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Die Zukunft ist weiblich Wie sie in Karlsruhe das Patriarchat aus dem Staatstheater fegen wollen

Das Badische Staatstheater in Karlsruhe ist seit dieser Spielzeit ausschließlich in Frauenhänden – auch wenn der männliche Generalintendant bleiben darf. Alle fünf Sparten von Oper bis Schauspiel werden von Frauen geleitet – und im Theater inszenieren obendrein nur noch Regisseurinnen.

Von: Bene Mahler

Stand: 27.11.2018

Henrik Ibsen ist eine Ausnahmeerscheinung im Theaterkanon. Der schwedische Dramatiker schuf nämlich überwiegend starke Frauenfiguren – wie Nora, Hedda und Ellida, die Frau vom Meer. In der ersten Inszenierung der Spielzeit mit dem Motto „Die Zukunft ist weiblich“ stehen die drei gemeinsam auf einer Bühne des Karlsruher Staatstheaters - vereint im Kampf um ihre Selbstbestimmtheit.  Was hier Theaterspiel ist, drängt in Karlsruhe ins richtige Leben. "Zugegeben, wir sind in dieser Spielzeit politisch ziemlich unkorrekt. Wir lassen im Schauspiel nämlich nur noch Frauen ans Regiepult", sagt Anna Haas, seit dieser Saison stellvertretende Schauspieldirektorin und Dramaturgin in Karlsruhe. Eigentlich wollte sie das Interview absagen, weil ihre Tochter Paula eine Grippe hat. Es findet dann doch statt und Paula ist einfach mit dabei – genauso wie in der großen Intendantensitzung danach. „Das ist bei uns ganz normal. Wir haben hier alle großes Verständnis, dass man Zeit für seine Kinder braucht und sie auch manchmal mitnehmen muss.“

 Radikale Ungerechtigkeit auf deutschen Bühnen

Anna Haas, stellvertretende Schasuspieldirektorin und Dramaturgin in Karlsruhe

Es soll sich schleunigst was ändern im Theaterbetrieb und in Karlsruhe drängt man noch mehr darauf als anderswo. Auf deutschen Schauspielbühnen herrscht nämlich immer noch eine radikale Ungerechtigkeit. Genauso wie in Dax-Unternehmen oder in der Politik sind 70 Prozent der Regisseure Männer. Dabei gibt es genug großartige Regisseurinnen und denen will man in Karlsruhe jetzt Raum geben. Die Idee ist nicht neu. Schon seit einigen Jahren bemüht man sich in den Theaterbetrieben darum. Allerdings mit mäßigem Erfolg, die Zahlen sind immer noch erschreckend: Unter den knapp 130 Intendanten in Deutschland sind gerade einmal 20 Frauen, zwei Drittel der Schauspieler im Ensemble sind männlich – der klassische Kanon bietet doppelt so viel Rollen für Männer wie für Frauen – Schauspielerinnen verdienen durchschnittlich gerade mal die Hälfte ihrer männlichen Kollegen. Das sind extrem feudalistische Strukturen mit denen man in Karlsruhe brechen will. Die Entscheidung, Frauen in der Regie zu bevorzugen soll dabei helfen Arbeitsmöglichkeiten und Veränderungen zu schaffen. Das kann aber keine Dauerlösung sein, weiß auch Anna Haas. „Der einzige Sinn von Quoten ist, dass sich die Quote irgendwann überflüssig macht, wenn sich eine Gesellschaft entwickelt hat, die Vielfalt wie selbstverständlich abbildet.

Frauen in der Theaterregie stärken

Peter Spuhler, Generalintedant am Badischen Staatstheater in Karlsruhe

Als etwas Selbstverständliches empfindet Generalintendant Peter Spuhler seine Entscheidung, fünf Führungspositionen mit Frauen zu besetzen - ebenso wie den Entschluss, Frauen in der Theaterregie zu stärken. Mit dem medialen Echo und der scharfen Kritik hat er nicht gerechnet. „Auf der einen Seite waren die Reaktionen fast positiv übersteigernd -  das kann man auch kritisch sehen.“ Es gab Interview-Anfragen von der New York Times, gerade hat ein französisches Magazin einen kämpferischen Kommentar veröffentlicht. Ein gefundenes Fressen, war die Maßnahme auch für die Kritiker. Das renommierte Theaterblog nachtkritik.de bezeichnete sie als männerdiskriminierend und forderte Regisseure dazu auf, gegen das Theater zu klagen. Andere Kritiker wittern eine „theatralische Weiberfastnacht“ oder einen perfiden, „letzten Kniff des Patriarchats“, der darauf abziele mit kleinen Zugeständnissen das Thema zu begraben. Spuhler findet all das absurd, man rege sich ja auch nicht so leidenschaftlich darüber auf, dass es an manchen deutschen Schauspielhäusern fast nur Männer gibt. Und eins sei ohnehin klar: "Die Quote allein wird's nicht richten".

Frauenquote nur ein erster Schritt

Barbara Mundel übernimmt ab 2020 als Intendantin die Münchner Kammerspiele.

So sieht das auch auch die frühere Freiburger Intendantin Barbara Mundel, die 2020 Mathias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen ablösen wird: „Das Theater ist ein hierarchischer Betrieb und Hierarchie hat historisch etwas mit patriarchalischen Strukturen zu tun. Wenn jetzt eine weibliche Intendantin eine Führungsposition besetzt, bewegt sie sich erstmal in den gleichen Strukturen – das bedeutet nicht notwendigerweise eine Änderung des ganzen Systems“. Will man also am Patriarchalischen was ändern, muss man sich die hierarchischen Strukturen vorknöpfen.

In der Kunst ein schwieriges Unterfangen. Bis heute sind Regisseurinnen und Regisseure gewissermaßen Alleinherrscher im Betrieb – über denen lediglich der Intendant thront. Das aufzubrechen – dabei kann eine Frauenquote nicht mehr als ein erster Schritt sein. „Exklusion finde ich persönlich irgendwie doof“, sagt Barbara Mundel. „Wenn wir schon darüber diskutieren, dass Feminismus keine weibliche Frage ist, dann geht es doch im Wesentlichen um eine neue Art zu Denken – für Männer wie für Frauen“.


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