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Kaspar König und die "Typen in Kreuzberg" Wie rassistisch ist die Kunstszene?

Am 12. November moderierte der Star-Kurator Kasper König ein Podium an den Münchner Kammerspielen. Und sorgte für einen Eklat, als er sich in rassistischen Monologen über „Typen in Kreuzberg“ verlor. Zu Gast war unter anderem die Künstlerin Cana Bilir-Meier. Nach dem Abend veröffentlicht sie einen wütenden Facebook-Post, der viral geht. Die Kunstszene solidarisiert sich und schreibt einen offenen Brief: "Es kotzt uns an!" Denn in dieser Debatte geht es um viel mehr, als um die Entgleisungen eines Kurators.

Von: Maria Fedorova

Stand: 11.12.2018

Es kotzt uns an | Bild: BR

„Dieser Vorfall ist kein Einzelfall. Es passiert ständig. Subtil, bewusst und unbewusst“, sagt Betül Seyma Küpeli, Wiener Architektin und Künstlerin. „Jetzt aber hat das ein breiteres Publikum erreicht, das sich empört. Aber für uns ist das Alltag. Deswegen auch der Titel 'Es kotzt uns an'. Weil wir immer wieder mit diesen Strukturen konfrontiert werden.“

Worüber sie sich so aufregt, ist die vermeintlich so weltoffene, progressive europäische Kunstszene. Die aber erlebt Betül ganz anders. Sie ist eine der Autorinnen des offenen Briefs: We are sick of it -'Es kotzt uns an':

Neda Hosseinyar

"Wir sind zwar unterschiedlich von Diskriminierung betroffen, jedoch sind wir alle schon mit rassistischen Positionen konfrontiert worden. Wir stellen fest, dass die strukturelle Ebene von Rassismus und Diskriminierungen ausgeblendet wird, wenn wir unsere Kritik formulieren und wir anschließend beschuldigt werden, aggressiv oder wehleidig zu sein! ES KOTZT UNS AN."

Eine weitere Mitinitiatorin des offenen Briefs ist Neda Hosseinyar, Künstlerin mit iranischen Wurzeln. Über ihre Iran Bewerbung an der Wiener Akademie erzählt sie: „Ganz konkret habe ich die Diskriminierung am Anfang meines Aufenthaltes in Wien erlebt. Ich habe zusammen mit einem weißen Österreicher ein Projekt entwickelt, am Ende wurde er genommen, ich aber nicht. Man kommt als Migrantin nicht durch. Da gelten andere Parameter, die mit deiner Arbeit oder deinem Wissen erstmal nicht zu tun haben. Es geht konkret um Geschlecht, Herkunft und Hautfarbe.“

Solidarität unter Künstlern

Mit dem Manifest solidarisieren sich Bedül Seyma Küpeli und Nedal Hosseinyar mit Cana Bilir-Meier. Die Münchner Künstlerin hatte vor einem Monat die ganze Debatte mit ihrem wütenden Facebook-Post angestoßen. Sie war als Teilnehmerin eines Panels zum Thema „Heimat und Rechtsruck“ an den Münchner Kammerspielen eingeladen. Als Moderator saß der berühmte Kurator Kasper König auf der Bühne, langjähriger Direktor des Portikus in Frankfurt und des Museum Ludwig in Köln. Zusammenfassend könnte man die Veranstaltung als eine schlecht vorbereitete One-Man Show beschreiben. Samt herabsetzenden Sprüchen über Bilir-Meiers Medienkunst. Und Nörgelei über deutsch-türkische Männer in Berlin.

"ES KOTZT UNS AN, dass ein Kunstkontext, der sich auf der einen Seite kritisch mit Migration, Rassismus, Klassismus und Kolonialismus auseinandersetzt, gleichzeitig Diskriminierungen reproduziert."

Auch in den Kammerspielen sollte es an dem Abend um die kritische Diskurse gehen. Stattdessen entgleiste die Veranstaltung – rein ins Mansplaining und rassistische Stereotype. Über Kasper Königs Äußerungen will Betül Seyma Küpeli nicht weiter reden. Dennoch eignet sich der Abend als Musterfall sehr gut. Und zeigt, wie sich Kunstinstitutionen gerne mit Diskursen zu brennenden Themen schmücken, um das eigene Image zu polieren. Das bedeutet aber nicht, dass den Künstlern aus nicht-westlichen Ländern universell gültiges Schaffen zugestanden wird, wie Bedül Seyma Küpeli beklagt:

Betül Seyma Küpeli

„Als Migrantin sollst du „migrantische“ Kunst machen. Das zu sagen ist keine Paranoia, eher eine Untertreibung. Du erfüllst eine Stelle, weil man jetzt eine Kurdin oder eine Türkin braucht. Wie ein Kontingent, das erfüllt werden muss. Wenn man zum Beispiel eine Iranerin braucht, dann ist vielleicht eine Kurdin zu viel.“

Migranten als Quote in der Kunst

Eine Frage hängt dann nach jenem Abend mit Kasper König aber in der Luft: Warum Cana Bilir-Meier ihre Wut nicht direkt auf der Veranstaltung in den Kammerspielen geäußert hat, sondern erst über einen Facebook-Post. Oft gehe es um die Angst der eigenen Karriere damit zu schaden, sagt ihre Mitstreiterin Betül Seyma Küpeli: „Als freischaffende Künstlerin, wenn du nicht in einer Galerie eingebunden bist oder aus einer super privilegierten Familie kommst, bist du im prekären Bereich und bist auf Förderungen von großen Institutionen oder Staat angewiesen. Mit dem Geld das du bekommst, kritisierst du Institutionen, die dich fördern.“

Mehr als nur eine Debatte unter Betroffenen

Mittlerweile wurde der Brief von renommierten Künstlerinnen und Künstlern, Netzwerken und Hochschulinitiativen unterzeichnet. Doch das soll nur der Anfang sein. Was sich die Initiatorinnen langfristig erhoffen, ist eine Veränderung in den Strukturen. Die passiert aber erst dann, wenn nicht nur die betroffenen Künstlerinnen die Aktivistin-Rolle übernehmen müssen.

Mit dem offenen Brief „Es kotzt uns an“ fing es an. Nun sammeln sie auf der Webseite weitere Berichte, Erfahrungen und Statements. Die Künstler wünschen sich eine nachhaltigere Debatte, in die sich alle einmischen sollen – nicht nur die Betroffenen, sondern auch privilegierte Kollegen. Denn wie Betül Seyma Küpeli klarstellt: „Es geht nicht nur um Kasper König persönlich, sondern um strukturellen Rassismus!“


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