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Hommage an Joe Strummer Wie The Clash Musikgeschichte geschrieben – und mein Leben verändert haben

Vor 70 Jahren kam Joe Strummer auf die Welt, mit The Clash schrieb er Musikgeschichte – obwohl er selbst immer wieder Zweifel an seiner Musikkarriere hatte. Dabei sind The Clash eine der wichtigsten Bands überhaupt - die das Leben unseres Redakteurs verändert haben.

Von: Michael Bartle

Stand: 22.08.2022

The Clash um Frontmann Joe Strummer, 1978. | Bild: picture alliance / Avalon/Retna | Michael Putland

Wenn ein Diplomatenkind mal ausschert und Punkrock macht, dann können außergewöhnliche Dinge entstehen. Die Musik von Joe Strummer und The Clash war sowohl zeitgenössischer Punk Rock, stand aber auch außerhalb jeder Zeit und Mode. Mich jedenfalls begleitet die Stimme von Joe Strummer schon ein Leben lang.

Ein Popstar, nur ohne lange Haare

Schon an der Schule hatte Joe Strummer einem Freund versprochen, dass er mal ein Popstar werden würde, nur einer ohne lange Haare. „Die Hippie-Bewegung“, so bilanzierte es Strummer ziemlich gnadenlos, war ein Reinfall. Folgerichtig gründete er die semilegendäre Pub-Rock-Band The 101ers, brach dafür nach der Schule seine Ausbildung als Grafiker ab und schloss sich der Hausbesetzer-Szene im Westen Londons an.

Nach einem Sex Pistols Konzert formte Strummer zusammen mit Mick Jones „The Clash“, die, wie er einräumte, nicht besonders talentiert waren, sich aber eben besonders anstrengten. Während die Pistols vor allem durch permanente Provokationen für Aufruhr sorgten, waren The Clash das soziale Gewissen des Punkrocks. Joe Strummer hat es immer wieder geschafft, Revolution in Poesie zu verwandeln. Bereits im Frühjahr 1977 schlägt der Song „White Riot“ in die Charts ein. Den Song schrieb Strummer, nachdem er mit Bassist Paul Simonon 1976 in Aufstände rund um den Notting Hill Carnival verwickelt war. In „White Riot“ geht es um Gerechtigkeit, Ethnien und Klassen, und dass sich die Weißen doch mal ein Vorbild an der Kraft der marginalisierten Schwarzen nehmen sollten. 

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The Clash - White Riot (Official Video) | Bild: theclashVEVO (via YouTube)

The Clash - White Riot (Official Video)

The Clash feiern schnell Charterfolge - auch in den USA

Die erste Tour von The Clash mit den Support-Bands The Jam und Buzzcocks gerät zum Triumphzug. In Amerika wird „The Clash“ zur meist verkauften Importplatte aller Zeiten, da die US-Firma das Album aus Mangel an Single-Kandidaten nicht veröffentlicht. Im Sommer 1978 erscheint das zweite Album „Give Em Enough Rope“, das in den englischen Charts schon auf den zweiten Platz klettert.

Auch in den USA löstGive Em Enough Rope“ erste Begeisterungsstürme aus. Aber das Album, das dann alles verändert hat, das war im Jahr 1979 „London Calling“. Musik mit der Energie, der Wut und der Dringlichkeit des Punk, aber vom Sound her offen wie ein Scheunentor – und die große Verwunderung: Sowas kann Punkrock wirklich auch?

Als mich das Cover von "London Calling" anlachte

Als ich als damals Zwölfjähriger meine Oma im niederbayerischen Deggendorf besucht habe, da lag dieses Album stapelweise vor der Kasse eines großen Kaufhauses. Und weil mich als vorpubertierender Steppke das ikonische Cover so angemacht hat - man sieht darauf, wie Bassist Paul Simonon voller Wut sein Instrument zerschlägt – da hab ich sie mir sofort von meinem wenigen Taschengeld gekauft und gleich bei meiner Oma auf ihren Plattenteller geschmissen. Danach war ich nicht mehr derselbe und noch heute leg ich voller Genuss und voller Rührung diese Platte von The Clash und Joe Strummer auf.

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The Clash - I Fought the Law (Official Video) | Bild: theclashVEVO (via YouTube)

The Clash - I Fought the Law (Official Video)

The Clash und die Debatte um kulturelle Aneignung

Mit dem Erscheinen von „London Calling“ 1979 demonstrieren The Clash zugleich ihre musikalische Vielfältigkeit und ihr politisches Engagement. Mit der Wut der Arbeiterklasse rebellierten sie gegen das Establishment. Die Mischung aus Reggae, Ska, Rockabilly und wildem Punkrock ist einzigartig, könnte nur heute leicht als ein Beispiel für „kulturelle Aneignung“ gelesen werden. Aber The Clash haben ihren Einflüssen immer jede Menge Respekt und Unterstützung zukommen lassen. Dub-Wizzard Lee Scratch Perry produzierte immer wieder Songs von The Clash. Auf ihre zweite US-Tour nehmen The Clash amerikanische R&B-Legenden wie Bo Diddley, Sam & Dave und Screamin' Jay Hawkins mit. Vivian Goldmann, die berühmte britische Autorin, Journalistin und Musikerin schrieb dazu: „The Clash haben nicht geklaut. Sie haben nur den Soundtrack ihres Lebens im postimperialistischen und multikulturellen Großbritannien gespielt. Ska und Dub waren in ihrer DNA - und Reggae weniger fremd für sie, als sagen wir mal ‚Die Beatles‘“.

Aus Joe Strummers Musik spricht die Menschlichkeit

 „I hope I Die before I get old“, sang Pete Townshend von The Who in „My Generation“. Joe Strummer, der bereits 2002 mit nur 50 Jahren an einem zu spät erkanntem Herzfehler verstorben ist, hätten wir gerne noch ein paar Jährchen länger auf dieser Erde gehabt. Denn aus Joe Strummer und seiner Musik spricht so viel Menschlichkeit. Die Menschlichkeit eines absolut unorthodoxen Punkrockers, was dieses Zitat von ihm zum Schluss verdeutlicht:

„Eines möchte ich schon noch sagen: Wenn sie nur wollten, könnten Menschen alles verändern. Und das bedeutet für diese Welt so viel. Das ist etwas, was ich gerade lerne: Die Leute da draußen tun sich schlimme Sachen an. Weil sie so entmenschlicht wurden. Es wird Zeit, dass wir die Menschlichkeit wieder zurück in die Mitte des Boxrings bringen. Ohne Menschen sind wir gar nichts. Das sollten wir auf ein Riesen-Billboard am Times Square stehen haben!“