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Diskriminierung an beiden Enden Wie ist es, jüdisch und queer zu sein?

Nicoleta Mena ist jüdisch und queer. Diese Kombi bedeutet oft: Antisemitismus von einer Seite und Homo- und Transfeindlichkeit von der anderen Seite. Deswegen engagiert sich Nicoleta bei der Initiative Keshet. Sie setzt sich für die jüdische LGBTQ-Community in Deutschland ein. Wir haben Sie gefragt, was für Erfahrungen sie damit macht.

Von: Phillip Syvarth

Stand: 05.11.2021

Der Verein Keshet auf dem CSD | Bild: Keshet

Es fängt schon mit dem Gesamteindruck an: Es gibt kaum weibliche Rabbinerinnen. Da trauen sich queere Jüdinnen gar nicht erst die Frage zu stellen, ob sie ihre gleichgeschlechtliche Partnerin heiraten dürfen. Deswegen engagiert sich Nicoleta Mena bei der Initiative Keshet. Das ist Hebräisch, bedeutet Regenbogen.

Keshet will jüdische Gemeinden queerfreundlich gestalten und über LGBTQ-Identitäten aufklären, erklärt Nicoleta: "Viele Menschen kommen gar nicht auf den Gedanken, diese beiden Identitäten zusammenzubringen. Und das ist extrem schade, weil man dann gefühlt seine Identität immer aufteilt, je nachdem, wo man sich gerade befindet und nur einen Teil von sich zeigt. Wenn ich in die Synagoge gehen möchte, dann will ich mich ja sicher fühlen, das ist ja eine Art Safer Space. Das ist aber für jüdische Menschen mit LGBTQIA-Identität nicht immer einfach, weil sie dann doch nicht willkommen sind."

Queerfeindlichkeit und Ausgrenzung in Gemeinden

Nicoleta Mena sitzt im Vorstand von Keshet Deutschland.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat sich eigentlich ein ähnliches Ziel gesetzt, nämlich jüdische Gemeinden für die Zukunft zu empowern und in ihrer Identität zu stärken. Trotzdem sieht der Präsident des Zentralrats, Dr. Josef Schuster – im Gegensatz zu Keshet – keine Notwendigkeit für die explizite Unterstützung von LGBTQ-Identitäten in jüdischen Gemeinden: "Ich frage mich, welche besonderen Merkmale haben LGBTQ-Juden gegenüber anderen Juden? Also sie haben die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten. In meinen Augen sind alle Menschen, die Mitglieder einer jüdischen Gemeinde sind, hier völlig gleich und ich sehe keine Notwendigkeit, sich aktiv für eine Gruppe besonders zu engagieren."

Nicoleta Mena sieht das anders. Es gebe queerfeindliche Interpretationen von Gebetsbüchern und Ausgrenzung und Diskriminierung in Gemeinden. Laut Josef Schuster vom Zentralrat der Juden würden diese Diskriminierungen aber nicht über den gesamtgesellschaftlich üblichen Rahmen hinausgehen. Es gebe sogar vereinzelt schwule Rabbiner in Deutschland. Heißt das auch, dass die Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren in jüdischen Gemeinden kein Problem ist? Punktuell, in einigen Gemeinden findet das statt: "Traditionell, sehr traditionell ausgerichtete Rabbiner haben sicherlich vom Alter her ein anderes Bild der Tradition von Ehe, sprich von Mann und Frau, und dass es hier Rabbiner gibt, die Vorbehalte haben, ich glaube, das kann ich menschlich nachempfinden."

Kein ausreichendes Verständnis für jüdisches Leben

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden.

Menschlich nachempfinden kann Nicoleta Mena das nicht, deswegen setzt sie sich mit "Keshet" für mehr Gleichberechtigung in den Gemeinden ein. Doch das ist nicht alles, wie sie berichtet: "Jüdische Menschen haben einerseits eben das Problem, dass sie in jüdischen Gemeinden nicht unbedingt queer sein können, andererseits aber auch in queeren Spaces nicht offen jüdisch sein können, ohne dass sie gleich mit einer Diskriminierungserfahrung im Sinne von antisemitischen Kommentaren rechnen müssen – dementsprechend können sie sich leider eben in solchen Safer Spaces gar nicht sicher fühlen."

Nicoleta tritt mit Keshet deswegen auch für mehr Akzeptanz von jüdischen Identitäten in queeren Spaces ein. Denn das Problem lässt sich auch gespiegelt betrachten: Dort fallen antisemitische Kommentare und oftmals fehlt ein ausreichendes Verständnis für jüdisches Leben. Auch schlicht in Form von Unwissen. Jüdische Menschen müssen sich plötzlich in politischen Diskussionen für das Verhalten der israelischen Regierung rechtfertigen.

Langsamer Fortschritt

Was hat sich in den drei Jahren, seit es Keshet gibt, verändert? Es gebe, so Nicoleta Mena, langsame Fortschritte – sowohl in queeren, als auch in jüdischen Spaces. Bis queeres jüdisches Leben uneingeschränkt in beiden Communities akzeptiert wird, engagiert sie sich weiter bei Keshet: Sie zelebrieren zum Beispiel gemeinsame jüdische und queere Feste oder machen psychosoziale Unterstützung für Menschen, die ihre queere oder jüdische oder jüdisch-queere Identität selbstbewusst in den Alltag tragen wollen.

"Es braucht spezifisch die LGBTQIA- und jüdische Gemeinschaft", erzählt Nicoleta Mena, "weil es noch nicht überall selbstverständlich ist, dass man diese beiden Identitäten miteinander vereinen kann. Dementsprechend ist es superwichtig einen Space zu schaffen, in dem diese beiden Identitäten zusammenkommen dürfen." Mit Keshet ist Nicoleta Mena für Menschen da, die eine spezifische Mehrfachunterdrückung in ihrem Alltag erleben, die je nach Ort ganz unterschiedlich zum Ausdruck kommt. Für Menschen wie sie selbst: queer und jüdisch.