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"Incel"-Bewegung Wie sich Frauenhasser im Netz formieren und was wir dagegen tun können

"Incels" sind Frauenhasser, die glauben, dass sie ein angeborenes Grundrecht auf Sex haben – und die Gesellschaft verwehrt es ihnen. Damit bewegen sie sich im Fahrwasser anderer radikaler Bewegungen, die den weißen Hetero-Mann bedroht sehen. Im Netz verbreiten sie gefährliche Gewaltphantasien.

Von: Florian Schairer

Stand: 09.05.2018

Computertastatur mit Frauenhass | Bild: BR

In der Welt der "Incels" gibt es ein schreckliches Szenario: Man trifft endlich eine Frau, aber sie ist eine "Stacy", die sich keusch gibt – um dann mit dem nächsten "Chad" ins Bett zu steigen. "Chads", das sind muskulöse, attraktive Männner, gegen die "Incels" keine Chance habe, denn Chads kriegen jede Frau ins Bett.

"Incel" ist die Abkürzung für unfreiwillig Zölibatäre

"Incel", das ist die Abkürzung für den englischen Ausdruck "involuntary celibates", auf Deutsch bedeutet das "unfreiwillig Zölibatäre". Dahinter steckt eine Online-Community von weißen, heterosexuellen Männern, die glauben, dass sie ein angeborenes Grundrecht auf Sex haben, das ihnen verwehrt wird.

Aditi Natasha Kini, Autorin und Feminstin aus New York

Seit etwa fünf Jahren vernetzen sich Männer unter diesem Begriff im Internet, sagt Aditi Natasha Kini. Die New Yorker Autorin und Feminstin, beschäftigt sich schon länger mit der seltsamen Welt der "Incels". Die bekannteste Gruppe auf Reddit mit dem Namen "Incel" entstand im Juli 2016 und wurde im November 2017 aufgrund der gewaltverherrlichenden Inhalte von Reddit wieder geschlossen. Zu diesem Zeitpunkt hatte das "Incel"-Subreddit bereits über 40.000 Mitglieder.

Im Netz finden sich Phantasien von Vergewaltigung und Kastration

Von den dort verbreiteten Gewaltphantasien war Kini geschockt: Vergewaltigungsphantasien fanden sich dort ebenso wie Pläne, wie man die "Chads", also erfolgreiche Männer, kastrieren könnte. Denn "Incels" haben nicht nur keinen Sex. Sie sind der Meinung, dass sie von "Stacys" und  "Chads" und überhaupt der ganzen Gesellschaft mit ihrer Dating-Kultur und den College-Romanzen systematisch ausgegrenzt werden. Frauen heißen in den Foren "Femoids", was man vielleicht mit "Weibchen" übersetzen könnte – ein Begriff, der Frauen entmenschlicht und zu reinen Sexualobjekten reduziert.

Zunächst einmal, sagt Autorin Kini, habe jeder, der glaubt, dass er nie eine Beziehung haben wird und nie geliebt werden wird, ihr Mitgefühl.

"Aber da, wo es heißt: Wir Hetero-Männer haben es am schwersten, da wird es eine Hassgruppe. Denn Homosexuelle und Frauen haben nach Incel-Logik nie Probleme Sexualpartner zu finden. Der Opferstatus ist die Basis der Radikalisierung, denn so können sie die ganze Schuld auf die Mainstream-Kultur und die Frauen schieben."

Aditi Natasha Kini

Es sind also die anderen Schuld und "Incels" bleiben nach ihrem Weltbild als hilflose Opfer zurück. Manche vergleichen ihr Leben sogar mit dem von Juden im Dritten Reich. Auch ein 22-jähriger Attentäter hat 2014 seinen Amoklauf damit begründet, dass er das Opfer sei. In seinem Abschiedsvideo am Tag vor dem Anschlag beschreibt er seinen Hass auf alle Mädchen und sexuell aktiven Männer. Am Ende tötet er an seiner kalifornischen Uni sechs Menschen und verletzt 13 weitere. Für viele "Incels" ist er seitdem ein Held, auch der Täter in Toronto hat ihn in seinem letzten Posting im Netz seinen Respekt ausgesprochen.

Wer genau hinschaut, sieht Parallelen zu White Supremacy und Alt-Right

Sandra Schwark, Sozialpsychologin und Kriminologin an der Uni Bielefeld

Dieser Prozess der Radikalisierung zeigt dabei viele Parallelen zu anderen Bewegungen, sagt Sandra Schwark, Sozialpsychologin und Kriminologin an der Uni Bielefeld: "Es geht immer drum, dass sie Angst haben, ihnen werden ihre Privilegien weggenommen und sie müssten irgendwas schützen, das ihnen zusteht." In der Bewegung, so Schwark, finden sie dann etwas, das ihnen ihre Welt ein bisschen erklärt: "Hey, es liegt gar nicht an Dir. Es liegt an der Welt. Und jetzt steigern wir uns in irgendwelche Hassphantasien rein."

Eine Welt voller Bedrohungen für den weißen heterosexuellen Mann: Durch Frauen, Alpha-Männer und sexuell aktive Einwanderer – kein Wunder, dass es viele Parallelen zwischen amerikanischen "Männerrechtsgruppen", white supremacists und der alt-right-Bewegung gibt. Alle fordern, dass der weiße Mann weiter an der Spitze stehen soll.

Aber warum werden nur Männer gewalttätig? Es gibt es ja auch Frauen, die keinen Partner finden und keinen Sex haben. Das erklärt Schwark einerseits mit den patriarchalen Strukturen: "Die Gesellschaft gibt ein Männerbild vor, in der der Mann nur vollkommen ist, wenn er in einer heterosexuellen Beziehung mit einer Frau ist.“ Andererseits habe die Gewaltbereitschaft aber auch mit der Sozialisierung zu tun, die bei Männern eine sei, die Gewalt nicht komplett ausschließt."

Ein Weg gegen diese Radikalisierung: Frauenrechte im Alltag ansprechen

Ein Weg, um der Radikalisierung entgegenzuwirken, ist also, am gesellschaftlichen Männerbild zu arbeiten. Dafür bedarf es männlicher Rollenmodelle, in denen das Leben nicht schon dann verwirkt ist, wenn man nach zwei Jahren College immer noch keinen Sex hatte. Autorin Aditi Natasha Kini findet deshalb: "Incels sollten unbedingt versuchen, Teil von verschiedenen Communities zu sein. Es gibt überall Menschen, mit denen man sprechen kann." So könnte das Internet, das einerseits zur Radikalisierung beiträgt, andererseits auch dagegen wirken. Und, sagt Kini, "wir müssen die Themen Sexismus und Frauenfeindlichkeit offen ansprechen." Denn: "Wenn es normal wird, über Frauenrechte im Alltag zu sprechen, dann gäbe es auch weniger von diesem konfrontativen Schwarz-Weiß-Denken."


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