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Von Britney bis Küblböck Warum wir unseren Blick auf die Stars der Nullerjahre überprüfen müssen

Was hast Du über Britney Spears gedacht – damals, vor den Dokus? Und was über Daniel Küblböck, den Deutschland-sucht-den-Superstar-Kandidaten? Es ist Zeit, unseren Blick auf die Stars der Nullerjahre zu überprüfen. Da kann man viel bei lernen – über sich selbst, findet unsere Autorin.

Von: Paula Lochte

Stand: 23.11.2021

Daniel Küblböck bei "Deutschland sucht den Superstar", 2003 | Bild: picture-alliance / dpa | Jörg Carstensen

„Also, ich bin der Daniel, ich komme aus Eggenfelden, das ist eine Kleinstadt in Niederbayern, ‘ne coole Stadt, und jetzt bin ich da.“ Jetzt ist Daniel da. Eckige Brille, lange Haare, Schlaghose. Daniel Küblböck stellt sich 2002 beim Casting für die allererste Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ dem Urteil von Dieter Bohlen & Co., das da lautet: „Du hast ganz ehrlich eine Schraube locker. Du bist weiter.“

Daniel Küblböck erreichte Platz drei. Und polarisierte: Es gab die Fans, „Faniels“ genannt, und jene, die Küblböck verachtet haben. Der Journalist und Filmemacher Tom Ehrhardt erinnert sich noch an den Grundtenor der Schlagzeilen und Kommentare: „Wenn schon schwul, dann soll er sich wenigstens benehmen, das muss man den Leuten ja nicht auf die Nase binden“, ist ein Beispiel. Oder auch ein naserümpfendes: „Was ist das denn? Ist das jetzt eine Frau oder einen Mann?“ Ehrhardt hat sich damals gedacht: „Lasst diesen Menschen doch einfach mal in Ruhe!“ Doch insbesondere jetzt, im Nachhinein, kann er es kaum fassen: „Der war siebzehn!“

Daniel Küblböck – eine wichtige queere Figur

Tom Ehrhardt ist der Host eines zehnteiligen Podcasts über Daniel Küblböck, der dieses Jahr bei Podimo erschienen ist: „Ein Mensch verschwindet“ – denn Daniel Küblböck verschwand im Sommer 2018 auf einer Kreuzfahrt. Beziehungsweise Lana Kaiser verschwand, denn so nannte sich Küblböck seit dem Coming-out als trans Frau. Alles spricht für einen Suizid.

Warum nun aber der Blick zurück? Fast zwei Jahrzehnte nach dem Blitzlichtgewitter und schnellen Casting-Ruhm? Tom Ehrhardt erklärt: „Daniel Küblböck war eine wichtige queere Figur für Deutschland, weil er sich damals keine Gedanken gemacht hat darüber, wie er sich gibt. Er hat einfach gesagt, so bin ich, war sehr, sehr selbstbewusst, hat sich eigenständig geoutet. Daniel ist die erste eigenständig geoutete queere Person, die einen Nummer-Eins-Hit in Deutschland hatte.“

You Drive Me Crazy“ nämlich, erschienen 2003. „Er hat Grenzen durchbrochen“, sagt Ehrhardt. „Deswegen sind viele seiner Fans ihm so wahnsinnig treu geblieben.“ Die Fans hätten nicht vergessen, wie Küblböck marginalisierte Menschen in den Fokus gerückt habe, mit der Botschaft: „Wir gehören nicht an den Rand der Gesellschaft, sondern wir sind mittendrin dabei.“

Küblböck ist nicht der einzige Star der Nullerjahre, bei dem es sich lohnt, noch einmal hinzuschauen. Mit woken Augen, mit wachem Blick für Diskriminierung und Empowerment. Es sind vor allem Stars mit überwiegend queeren und weiblichen Fans, wie in Deutschland zum Beispiel die No Angels, die insbesondere für nicht-weiße Jugendliche Identifikationsfiguren waren. Oder Tokio Hotel, als Klein-Mädchen-Band verächtlich gemacht, die mit Frontmann Bill Kaulitz Geschlechternormen aufbrachen.

Britney Spears – gefeiert, verhöhnt, entmündigt

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Oder auch Britney Spears. Über Britney sind zuletzt gleich mehrere Dokus erschienen, darunter „Framing Britney Spears“ und „Controlling Britney Spears“ von der New York Times. Sie alle zeichnen sie als eine Art moderne Lady Di. Bis in die Verzweiflung verfolgt von Papparazzi. Beschimpft als zu sexy, als Rabenmutter, als irre Skandalnudel. Gefeiert, verhöhnt und schließlich entmündigt. Oder, wie es Erin Lee Carr in ihrer Doku „Britney vs Spears“ im Gespräch mit ihrer Kollegin auf den Punkt bringt: „Das ist das Patriarchat!“

Die gerade boomenden Rückschauen, sei es in Podcasts, Dokus oder privat, zeigen, wie sich unsere Celebrity-Kultur und Gesellschaft verändert hat. Interessant ist aber noch ein anderer Aspekt, wie Podcast-Host Tom Ehrhardt betont: „Bei den Leuten, die sich das trauen, die das zulassen, besteht die Faszination auch darin, sich selbst kritisch zu betrachten.“ Sich also Fragen zu stellen wie: „Was habe ich eigentlich selber damals gesagt und getan? Wie stand ich bestimmten Leuten gegenüber? Wie akzeptiert waren Sachen wie Queer Shaming, Body Shaming, Ageism?“ Denn dann, so Ehrhardt, werde einem bewusst: „Ja, ich war da sicherlich auch ein Teil davon.“

Bleibt die Frage, welchen Star der Nullerjahre wir als Nächstes umdeuten, neudeuten und – endlich anerkennen.