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Musik als Product-Placement Wie Stranger Things vergessene Songs wieder populär macht

37 Jahre nach seiner Veröffentlichung stand „Running Up That Hill“ von Kate Bush auf Platz eins der Billboard Charts. Auch "Master Of Puppets" von Metallica steht in den Charts. Zu verdanken haben das die Songs der Netflix-Serie „Stranger Things“. Der gezielte Einsatz von Songs gehört schon immer zur Strategie – das hat Vor- und Nachteile.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 05.07.2022

Max mit Kopfhörern im Bann von Vecnas Fluch | Bild: Courtesey of Netflix

Hinweis: Dieser Artikel enthält kleine Spoiler.

Es ist wohl die Szene in der neuen Staffel von „Stranger Things“. Heldin Maxine steckt in einer für sie lebensbedrohlichen Situation in der Paralleldimension Upside Down. Es sieht schlecht für sie aus, sie ist in den Fängen von Vecna, dem Bösewicht der vierten Staffel gelandet. Skrupellos ermordet er traumatisierte Teenager mit telekinetischen Fähigkeiten, ein Mittel, seinem Fluch zu entfliehen, kennt keiner. Maxine ist sein neues Opfer. Doch als alles verloren scheint, ertönt da plötzlich dieser Song, ertönen da plötzlich die altbekannten Synthesizer. „Running Up That Hill“ von Kate Bush.

Max hat den Song immer wieder auf ihrem Walkman gehört, er gibt ihr Kraft. Auch dieses Mal reißt sie die Melodie aus ihrer Trance heraus – und hilft ihr tatsächlich, vor Vecna zu fliehen. Im Laufe der Staffel wird der Song dann immer wieder eingesetzt, er ist sozusagen der zugehörige Hit. Das passt, schließlich ist er geheimnisvoll und mit seinem Hinterfragen von selbstverständlichen Gender-Rollen auch Ausdruck des Unbehagens der Charaktere in „Stranger Things“.

„Running Up That Hill“ bricht Chart-Rekorde wegen “Stranger Things”-Staffel vier

Vecna mit einem Opfer in der vierten Staffel von Stranger Things

Nach 37 Jahren bricht „Running Up That Hill“ deshalb einen Chart-Rekord nach dem anderen. Millionen Klicks auf den Streaming-Plattformen, Platz eins in Großbritannien, Kate Bush als älteste Frau mit einem eigenen Song an der Spitze der Charts, 2,3 Millionen Dollar zusätzlicher Verdienst für Kate Bush, nur wegen „Stranger Things“. Das liegt daran, dass die Serie nicht nur Marken, sondern auch Songs wie Product-Placements einsetzt. So wie die Protagonistin Elfie während ihrem Telekinese-Training mal angestrengt aus der Coca-Cola-Dose schlürft, werden bestimmte Songs in dramaturgisch wichtigen Momenten eingesetzt – und bleiben so im Gedächtnis hängen. Im kürzlich erschienen Staffelfinale passiert das auch mit „Master Of Puppets“ von Metallica. In einer epischen Szene spielt ihn Eddie Munson auf der E-Gitarre, während er von Monstern und roten Blitzen im Upside Down umzingelt wird. Und wieder steht der Song in den Charts. Das Besondere: Die Musik läuft nicht einfach nur als Soundtrack nebenher, sondern ist Teil der Handlung. Wenn eine Marke wie Coca-Cola Teil der Handlung wird, ist das nervig. In Bezug auf Musik allerdings großartig.

Stranger Things produziert Hits wie die Fußballweltmeisterschaft

Coole Songs aus den 80ern werden so plötzlich wieder populär. Denn als eine der wenigen Serien hat „Stranger Things“ diese Kraft, Songs in die Charts zu schieben. Schließlich ist die Serie das Netflix-Flagschiff schlechthin. Jeder kennt sie, liebt sie oder hasst sie, mag die neue Staffel mehr oder weniger. Kein Wunder, dass Stranger Things eine ähnliche Bedeutung für die Popularität von Songs hat wie früher „Wetten, dass“ oder eine Fußball-WM. Mit Kate Bush ist es dieses Jahr ein bisschen so wie bei der Weltmeisterschaft, als alle Sportfreunde Stiller oder White Stripes hörten.

Staffel eins: „Should I Stay or Should I Go“ von The Clash

Die Hauptcharaktere in Stranger Things

Schon in der ersten Staffel machte „Stranger Things“ mit seinem Soundtrack Schlagzeilen. Angefangen mit dem Song-Placement hat man damals mit niemand geringerem als The Clash: „Should I Stay or Should I Go“ ist in Staffel eins der Song von Jonathan Byers und seinem Bruder Will. Als Jonathan mit seinem im Upside Down verlorenen Bruder Will kommunizieren möchte, tun sie das über „Should I Stay or Should I Go“. Die beiden haben den Song früher immer wieder zusammengehört – The Clash ist in der Serie wie im echten Leben ein Symbol für die Punk-Attitude von Jonathan, für das Nichtverstandenwerden und für die vielen, vielen Schwierigkeiten, die Menschen in einer Kleinstadt haben, wenn sie ein bisschen anders sind als der Durchschnitt. Und auch in Sachen dramaturgischer Einsatz wurden damals schon Standards gesetzt: In einer besonders gruseligen Szene ertönt der Song aus dem Nichts im Radio, kurz bevor ein Monster das Haus der Byers attackiert. Immer wieder werden wir in Staffel eins dann von The Clash begleitet. Dasselbe Prinzip wie jetzt bei Kate Bush.

Staffel zwei: Billie Holiday, Metallica und die Ghostbusters

In Staffel zwei nutzt „Stranger Things“ Songs, um uns neue Charaktere vorzustellen. Der fürsorgliche und gleichzeitig schräge Murray hört in seiner Freizeit zum Beispiel Billie Holiday, es erklingt zum Beispiel „No More“. Murray ist irgendwie schräg, irgendwie aus der Zeit gefallen, wirkt wie ein in die Jahre gekommenes Modell, das man trotzdem noch liebt. Wie die Songs von Billie Holiday. Außerdem steht „No More“ für das Verarbeiten von Traumata, insbesondere bei Nancy und Jonathan, die Murray besuchen und dort ihre Liebe zueinander entdecken – mit Hilfe von Billie Holiday. Maxines Bruder Billie, ein Teenager mit Aggressionsproblemen, legt dagegen „The Four Horsemen“ von Metallica auf den Plattenspieler. Wie er sich dazu aufplustert ist irgendwie geil und abstoßend zugleich. Und um nochmal zu verdeutlichen, wie nerdig und gleichzeitig cool die Hautpheldinnen der Serie sind, arbeitet die Serie zu Beginn der zweiten Staffel mit dem Look und dem Titeltrack des Kultfilms Ghostbusters.

Staffel drei: „Never Ending Story“

Wer an die dritte Staffel „Stranger Things“ zurückdenkt, erinnert sich sicher an diese eine Szene, in der Dustin und die Gang versuchen, dem gefährlichen Mindflayer zu entkommen. Dustin kommuniziert per Walkie-Talkie mit seiner Freundin – doch bevor sie ihm dabei hilft, die Welt zu retten, zwingt sie ihn erst dazu, ihr gemeinsames Lied zu singen: „Never Ending Story“ von Limahl. Ein komödiantischer Bruch aus dem Nichts, mitten rein in eine gefährliche Verfolgungsjagd, in der es eigentlich um Leben und Tod geht. Und wieder ein Song aus den 80ern, den „Stranger Things“ im Jahr 2019 auf unzählige Party-Playlisten katapultiert hat. YouTube und Spotify verzeichneten nach Staffel drei bei dem Song eine Steigerung der Zugriffszahlen um die 800 Prozent.

Der Einsatz von Musik hilft vor allem großen Labels und Streaming-Dienstleistern

Elfie, wusstest du, dass Bands pro Stream auf Spotify nur 0,008 Cent bekommen?

Immer öfter setzt Netflix Songs strategisch in Serien ein. Auch bei „Dark“ ließ sich ähnliches beobachten, bei „Black Mirror“ und erst kürzlich in der Serie „Gods Favorite Idiot“, in der immer wieder Harry Styles gespielt wird. Und das ist nicht nur cool. Schließlich profitieren gerade bei älteren Nummern meistens nicht die Interpreten, sondern Streaming-Dienstleister, Labels oder Verlage, die sich die Rechte gesichert haben. Und natürlich trägt das Ganze auch dazu bei, dass Nutzer*innen noch mehr Zeit auf Spotify verbringen oder sich ein Abo holen, weil sie dort nicht mehr nur die neuen, sondern jetzt auch die Songs aus den 80ern hören wollen. Das Problem: An einem Klick auf Spotify verdienen zum Großteil die Plattformen und Labels, Künstler*innen erhalten nur Cent-Bruchteile.

Die Kooperation zwischen Serien- und Musikstreamingdiensten allerdings gedeiht in Sachen „Stranger Things“ weiter wie der Demogorgon im russischen Hochsicherheitstrakt. Gerade hat Spotify in Zusammenarbeit mit Netflix deshalb einen Playlist-Generator veröffentlicht, um Fans auf die Musikplattform zu locken. Er spuckt einen Song aus der aktuellen Staffel aus, mit dem die Hörer*innen Vecna, den gruseligen Bösewicht der vierten Staffel, besiegen können. Genauso wie Maxine das mit „Running Up That Hill“ gemacht hat.