Bayern 2 - Zündfunk

Spotify und Co. Wie Musikstreaming kleine Künstler benachteiligt

Musikstreaming wird oft als die Lösung für klamme Bands gespriesen, dabei ist das System dahinter das Problem. Musiker wie Wolfgang Müller rechnen uns vor, wohin die ungerechte Verteilung beim Streaming führt.

Author: Moritz Jelting

Published at: 10-11-2022

Spotify Log Out | Bild: picture-alliance/dpa

Eltern mit anspruchsvollem Musikgeschmack kennen Wolfgang Müller bestens: Er hat die Sampler-Reihe „Unter meinem Bett“ mitbegründet, zu der Indie-Musiker Kinderlieder beisteuern. Doch trotz einer gewissen Bekanntheit kommt für ihn finanziell bei Spotify wenig rum. Für 10.000 monatliche Hörer gibt’s gerade mal 10 Euro: "Es wird nicht mehr individuell nach Streams oder nach verkauften Tonträgern abgerechnet, sondern es wird nach Marktanteilen abgerechnet. Jetzt könnte man erstmal denken, dass das irgendwie fair ist, wenn man das erstmal hört, aber wenn man es sich genauer anguckt, dann merkt man, dass es leider wahnsinnig ungerecht ist, weil das bedeutet, dass die Formel 1 und das Seifenkistenrennen zusammengelegt wurden – und nur die ersten drei bekommen ein Preisgeld."

Laut Wolfgang Müller können die kleinen Künstler:innen für ihre Verhältnisse noch so erfolgreich sein. Gegen die Milliarden Streams der Großen sind sie viel zu klein. Dazu hat er einen Post abgesetzt, der viral ging.

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Wolfgang Müller @muellermusik@mastodon.social - Mittwoch, 26-10-2022, 9:18 AM
Ein Thread: Für 40.000 Streams pro Monat bei Spotify bekommt das Label ca. 200,- Euro ausgezahlt. Der Künstler bekommt davon in der Regel 40,- Euro. Kleinere Acts haben aber eher 10.000 Streams im Monat. Das sind 50,- fürs Label oder 10,- für den Künstler #streamingMachtArm 1/x

Das gleiche Bild zeigt sich bei kleineren Labels. Bayern 2-Moderator Jay Rutledge betreibt in München das Label Outhere Records. Er sieht die Aufnahme-Qualität von Bands in Gefahr: "Ich glaube, man wird sehen, dass man keine qualitativ hochwertige Produktion mehr wirklich macht, einfach weil das Geld nicht da ist.“

Das kleine Münchner Label Outhere Records hat sich auf Musik aus Afrika spezialisiert. Laut Jay Rutledge müssen selbst etablierte Künstler aus Ghana oder Nigeria, wenn sie auf Streaming-Portalen wie Spotify vertreten werden wollen, mit weniger Geld rechnen. Denn auch sie sind gegen die etablierten Player eher klein. Und früher oder später müssen sie dorthin, denn auf physische Tonträger ist kein Verlass mehr: "Wenn du 100 CDs irgendwo hinschickst, dann werden die auf Läden verteilt und die Hälfte kommt irgendwie zurück oder nicht zurück. Es ist sehr riskant, was diesen ganzen physikalischen Markt angeht und das meiste, was man noch verkauft, verkauft man dann auf Tour."

Spotify nimmt nicht detailliert Stellung

Und was sagt Spotify? Auf Anfrage verweist der Konzern auf die eigens ins Leben gerufene Website Loud & Clear. Beim Stichwort ungerechte Verteilung kommentiert Spotify dort folgendermaßen

"Mehr Künstler*innen als je zuvor profitieren von der florierenden Musikwirtschaft. Auf dem Höhepunkt der CD-Ära entfielen fast 25 Prozent der US-Albumverkäufe auf die 50 erfolgreichsten Künstler*innen. Auf Spotify entfielen im Jahr 2021 nur 12 Prozent der US-Streams auf die Top 50. Das bedeutet, dass mittlerweile nicht mehr nur Superstars gutes Geld mit ihrer Musik verdienen können."

Spotify

Das Problem steckt in den Zahlen, die Spotify nicht veröffentlicht. Wie sieht es unterhalb der Top 50 aus? Wie ist das durchschnittliche Einkommen von der unteren Zehntausend? Leider wollte Spotify uns gegenüber dazu nicht Stellung beziehen.

Ist ein Künstler-Leben ohne Förderung möglich?

Die Lage ist also ernst für die kleinen Künstler*innen. Momentan ist der einzige Ausweg für viele eine kulturelle Förderung aus öffentlichen Mitteln. Wolfgang Müller will aber eine Welt, in der Streaming und ein musikalisches Leben ohne Förderung geht: "Es gibt durchaus auch Möglichkeiten zum Beispiel über Hörerbudgets zu arbeiten. Das heißt, wenn jetzt ein Hörer zehn Euro mitbringt und nur mich hört den ganzen Monat, nichts anderes, dann krieg ich die zehn Euro, weil er das Budget, was er mitbringt, auf mich verteilt. Es wird nicht mehr mit der ganzen Welt ins Verhältnis geteilt, sondern nur noch auf die Leute, die er hört. Und das würde dieses massive Ungleichgewicht schonmal ziemlich ins Wanken bringen. Nur die Großen haben natürlich kein Interesse daran, weil sie da Einkommensverluste hätten."