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FOMO vs. JOMO Wie ich meine "Fear Of Missing Out" überwunden habe

Bis vor paar Monaten litt ich an schlimmer "Fear Of Missing Out". Eine Selbstdiagnose, ohne ärztliche Bestätigung selbstverständlich! Die brauchte es aber auch gar nicht. Denn viele meiner Altersgenossen leiden darunter.

Von: Aylin Dogan

Stand: 31.01.2020

BR Autorin | Bild: BR/Aylin Dogan

Fear of missing out. Kurz: Fomo. So nennt man die Angst, etwas zu verpassen. Vom Millenial zum Fomo Sapiens ist der Weg nicht weit. Aber einen Fomo Sapiens sieht man nur selten in freier Wildbahn. Seine Charakteristika: Die Abende verbringt er auf der Couch. Mit Handy in der Hand. Und dabei ärgert er sich nonstop über verpasste Konzerte, Filme, Partys, Urlaube über Hashtags, Artikel und Gossip, das an ihm vorüberziehen könnten, dem Fomo Sapiens. Auch ich bin ein Fomo Sapiens.

Fomo beim Zähneputzen, Fomo an der Supermarktkasse und erst recht: Fomo abends vor dem Fernseher. Und wer ist schuld? Natürlich Social Media. Weil einem alle dort ein viel geileres Leben unter die Nase reiben. Partys hier, Konzerte da, Insider-jokes sowieso.

Erster Versuch: Eskalation

Es muss sich etwas ändern, ich muss mich ändern. Ich bin jung, denke ich, ich darf meine Jugend nicht einfach auf der Couch verschwenden. Ich brauche Party!

Die Reeperbahn in Hamburg

Dabei steht mir meine FOMO auch bei rationalen Entscheidungen im Weg. Denn anstatt mich einmal die Woche ins Kino zu schleppen, oder mich auf eine Party pro Wochenende zu hieven – denke ich mir: ESKALATION! Raus aus dem Alltag! Und dorthin, wo das komplette Gegenstück zu meinem Spießerleben stattfindet. Dieser Ort ist die Reeperbahn in Hamburg.

Bar an Bar, Club an Club und überall feierwütige, junge Menschen – egal an welchem Wochentag. Erster Tag, erste Bar, erster echter Mensch – Typ: Tresenbekanntschaft, ergo: Anti-Fomo. Er heißt: Roberto. Roberto ist genauso alt wie ich, geboren und aufgewachsen in Hamburg. In Robertos Lifestyle existiert die Fear of Missing out nicht  Null. Nach ein bisschen Smalltalk dann die Frage: „Wo geht’s noch hin? Oder egal, ich tu dich erstmal in unsere Whatsappgruppe“

Zweiter Versuch: Social Media

Hell yeah! Roberto als Admin war mein Schlüssel in eine Party-Whatsappgruppe. Mit 250 Mitgliedern. Alle aus Hamburg. Und täglich wird darüber diskutiert, wo wieder was im Kiez steigt, wo man keinen Eintritt zahlen muss. DAS IST MEINE RETTUNG, MEINE HEILUNG. Jeden Tag Party und keine Ausreden mehr.

So ging das zumindest ganze vier Tage. Oder dreieinhalb. Ich lasse Hamburg Hamburg sein und meine Fomo? Meine FOMO kommt mit jedem Kilometer, der mich von HH trennt wieder näher. Und dann ist da noch die Whatsapp-Gruppe. „Heute Party in der Nähe vom Dammtor. Kein Eintritt. Fremdgetränke sind erlaubt. Bringt Wodka und Mischzeugs mit. Wir sind da ab 20.30 Uhr“. Dienstagabend. Und am nächsten Morgen um 9.30 Uhr von der gleichen Person dann das: „Ok Leute. Wieder Party im Uni Gebäude. 20.30 Uhr Treffen am Hauptbahnhof vorm Edeka. 21 Uhr gehen wir von dort weiter und gegen Mitternacht oder eins geht’s in einen Club.“

Überraschend streng für eine eigentlich entspannte Partygruppe. Nur knappe Infos. Hier die Party. Um diese Uhrzeit geht es los. Alle kommen! Alle Wodka-Mische einpacken. Von meiner Couch aus, in München, ist da zuerst: FEAR, dann, nach ein paar Tagen: mein Gott! Da ist Erleichterung. Da ist kein imaginäres Feierleben. Da ist endlich ein neues Gefühl.

Dritter Versuch: JOMO-Sapiens

Diese Partygruppe zeigt mir eins: So könnte das Leben sein, das mein FOMO-Dasein hinterher hechelte. Jung. Verrückt. Exzessiv. Aber alleine das Lesen dieser Nachrichten löst bei mir nur eines aus: Den Drang, gar nichts mehr zu unternehmen – und auch keine Angst mehr davor zu haben.

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GROSSSTADTGEFLÜSTER - MEINE COUCH (OFFICIAL VIDEO) | Bild: Grossstadtgeflüster Official (via YouTube)

GROSSSTADTGEFLÜSTER - MEINE COUCH (OFFICIAL VIDEO)

Und meine Erleuchtung hat einen Namen: Jomo, oder Joy Of Missing Out. JOMO! Die Freude, Sachen zu verpassen. Chillen ohne schlechtes Gewissen! Es war ein langer Weg bis dahin: Hamburg, Wodka-Mische, Whats-App Wahnsinn. Heute ist da unter der Woche die Couch nach der Arbeit, die acht Stunden Schlaf in der Nacht und die mittelmäßige Ausrede für die Parties am Wochenende. Und es fühlt sich so gut an. Ich liebe die Routine, ich liebe mein Norm-Core Millenial-Leben. Ich liebe JOMO.


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