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Neu im Kino Der Film "Wintermärchen" will Nazi-Psychoanalyse sein, ist aber eher Nazi-Porno

In "Wintermärchen" zeigt Regisseur Jan Bonny zeigt drei deutsche Nazis in ihrem Alltag. Sie leben zusammen, streiten sich, haben animalischen Sex miteinander und ermorden zwischendurch Muslime. Die Protagonisten sind widerwärtig und der Film ist es auch.

Von: Roderich Fabian

Stand: 20.03.2019

Szene aus "Wintermärchen" | Bild: W-Film

Seit Jahren jammern alle über den deutschen Film. Die unsäglichen Komödien von Schweighofer bis "Fack Ju Göthe" werden außerhalb des deutschen Sprachraums kaum zur Kenntnis genommen. Also träumen hierzulande alle von den Zeiten des deutschen Autorenfilms, als Leute wie Fassbinder, Herzog und Wenders mit unkonventionellem Zeug Weltgeltung erreichten.

Nazis, Sex und Morde

Solche Gedanken mögen eine Rolle gespielt haben, als der Fernsehregisseur Jan Bonny daran ging, dieses sogenannte "Wintermärchen" zu realisieren. Denn eins steht fest: Mit der deutschen Komödienseligkeit hat dieser Film absolut nichts zu tun. Bonny orientierte sich frei an der Geschichte des NSU und zeigt uns zunächst mal zwei junge Nazis, die Schießübungen machen und in einer runtergerockten Wohnung Sex haben. Von "Liebe machen" kann man hier wirklich nicht sprechen, so unzärtlich und triebgesteuert sind die Beiden bei der Sache. Als dann noch ein dritter Macker aus dem Nichts dazukommt, werden sie erstmal mit seinen Vorwürfen konfrontiert.

Die Theater-Schauspieler Thomas Schubert, Ricarda Seifried und Jean-Luc Bubert hatten als Trio Infernale die Möglichkeit, ihre Dialoge frei zu gestalten. Das soll der Geschichte größere Glaubwürdigkeit verleihen. Aber es bleiben eben doch drei begabte Künstler, die hier drei minderbemittelte Nazis darstellen müssen. Dabei geben sie sich größte Mühe, als haltlose Arschlöcher rüberzukommen. Wenn die drei mal keinen abstoßenden Sex haben - was nur gelegentlich passiert - dann ziehen die Männer los und ermorden Menschen mit Migrationshintergrund.

Eine kalkulierte Zumutung

Die drei Nazis morden brutal und chaotisch. Aber über ihre Beweggründe erfahren wir nichts. Ihre Motivation wird als bekannt vorausgesetzt. Dieses Wintermärchen reiht einfach unangenehmste Situationen aneinander. Der Film soll ja auch eine "Zumutung" sein, "ein Blick in den Abgrund", sagt Regisseur Jan Bonny. Man könnte auch sagen: Hier versucht sich jemand an einer Psychoanalyse, krass verpackt in viele kleine und große Ekelpakete. Keine Spur ist hier zu sehen von der "Banalität des Bösen", wie sie Hannah Arendt einst bei den Nazis entdeckt hatte.

Wir haben es in diesem Film mit Monstern zu tun, und damit wird dieses „Wintermärchen“ zu einem Horrorfilm oder zu einem Nazi-Porno, zu einem puren Spektakel. Einmal wird kurz angedeutet, dass es wohl doch Hinterleute gab. Da tritt dann plötzlich Lars Eidinger auf, als dubioser Strippenzieher und liest den drei Chaoten auf einem Parkplatz die Leviten. 

Laut, extrem und nicht sehr interessant

Und so driftet der Film seinem fiktiven Ende entgegen, mit viel Schmuddelsex und Selbstzerfleischung. Zum Abspann kommt dann "Schrei nach Liebe" von den Ärzten in einer Flüsterversion, sozusagen als dann doch sehr banale Auflösung. Ach, da ist wohl was schiefgelaufen bei der Sozialisierung. Irgendwie ist das "Wintermärchen" aber eher so etwas wie die Musik der frühen Einstürzenden Neubauten, unangenehm laut und faszinierend extrem, bestimmt keine Unterhaltungsware, aber eben auch nichts, was uns bei der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus auch nur einen Schritt weiterbringen würde.


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