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Gleichberechtigung in der Musikszene Wer sich den Platz in der Poplandschaft immer noch erkämpfen muss

Der Pop ist voller Frauen? Die GEMA hatte 2016 für uns die Top 100 Single-Jahrescharts analysiert. Ergebnis: Extrem wenige Frauen. Jetzt gibt es ein Update. Spoiler: Es hat sich wenig getan. Auf Label-Ebene kommt aber Bewegung rein.

Von: Ann-Kathrin Mittelstrass & Katja Engelhardt

Stand: 02.11.2021

Man kann mittlerweile den Wecker danach stellen. Jedes Jahr, wenn das Festival Rock am Ring sein Line-up bekannt gibt, folgt die berechtigte Frage und mit ihr auch gleich ein Shitstorm: Wo sind die Frauen? Sexismus und fehlende Geschlechtervielfalt im Musikgeschäft sind in den letzten Jahren ein Riesenthema geworden. Auch wir haben uns 2017 in einem Zündfunk-Generator damit befasst. Die Erkenntnis damals: Sowohl in den Charts und auf den Bühnen, als auch hinter den Kulissen der Musikbranche sieht es schlecht aus mit der Gleichberechtigung. Und heute? Was ist passiert, seitdem diese Zustände eine breite Öffentlichkeit erfahren? Zeigt die Kritik an Rock am Ring und anderen Männerbastionen im Pop mittlerweile Wirkung?

Zur Erinnerung: Zusammen mit der GEMA hatten wir 2016 zum ersten Mal die deutschen Top100 Single-Jahrescharts auf das Geschlechterverhältnis analysiert, anhand der offen einsehbaren Charts, die die Gesellschaft für Konsumforschung erstellt. Kurz: GfK. Neben den regulären physischen Verkäufen, fließen hier auch Downloads ein und seit einigen Jahren Premium Streams. Das Ergebnis der Auswertung: In den Jahren 2000 bis 2016 lag der Anteil der Interpreten durchschnittlich bei 74 Prozent - der Anteil der Interpretinnen bei 26 Prozent, also gerade mal bei rund einem Viertel - trotz erfolgreicher Mega-Stars wie Beyoncé, Rihanna, Katy Perry, Taylor Swift und Adele.

Die Charts sind immer noch männlich

Die GEMA hat uns nun erneut die Top 100 Single-Jahrescharts analysiert. Diesmal in einem aktuelleren Zeitraum, von 2010 bis 2020. In diesen letzten Jahren sehen wir auch die ersten Popstars, die sich als non-binär identifizieren, also als weder weiblich noch männlich. Sam Smith und Demi Lovato sind in den deutschen Charts bisher die einzig offen non-binären Künstler:innen. Da die Anzahl der nicht-binären Künstler:innen aktuell sehr gering ist, konnte sie nicht vergleichend ausgewertet werden. Das Ergebnis ist allerdings wieder: Der Durchschnitt aller in den Titeln genannten Acts besteht weiterhin zu einem deutlich höheren Anteil aus Männern. Nämlich 81 Prozent gegenüber 19 Prozent Frauen.

Von 2010 bis 2020 sind im Schnitt 81 Prozent der Interpreten und Interpretinnen in den Single-Jahrescharts Männer und nur 19 Prozent Frauen.

In den US-Charts sieht die Lage übrigens ähnlich aus. Die University of Southern California hat dieses Jahr die Ergebnisse einer Auswertung aller Billboard Hot 100 zwischen 2012 und 2020 veröffentlicht. Frauen landeten als Interpretinnen in den vergangenen neun Jahren durchschnittlich nur 21,6 Prozent der Hits.  

"Es besteht eine enorme Schieflage im Verhältnis von Komponistinnen und Texterinnen zu ihren männlichen Kollegen. Was das Verhältnis der Urheberinnen gegenüber den Urhebern angeht- wir sprechen hier von Songwriting und Komposition - gibt es eine noch größere Schieflage", sagt Matthias Dengg, Kommunikationsmanager bei von der GEMA. "Im betrachteten Zeitraum liegt der Anteil von Urheberinnen an der Gesamtzahl der analysierten Songs konstant unter 20 Prozent, 2019 lag dieser Anteil sogar unter zehn Prozent. Im vergangenen Jahr ist der Wert wieder leicht gestiegen, jedoch ist die Lage von Urheberinnen nach wie vor desolat."

Im gleichen Zeitraum sind außerdem lediglich 13 Prozent aller Urheber und Urheberinnen in den Single-Jahrescharts weiblich.

Da sich die GEMA in Deutschland um die Verwertung von Urheberrechten kümmert, verfügt sie über wertvolle Datenbanken und großes Wissen darüber, wer in welcher Form an bestimmten Songs beteiligt war - für die Analyse der Urheber:innen unerlässlich. "Die GfK bildet in ihren Jahrescharts die Interpreten ab, die GEMA die Urheberinnen und Urheber. Um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten, haben wir bei der Analyse dieselben Kriterien und Gewichtungsfaktoren angesetzt wie die GfK", erklärt Matthias Dengg das Vorgehen und ergänzt: "Somit können wir unsere Zahlen mit denen der GfK ins Verhältnis setzen."

"words & music: male"

Wir gehen also tiefer in die Strukturen hinter den Songs in den Charts: Von den Interpretinnen und Interpreten zu Urheberinnen und Urheber. Hinter den ganz großen Hits stecken - nicht immer, aber in den allermeisten Fällen  - nicht nur die Interpretierenden selbst, sondern ein ganzes Team, das die Songs schreibt oder an ihnen mitschreibt - die Urheber:innen. Taylor Swift oder Ariana Grande und auch andere Stars machen immer seltener ein Geheimnis daraus, mit wem sie arbeiten. Und nicht zuletzt hat das legendäre Motown Label genauso gearbeitet, wie eine mit Fließband betriebene Hitfabrik. Trotzdem geht es auch hier um Strukturen: Wer schreibt für wen? Wer produziert für wen? Und wer veranlasst das?

Wie die Musikindustrie aufgestellt ist, das ist kein Nischenthema mehr. Es wird auf vielen Ebenen diskutiert. Zahlen sollen Aufschluss über den aktuellen Stand geben, wie die aus der Keychange Studie von 2021. Keychange ist eine von der EU geförderte Initiative, die die Gleichstellung in der Musikindustrie voranbringen will. Die Initiative wird unter anderem vom Reeperbahn Festival in Hamburg mitgetragen. Sie hat Kooperationspartner in Schweden, Großbritannien, Island und Estland. Zusammen mit der MaLisa Stiftung - 2016 gegründet von Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth Furtwängler - hat Keychange eine Studie in Auftrag gegeben und im September 2020 veröffentlicht. In einem Fragebogen wurden unter anderem verschiedene in der Musikwirtschaft Arbeitende nach ihren Einschätzungen befragt, was die Gleichstellung in der Musikbranche angeht. Und es scheint als würden Männer und Frauen andere Perspektiven haben.

"Ich finde, Leute werden viel zu wenig gebucht. Line-Ups, Festivals, Podcasts - jegliche Form von Bühne ruht sich meiner Meinung nach sehr oft drauf aus, dass eine Quoten-queere Person eingeladen wird. Und dann gibt es ein Häkchen."

Rapper*in Kerosin95

​Der Aussage "Die Chancengleichheit hat sich in den letzten fünf Jahren deutlich verbessert" stimmten 65 Prozent der Männer zu und 42 Prozent der Frauen. Die Frage, ob ihnen aufgrund ihres Geschlechts schon einmal bestimmte Fähigkeiten nicht zugetraut worden sind, bejahten 14 Prozent der Männer - und 68 Prozent der Frauen. Dass sich die Geschlechtervielfalt in der Geschäftsführung ihres Unternehmens widerspiegelt, fanden 32 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen. Weitere Ergebnisse und die gesamte Studie sind online einsehbar.

Gender-Fragen als Kaufentscheidung 

Diese Studie hat nicht nur die Musikwirtschaft auf Gleichstellung abgeklopft, sondern auch Menschen zwischen 16 und 69 Jahren zu ihrem Musikkonsum befragt. Das Ergebnis: Je jünger die Befragten, desto häufiger waren Gender-Aspekte Argumente für oder gegen eine Kaufentscheidung, etwa ob ein Festival besucht wurde. Hier gibt es einen eindeutigen Trend. Der schlägt sich so scheinbar noch nicht in den Top 100 Single-Jahrescharts nieder, aber eine Veränderung gibt es dort: Der Anteil aus dem Genre Deutschrap und seinem Dunstkreis steigt. Mit "Dunstkreis" meinen wir Genre-Projekte von Rappern, die durch die Rap-Persona bekannt sind - wie Joker Bra (das Alter Ego von Capital Bra) - oder mit dem Pop liebäugelnde Interpreten wie KAYEF. Die in diesen Charts vertreten Rap-Artists sind mehrheitlich männlich und bilden numerisch die größte Gruppe, wenn nach Geschlecht unterschieden wird.

In den Top 100 Single-Jahrescharts von 2010 bis 2020 gab es lediglich fünf Deutschrap-Songs mit rein weiblicher Beteiligung.

In dieser Auszählung ist das Genre Deutschrap ausschlaggebend, sowie die Nennung im Songtitel. "110" von Capital Bra, Samra und LEA ist genauso als ein Deutschrap-Song gezählt worden wie "Vermissen" von Juju und Henning May. Im zweiten Schritt lag der Fokus auf den Anteilen der beteiligten Frauen und Männer an jeglichen Songs, die dem Genre zugeordnet werden können.

In den Top 100 Single-Jahrescharts gibt es kaum Songs aus dem Bereich Deutschrap, die nur von Frauen interpretiert werden. Von 2010 bis 2020 sind davon fünf Songs mit rein weiblicher Beteiligung. Darunter ist ein Feature (Juju x Loredana - "Kein Wort"). Nur drei Rapperinnen sind überhaupt solo vertreten: Loredana ("Genick"/"Jetzt rufst du an"), Shirin David ("Gib ihm") und Céline ("Tränen aus Kajal").

"Im HipHop werden auch Texte geschrieben - nicht Wort für Wort, aber mitgeholfen. Die Texte für die weiblichen Rapperinnen werden fast immer von Männern geschrieben. Absurd, weil Frauen umgekehrt ja auch nicht für Rapper schreiben. Da muss man dran arbeiten. Es gibt ja tolle Texterinnen wie Karo Schrader und Ela Steinmetz."

Natascha Augustin vom Musikverlag Warner Chappell

Das soll nicht über die durchaus achtbaren Erfolge deutscher Rapperinnen hinwegtäuschen. So ist Shirin David auch solo auf der Nummer eins der Singlecharts gewesen und war Katja Krasavice auf der Nummer eins der Albumcharts. Für die Top 100 Single-Jahrescharts gilt das nicht. Eine Tendenz ist allerdings erkennbar: Je mehr Songs aus dem Genre Deutschrap in den von uns beobachteten Charts auftauchen, desto mehr Interpretinnen sind beteiligt. Wieso das so ist, ist schwierig zu sagen. Weil aber besonders wenige dieser Deutschrap-Songs rein weiblich besetzt sind, lohnt sich ein Blick auf die Features. Vielleicht hängt die Präsenz von Frauen im Zusammenhang mit Deutschrap davon ab, welcher Rapper erfolgreich ist und ob er überhaupt Frauen featured - egal aus welchem Genre - oder nicht.

Je mehr Deutschrap-Songs in den Charts desto mehr Interpretinnen

Ein Beispiel um den Gedanken zu verdeutlichen: Capital Bra ist - inklusive seiner Songs als Joker Bra - in unserer Auszählung mit 26 Songs vertreten, davon sind 20 Songs Features, sechs davon mit Frauen - was 30 Prozent all seiner in den Top 100 Single-Jahrescharts vertretenen Songs sind. Bonez MC dagegen hat von 2010 bis 2020 insgesamt 14 Songs in den Top 100 Single-Jahrescharts, davon sind 10 mit oder als Feature, keins davon ist eine Frau.

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CÉLINE - Tränen aus Kajal (Offizielles Video) | Bild: CÉLINE (via YouTube)

CÉLINE - Tränen aus Kajal (Offizielles Video)

Dabei könnte die "Ver-Pop-isierung" von Deutschrap sowohl den Eintritt in die Charts erleichtern als auch Features mit Frauen begünstigen - und auch inspirieren. Immerhin ist Pop überall und somit auch die erfolgreichen Vorbilder. Die Bandbreite an Deutschrap hat sich in den letzten Jahren enorm erweitert - HipHop-Journalistin Florence "Lupa" Bader, Chefredakteurin des HipHop-Magazins MZEE.com: "Ich glaube, dass es deswegen viel mehr geworden ist, weil einerseits Rap in so viel mehr Bereichen stattfindet und so viel anerkannter ist - egal ob im Fernsehen, im Radio, egal wo - und weil natürlich auch viel mehr Frauen damit zu tun haben und dadurch noch viel mehr Menschen Zugang haben und aber auch Teil davon sein 'dürfen' oder sind."

Die Frauen in den Top 100 Single-Jahrescharts sind ein Bruchteil dieser Bandbreite. Es ist aber nicht so, dass derart wenig Frauen rappen würden - Florence "Lupa" Bader: "Ich glaube, es liegt ganz viel daran, dass von zwei Seiten befeuert wird, nach oben zu kommen. Das eine sind die Plattenfirmen, die sich natürlich auch Frauen aussuchen, die sie signen und pushen und wo sie ganz viel Geld reinstecken und die irgendwo platzieren. Und das andere sind dummerweise ja immer noch die Hörer. Also die Charts sagen dummerweise aus, wie viele Menschen sich das angehört haben oder wie viel Geld dafür ausgegeben worden ist."

Ein Blick in die Labels

Die Charts bestimmen wir alle durch unser Konsumverhalten mit. Aber wie sieht es in den Labels aus, hat sich hier etwas verändert? Hier einige Beispiele:

1. Warner Chappell

Natascha Augustin ist A&R Managerin bei Warner Chappell, dem Musikverlag von Warner. Sie signt auch aus dem Bereich Deutschrap. Sie arbeitet mit den Produzenten Miksu, The Krauts und den Rappern Marteria, Nimo, Capital Bra und Bonez MC - und das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Außerdem arbeitet Natascha Augustin seit Jahren an der Vernetzung von Frauen in der Musikbranche. Sie hatte uns 2016 über die Labelstrukturen gesagt: "Das ist ein Boys Club. Als ich angefangen hab, war es auch noch relativ normal, dass man ins Puff gegangen ist, wenn der amerikanische Chef nach Deutschland kam. Das war einfach so und das wird schon teilweise immer noch so sein. Plakatives Beispiel, aber so ist es halt teilweise wirklich noch." 

Die Strukturen in der Musikbranche, sagt Natascha August, sind auch 2021 noch immer männlich geprägt. Obwohl gerade diese Branche oft als progressiv wahrgenommen wird. Ein Wandel sei aber schon festzustellen. Das Label Warner hat mit Doreen Schimk eine weibliche Co-Geschäftsführerin: "Das ist schon eine totale Ausnahmerscheinung, einen weiblicher CEO. Aber es gibt schon mehr und mehr Frauen, die noch nicht vorgedrungen sind auf Executive Ebene, aber in der unteren oder mittleren Führungsetage einsteigen. Es dauert. Es ist nach wie vor immer noch viel zu wenig und zäh, aber ein vorsichtiger Wandel ist festzustellen."

2. 365XX

Lina Burghausen ist eine Kollegin von Natascha Augustin. Burghausen betreibt 365XX. Dieses Unterlabel von PIAS hat sie gegründet und signt darauf FLINTA*(*). Das steht für Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre Personen, trans Personen und agender. Es ist das erste Label dieser Art in Europa. Braucht es denn extra ein so ausgerichtetes Label? Scheinbar schon. "Eine der dümmsten Aussagen, die ich jemals gehört habe über Frauen im HipHop, ist es, dass Frauen einfach genetisch weniger dazu gemacht sind, zu rappen", dabei muss Lina Burghausen etwas lachen. So dämlich findet sie diese Aussage. 

"Lina Burghausen war auf jeden Fall ein Name, den ich kannte. Ich fand sie immer richtig krass, was sie gemacht hat, wofür sie eingestanden ist. Dann hat sie das Label gegründet und ich dachte so: Da will ich unbedingt mal hin."

Rapperin Mariybu

Für Lina ist das Label, das im Frühjahr 2020 an den Start gegangen ist, nur ein logischer nächster Schritt in ihrem Kampf für mehr Vielfalt im HipHop. Die Leipzigerin, die als DJ unter dem Namen Mona Lina auflegt, ist in der HipHop-Szene mit ihrem Blog bekannt geworden: 365 Female MCs. Ein Jahr lang stellte Lina jeden Tag eine HipHop-Künstlerin aus der ganzen Welt vor. Ihre Antwort auf das Argument "man würde ja gerne mehr Frauen buchen oder mehr über Frauen im HipHop berichten, aber es gibt ja so wenige" – das zählt für sie nicht. Ihr Blog trifft einen Nerv: "Ich hab von Veranstalterinnen und Veranstaltern die Rückmeldung bekommen, dass sie den Blog nutzen, um aktiv nach Künstlerinnen zu suchen, die sie buchen können. Von Medien, dass es eine coole Recherche-Grundlage ist. Von Künstlerinnen hab ich ganz viele Zuschriften bekommen, dass sie immer das Gefühl hatten, dass sie allein auf weiter Flur sind. Allein einfach mal diese Masse zu sehen und zu sehen: Da ist jetzt eine Plattform, die mich mitdenkt, wo ich nicht das seltsame Einhorn bin, sondern wo es auch um meine Musik geht. Die Porträts, die ich geschrieben habe über diese Künstlerinnen, da ging’s eben nicht darum, immer nur zu betonen, dass das ne Frau ist, sondern: Was machen die in ihrer Musik?"

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Mariybu - Toxic (Official Music Video) | Bild: Mariybu (via YouTube)

Mariybu - Toxic (Official Music Video)

3. Big Dada

In den UK gibt es ein Label, das noch progressiver voranschreitet. Anfang 2021 hat Big Dada Records, ein Sublabel von Ninja Tune, ein sogenanntes "Mission Statement" verkündet: Big Dada ist nun ein Label von und für schwarze Menschen, People of Color und ethnische Minderheiten. Das gilt sowohl für die Labelstruktur als auch für die Artists, wie zum Beispiel die R'n'B-Künstlerin Yaya Bey. Ein großes Unterfangen - auch weil eingefahrene Abläufe hinterfragt werden müssen. Eventuell kommen bei Lesenden gerade die Fragen auf: Okay, und wie wollen die das überprüfen? Eine Person abweisen, weil sie nicht einer Minderheit angehört - das ist doch illegal? Alex Ives, einer der beiden Label-Führenden kennt diese Fragen und nimmt sie ernst, sieht das eigentliche Unterfangen darin aber nicht erkannt: "Solche Argumente reduzieren unser Vorhaben zu Stichpunkten und Überschriften. Das ist kein schnelles: Du arbeitest bei uns - du nicht." 

"Je weiter du kommst, irgendwann sind einfach nur noch weiße Männer in den Labelstrukturen. Ist ja auch ungeil, wenn du dann deine Musik präsentiert und du den Leuten erst mal verklickern musst, dass die Musik die du machst nice ist. Weil es wichtig für die Leute ist, die deine Musik hören. Es macht schon was aus."

Rapperin Nashi44

Big Dada will ganzheitlich handeln. Auf der Homepage des Labels finden sich Editorials - Essay-artige Texte, verfasst von schwarzen Künstlerinnen - und auch ein Reiter mit der Bezeichnung "Ressources". Wer dort drauf klickt, bekommt eine sehr ausführliche Liste mit Mental Health Angeboten angezeigt, für alle zugänglich. Die Bezeichnungen "Mental Health" und "Ressourcen" sind zu Buzzwords geworden. Zu Beschreibungen, die mitunter strukturelle Probleme aufzeigen. Wie die Beobachtung, dass einige Artists sich nicht einfach auf ihre Musik konzentrieren können, weil sie sich auch mit Diskriminierung auseinandersetzen müssen: Transfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Rassimus.

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NASHI44 - AUS DER PUSSY (Official Video) (English & Vietnamese Subtitles) | Bild: NASHI44 (via YouTube)

NASHI44 - AUS DER PUSSY (Official Video) (English & Vietnamese Subtitles)

Neben einer bewussten Aufstellung von Mitarbeitenden und künstlerischen Acts hat das Label sich auch ökologische Ziele gesetzt: Kohlenstoffneutral werden bis zum Ende des Jahres 2021 - danach will Big Dada sogar CO2-Negativ sein. Das ist ausgesprochen umfassend und übersteigt die gängige Vorstellung von den Verantwortlichkeiten eines Musiklabels bei weitem. Wieso das Ganze - ist es nicht ein bisschen viel? Nein, sagt Alex Ives, der Co-Labelführende: "Ich glaube, wir sind alle verantwortlich. Es ist unsere Verantwortung gegenüber unserem Planeten, gegenüber unseren Mitmenschen. Ich bin fest überzeugt davon. Egal, ob du eine Firma mit fünf Menschen oder eine mit 5.000 Menschen hast. Du musst alles in deiner Macht stehende tun. Ein Label hat dieselbe Verantwortung wie ein Supermarkt." Und Victoria Cappelletti, die Co-Labelführende von Big Dada Recordings fügt hinzu: "Natürlich wäre es großartig, wenn diese internationalen Großkonzerne Verantwortung übernehmen würden. Dann wäre der Effekt viel größer. Aber irgendwo muss man anfangen. Und man muss überall anfangen. Nichts ist perfekt, aber einfach mal loszulegen, wird es besser machen."

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Yaya Bey - 'fxck it then' (Official Video) | Bild: Yaya Bey (via YouTube)

Yaya Bey - 'fxck it then' (Official Video)

Auch von Künstler:innen gehen Veränderungen aus, von Vorbildern, von Netzwerken. Es werden immer mehr Rapper:innen sichtbar, die auch ihre Stellung in der Musikindustrie und gesamtgesellschaftliche strukturelle Probleme thematisieren, wie Nura oder Ebow, die neben anderen in die neue Akademie für Popmusik berufen worden sind - gefördert von Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Über Zahlen und Fakten, Fortschreitende und Pionier:innen, Zukunftsvisionen und ermutigende Momente haben wir in diesem Zündfunk Generator gesprochen. Wir haben Netzwerktreffen für FLINTA*(*) und Workshops besucht, haben die Rapper:innen Nashi44, Kerosin95 und Mariybu gesprochen und die us-amerikanischen Musikerinnen Dawn Richard und Lucy Dacus zu Wort kommen lassen. In der Sendung "Erkenntnisse in Moll: Wie sich nicht nur Frauen ihren Platz in der Poplandschaft immer noch erkämpfen müssen."

Mit einem Klick auf das Bild oben startet ihr die Sendung. Und hier könnt ihr den Generator-Podcast abonnieren!

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Die Recherche basiert auf einem Themenschwerpunkt, den die Autorinnen 2016 gemeinsam mit Vanessa Patrick für PULS, das junge Programm des Bayerischen Rundfunks, umgesetzt haben. 2017 haben sie das Thema erneut behandelt, ein weiteres Jahr der Top 100 Single-Jahrescharts wurde analysiert. Der vorliegende Artikel ist ein Update.

(* )Die Abkürzung "FLINTA*" steht für Frauen*, Lesben, intersexuelle, non-binäre und trans* Personen und will also nicht nur Frauen in feministische Arbeit einschließen, sondern alle Personen, die vom Patriarchat unterdrückt werden.