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Edel, wild und deutsch Wie woke war Winnetou?

Ein Mythos wird fortgeschrieben, wenn „Der junge Häuptling Winnetou“ im August auf die Leinwand kommt. Vorab kommen alle drei Original-Teile erneut in die Kinos. Unser Autor hat sich die Reihe mal unter Wokeness-Kriterien angesehen - mit erstaunlichen Ergebnissen.

Von: Roderich Fabian

Stand: 05.07.2022

ARCHIV - 01.01.1962, ---: Die Schauspieler Lex Barker als Old Shatterhand (l-r), Pierre Brice als Winnetou und Ralf Wolter als Sam Hawkens in einer Szene des Films «Der Schatz im Silbersee» (undatiert). (zu dpa «Karl-May-Filme machten ihn berühmt - Schauspieler Ralf Wolter wird 95») Foto: -/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/-

Die Winnetou-Filme sind eigentlich keine Western, sondern Fantasy. Mit den amerikanischen Western der 50er Jahre, in denen der Reaktionär John Wayne massenhaft amerikanische Ureinwohner erschießt oder auch mit den ironisch-machistischen Italo-Western der Sixties haben die deutschen Karl-May-Verfilmungen nicht viel gemein. Es dürfte bekannt sein, dass der Autor der Winnetou-Bücher erst mit 66 in Amerika war, dass er alle seine Figuren frei erfunden und sich selbst in die Rolle des Old Shatterhand hineingeschrieben hat.

Winnetou hat also nichts mit amerikanischer Geschichte zu tun. Nur so ist es möglich, dass man den Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern komplett ausgespart hat. Und die Filme wurden ja auch vorwiegend in Kroatien oder in Deutschland gedreht. Diese Distanz zur Wirklichkeit nutzten Karl May und auch die Filmemacher dazu, eine tiefe Freundschaft zwischen dem deutschen Einwanderer Old Shatterhand und Winnetou, dem Häuptling der Apachen, zu unterstellen. Die beiden schwören sich sogar Blutsbrüderschaft.

"Winnetou" ist kein Western, sondern Fantasy

Man könnte fast von einem erotischen Verhältnis zwischen Winnetou und Old Shatterhand sprechen, so eng sind sich die Beiden drei Filme lang verbunden. Der Zuschauer spürt die gegenseitige Zuneigung zweier schöner Männer. Dem aufrichtigen Trapper und Einzelgänger aus Germany - gespielt vom Amerikaner Lex Barker - steht dabei in Winnetou die klassische Figur eines durch und durch edlen Ureinwohners zur Seite. Das ist natürlich ein furchtbares Klischee, das heute gar nicht mehr geht, zumal Winnetou auch noch vom Franzosen Pierre Briece gespielt wird, ein klarer Fall von kultureller Aneignung, aber wie gesagt: Hier geht’s nicht um Geschichte, sondern um Fantasy.

Winnetou hat es nie gegeben, aber die Moral immer auf seiner Seite, er handelt selbstlos und stets zum Wohle anderer. Zusammen sind sie ein Symbol für alles überwindende Völkerverständigung. Das wird sogar von einem amerikanischen Senator in den höchsten Tönen geschätzt, als ihn die Beiden per reitendem Boten um Unterstützung bitten.

"In diesem Augenblick entscheidet sich vielleicht, wie und ob überhaupt ein Zusammenleben zwischen Weiß und Rot möglich ist und ob endlich das Blutvergießen ein Ende hat. Diese beiden Männer haben ich ihr Leben lang eingesetzt für Menschlichkeit und Frieden."

Szene aus Winnetou 3

Konflikte mit der US-Regierung sind in den Filmen nie zu sehen. Dem edlen Wilden stehen souveräne Staatenlenker und Militär-Strategen gegenüber - wie gesagt: Es ist Fantasy. Und dass in den Filmen noch die Begriffe „Rothaut“ und „Indianer“ Verwendung finden, darf der Tatsache zugeschrieben werden, dass die Handlung ja im 19. Jahrhundert spielt, wo man über vieles ja noch ganz anders gedacht hat.

Frauenfiguren sind lernbereit und aufopferungsvoll

Weibliche Figuren finden sich in den drei Winnetou-Filmen zugegebenermaßen nur wenige. Schauspielerinnen mit Sprechrollen sind die große Ausnahme hier. Und wenn, dann sind sie meist zu den Helden aufblickende Gestalten, die eine Weile die Männerfreundschaft ernsthaft gefährden. Winnetou hat in Teil zwei eine tragisch verlaufende Beziehung zu Ribanna vom Stamme der Assineboins, die sich im letzten Moment doch für einen Soldaten der US-Army entscheidet, übrigens gespielt von Mario Girotti, der sich später Terence Hill nennen sollte. Und Winnetous Schwester Nscho-tschi verliebt sich in Teil eins in Old Shatterhand, der erwägt, sie mit nach Europa zu nehmen.

Aber daraus - wir wissen es - kann nichts werden. Nscho-Tschi stirbt durch Mörderhand und rettet dabei ihrem Old Shatterhand das Leben. Sie ist eine lernbereite Frau, die sich aufopfert und folgt damit eher der Ideologie der Sixties als der der Gegenwart, erscheint aber immerhin auch als Schamanin.

Schulnote: Ausreichend

Die einzige Figur, die von heute aus betrachtet, eigentlich gar nicht mehr geht, ist natürlich der alte weiße Mann namens Sam Hawkens. Der tauchte als Witzfigur in den Teilen eins und drei auf. Hawkens, der seine Skalpierung mit einer schlecht sitzenden Perücke kaschiert, ist immer für eine Zote gut und gräbt ungeniert eine viel zu junge Spülerin in einem Saloon an.

Wir fassen unsere Wokeness-Kontrolle kurz zusammen:

  • Rassismus: naiv, rückständig, aber immerhin bemüht
  • Toleranz gegenüber sexuell Anders-Denkenden: Okay
  • Darstellung von Frauen: da wäre mehr gegangen
  • Sexismus: vereinzelt leider vorhanden

Zusammen macht das einen Schnitt von gerade noch auseichend. Winnetou darf auch diesmal wieder passieren. Gratulation!

Hinweis: In einer früheren Version wurde behauptet, dass Sam Hawkens Haarausfall hatte und darum eine Perücke trägt. Er wurde aber skalpiert. Außerdem wurde fälschlich beschrieben, dass Karl May nie in Amerika war. Er war in Amerika, aber erst nachdem er Winnetou geschrieben hatte. Er hat bei seinem Aufenthalt in New York und Massachusetts nie einen Cowboy oder indigene Personen gesehen.