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Musikkonsum heute Das Album im Zeitalter von Playlists – Ist das Kunst oder kann das weg?

Alben verlieren an Bedeutung - das hat auch eine Studie von Universal Music bestätigt. Nur wenige Streamingnutzer hören ein Album von vorne bis hinten durch. Doch die Playlists auf Streamingplattformen boomen. Lösen Playlists also das klassiche Album ab?

Von: Melanie Strobl

Stand: 21.08.2019

Rihanna hebt den Zeigefinger | Bild: picture-alliance/dpa

Die Zeiten des Albums sind vorbei – so scheint es zumindest, wenn man sich den derzeitigen Musikmarkt anschaut. Denn gerade im deutschen Hip-Hop wird eine Single nach der anderen veröffentlicht. Der Münchner Rapper Fatoni kann den Trend nachvollziehen, denn eine Single ist deutlich entspannter zu produzieren als ein ganzes Album: "Ein Album kann einen ganz schön hart stressen, vor allem, wenn man krassen Perfektionismus hat. Es soll ja ein Gesamtkunstwerk werden und es muss alles zusammenpassen, bis zur Tracklist. Wenn man nur noch Songs macht dann fällt das natürlich weg. Ich fänd es wirkllich schade, wenn das klassische Album ausstirbt."

Die besten Songs eines Albums werden meistens schon vorveröffentlicht

Rapper Fatoni setzt weiterhin auf physische Tonträger. Sein Album "Andorra" erschien auf CD und Vinyl.

Eine Studie von Universal Music bestätigt es - Alben verlieren an Bedeutung. Unter zehn Prozent der Spotify Free User hören ein Album komplett durch. Irgendwie auch verständlich, denn häufig kommt es vor, dass sich nicht alle Songs eines Albums als qualitativ gut herausstellen. Die ein oder zwei Hits darauf werden meistens schon als Single vorveröffentlicht.

Tracks, die einem gefallen, schiebt man heutzutage auf seine eigenen Playlists. Oder man folgt einer passenden Playlist aus dem riesigen Streamingangebot. Beispielsweise der Spotify Playlist „Modus Mio“, mit immerhin über eine Millionen Followern. Um auf dieser zu landen, braucht es heutzutage kein Album mehr – bestes Beispiel dafür: Rapperin Loredana. Sie hat bisher nur Singles veröffentlicht und ist mit ihrem aktuellen Song „Eiskalt“ ein Teil der mächtigen "Modus Mio"-Playlist.

Songs passen sich dem Streaming an

Auch die Strukturen von Songs mussten sich den ungeschriebenen Gesetzen von Streamingdiensten anpassen. Die goldene Regel für Deutschrap, der erfolgreich gestreamt werden will: Songs unter 2:30 Minuten und der Refrain muss am besten gleich zu Beginn kommen. So fesselt man die Hörer schneller an den Song und das ist sehr wichtig für die Künstler, denn wenn der Hörer skippt, verdienen die kein Geld.

"Künstlerinnen und Künstler, Plattenfirmen und Urheber werden dann für ihren Stream bezahlt, wenn er mindestens 30 Sekunden gehört wird."

Martin Lücke - Professor für Musikmanagement, Hochschule Macromedia

Die "Modus Mio" - Playlist auf Spotify

Was jetzt beim Deutschrap als die goldene Regel gilt, wusste Popikone Rihanna schon vor zehn Jahren. Wenn man ihre zwei Hits „Umbrella“ (2007) und „Rude Boy“ (2009) vergleicht, sieht man, dass „Umbrella“ noch eine ganze Minute bis zum Refrain braucht – bei „Rude Boy“ beginnt er schon nach den ersten elf Sekunden.

Auch eine kanadische Studie von 2017, in der Hits der letzten 30 Jahre miteinander verglichen wurden, kam zu derselben Erkenntnis. 40-sekündige Intros, die einen Song langsam aufbauen, sind gewichen. Streaming hat den Musikmarkt verändert, so viel ist klar. Und auch die guten alten Konzeptalben, eine Ära der 60er und 70er Jahre (man denke an "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band" von den Beatles, "Hot Rats" von Frank Zappa oder "The Wall" von Pink Floyd) sind verschwunden, wenn auch nicht ganz.

Denn es gibt noch Ausnahmen, wie man beispielsweise am aktuellen Album von den Deutschrappern Orsons sieht. Musikalisch wird man in vier Kapiteln mitgenommen auf eine Reise zu „Orsons Island“ – so auch der Name des Albums. Den roten Faden versteht der Hörer also nur, wenn er das Album von vorne bis hinten durchhört. Das Musikalbum ist nicht tot - es kann überleben, wenn es ein Gesamtkunstwerk bleibt und eben nicht nur das Gerüst für zwei Hit-Songs.


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