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Nalans Late Night Show Wie Nalan Sipar die erste deutsch-migrantische Late-Night-Show auf die Beine stellt

Ein Viertel der in Deutschland lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund. Leider kommen die Themen aus migrantischen Communities in den Medien aber oft zu kurz. Die Journalistin Nalan Sipar will das ändern - mit dem ersten deutsch-migrantischen Late Night-Format.

Von: Aylin Dogan

Stand: 19.02.2020

35-jährige Journalistin | Bild: Cem Springer

Nalan Sipars Late-Night-Show beginnt mit orientalischer Musik. Der migrantische Charakter der Show ist von den ersten Sekunden an da. Die 35-jährige Journalistin betritt die Bühne und beginnt direkt mit einem Thema, das sie beschäftigt: Dem Integrationstest, den Nicht-Deutsche Menschen machen müssen, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen.

Ihre Mutter, hätte das auch mitgemacht, erzählt sie in der Show: „Und zwar hat die Arme wirklich die Landeswappen auswendig gelernt. Das kennt kein Bio-Deutscher“, scherzt Nalan. Aber ihre Mutter habe es durchgezogen und laut den Behörden ist sie jetzt wirklich integriert.

Late-Night-Show mit migrantischen Themen

Migrantische Lebensrealitäten formen die Sendung. Es geht um Diskriminierungserfahrungen in der Schule und um die schwere deutsche Sprache. Die Themen behandelt Nalan mit Late-Night-typischen Elementen – also mit Gästen, Einspielern und Comedians. Der Comedian Safak Salda singt zum Beispiel eine deutsch-türkische Hymne auf die deutsche Grammatik. „Akkusativ und Dativ, Artikel ler hep aktiv, warum der, warum die, warum das, wieso das, was was was was.“ So klingt das dann.

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Nalans Late Night Show #1 | Bild: ALEX Berlin (via YouTube)

Nalans Late Night Show #1

Die Sendung wird für die involvierten Personen zu einer Art Safe Space. Sie können vor der Kamera stehen, teilweise in leicht gebrochenem Deutsch Geschichten erzählen, ohne dafür verurteilt zu werden. Einige Gäste wollen partout nicht mehr von der Bühne runter. Ein seltener Anblick: Gäste, die sich in einer Show mal tatsächlich wohlfühlen. Nalan Sipar meint: „Es gibt in unserer Gesellschaft viele Menschen, die eine Wunde, eine Verletzung mit sich tragen.“ Es gäbe zum Beispiel viele Migranten, die sich diskriminiert fühlen. Oder Arbeiterkinder, denen in der Schule gesagt werde: „Ey, du musst auf die Hauptschule.“ Und wenn man über diese Wunden sprechen kann, gebe man sich gegenseitig auch die Kraft und hat eine starke Gesellschaft.

Vor zwei Jahren kommt Nalan die Idee zu einer eigenen Show. Der Anfang ist hart. Alle angefragten Sender glauben nicht an das Konzept. Und jedes Mal hört sie die gleiche Frage: Wer soll das gucken? „Hallo, wir sind ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Wenn man es so sehen will, ist es sogar eine große Marktlücke in Deutschland“, erzählt sie. Aber in Deutschland seien die Medien überhaupt nicht divers. Es sei schwer Leute von einer Idee zu begeistern, die sie noch nie gesehen haben.

Wider der eintönigen deutschen Medienlandschaft

Nalan Sipar bereitet sich auf die Late Night Show vor

Schließlich landet sie bei Alex Berlin. Einem kleinen Fernsehsender mit Youtube-Account. Dort kann sie ihr Studio aufbauen und bekommt die technischen Mittel gestellt. Kosten pro Folge: Etwa 2.000 Euro. Mit Crowdfunding-Kampagnen und ihrem eigenen Geld finanziert sie sich die erste Ausgabe. Und übernimmt jede Funktion: Sie ist die Redakteurin, Produzentin und Moderatorin zugleich. Der Hustle ist es ihr aber wert.

Denn sie findet die deutsche Medienlandschaft sehr eintönig. „Da will ich Leute sehen, die so aussehen wie ich, aber dann sollen sie bitte nicht jedes Mal den Terroristen spielen oder Frauen in den Nachrichten mit Kopftuch zeigen, wenn es um Integration geht.“ Nalan Sipar glaubt, dass man diese Geschichten von den Menschen auch positiv erzählen könne. Sie wolle auch zeigen, was sie für unsere Gesellschaft geleistet haben.

Aktuell steckt Nalan in den Vorbereitungen zur zweiten Folge. Und empowernde Inhalte haben für Nalan oberste Priorität. Menschen, die sonst kaum in Fernsehshows vorkommen, sollen ins Rampenlicht. Und Menschen mit Migrationshintergrund sollen das Gefühl bekommen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. „Dann erreichen meine Worte vielleicht junge Journalisten oder Menschen, die in der Kunst und Kulturszene was erreichen wollen.“, erzählt Nalan. „Ich kann sie nur empowern und sagen: Wenn ihr das Gefühl habt, es läuft etwas schief oder ihr seid nicht präsent: Dann macht das selber!“


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