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Die Angst nach der Wahl Wie sich die brasilianische LGBTQ-Community auf einen rechtsextremen Präsidenten einstellt

Nach der Präsidentschaftswahl in Brasilien fürchten viele Menschen um ihre Bürgerrechte und ihre Sicherheit. So auch die LGBTQ-Community. Wir haben mit zweien von ihnen gesprochen und ihre Einschätzungen protokolliert.

Von: Maria Fedorova

Stand: 30.10.2018

Students attend a demonstration of resistance against Brazil's president-elect Jair Bolsonaro in Sao Paulo, Brazil October 30, 2018. The signs reads "#NotHim" in reference to Bolsonaro | Bild: picture alliance / NurPhoto

Felipe Carvalho ist 23 alt und studiert Politik im Master. Er wohnt in Porto Alegre und engagiert sich dort in der LGBT-Community. Er organisiert Demos und Partys.

„Ich lebe in Porto Alegre und bis vor kurzem dachte ich, das sei doch eigentlich eine recht fortschrittliche Stadt, was LGBTQ-Rechte angeht. Aber dann haben hier mehr als 60 Prozent Jair Bolsonaro gewählt. Deswegen habe ich ehrlich gesagt gerade ziemlich Angst. Bolsonaro hat zum Beispiel mal gesagt, ihm wäre es lieber, dass sein Sohn bei einem Autounfall stirbt, als dass er mit einem Mann nach Hause kommt.“

„Ich habe einen Freund, und ich traue mich immer seltener, in der Öffentlichkeit seine Hand zu nehmen, weil ich Angst habe, dass uns jemand angreift oder beschimpft. Es ging ja schon in den Wochen vor der Wahl los: Die Polizei ist an die Unis gegangen und hat Unterlagen einkassiert, die den Faschismus kritisch beleuchten. Mein Freund unterrichtet Geschichte, und wird inzwischen von Eltern bedroht, die nicht wollen, dass ihre Kinder etwas über die Zeit der Diktatur in Brasilien lernen. Es geht also bereits los.“

„Während des Wahlkampfes habe ich wirklich überlegt, das Land zu verlassen. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Wir müssen für die Menschen kämpfen, die diese Option nicht haben, wir haben eine Pflicht zum Widerstand. Wir müssen auf die Straßen, protestieren, zeigen, dass wir da sind. Damit die Situation nicht noch schlimmer wird.“

Samir Oliveira auf einer Anti Bolsonaro Demo | Bild: Samir Oliveira

Samir Oliveira ist 30 Jahre und wohnt in Porto Alegre, eine Großstadt im Süden des Landes. Samir ist Journalist und zudem in der Partei für Sozialismus und Freiheit (SOL) tätig. Samir ist schwul.

„Meine Freunde und ich haben das Gefühl, dass Brasilien die Büchse der Pandora geöffnet hat. Alle Dämonen kommen jetzt raus: Vorurteile, die ganze Bigotterie. Auf einmal schreiben Leute im Netz: ‚Jetzt ist die Zeit gekommen, queere Menschen auf der Straße zu jagen.‘ Diese Leute werden nun Waffen kriegen, weil ihr Präsident versprochen hat, die Waffengesetze zu lockern. Und vielleicht werden sie damit Menschen bedrohen, die ihrer Meinung nach kein Recht auf Leben haben: Leute wie ich zum Beispiel.“

„Ich halte immer Händchen mit meinem Freund auf der Straße. Das ist riskant, wir haben Angst. Sogar mehr als das – wir sind bedrückt und traurig und müssen erstmal verstehen, wie wir überhaupt an diesen Punkt kommen konnten. Ich werde Brasilien aber erstmal nicht verlassen – mal sehen, ob ich es in Zukunft nicht doch machen muss.“

„Bis dahin versuchen wir erstmal, Safe spaces und sichere Netzwerke zu schaffen. Wir planen gerade auch eine Pride Parade in meiner Stadt, überall im Land gibt es Aktionen. Das wird ein gutes Barometer sein für den Widerstand. Außerdem gibt es Sicherheitsmaßnahmen. Wir sagen, dass Leute immer in Gruppen und nicht alleine rumlaufen sollen. Ich habe zwar Angst alleine rumzulaufen, aber ich habe zum Beispiel mein Button mit der LGBT Flagge seit der Wahl am Sonntag nicht abgemacht. Weil ich stolz darauf bin und mich nicht verstecken will – das ist genau das was sie wollen.“


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