Account bezahlen wir aber, denn wir wollen den Leuten den leichten Zugang zu unserer EP ermöglichen. So schaffen wir für uns einen Kompromiss zwischen Punk und digitalem Kapitalismus, mit dem wir leben können. Und ein bisschen stolz sind wir ja trotzdem. Wir haben es geschafft, unsere Musik zu verhältnismäßig geringen Kosten und ganz ohne Label zu veröffentlichen.


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