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Theatermacherinnen trafen sich in Bonn Wie Frauen den starren Theaterbetrieb weiblicher machen wollen

Der Theaterbetrieb ist sehr männlich. Nur jede fünfte Inszenierung an den großen Bühnen kommt von Regisseurinnen. 350 Theatermacherinnen haben das satt. Sie haben sich in Bonn getroffen und diskutiert, was sich konkret ändern muss.

Von: Lisa Pausch

Stand: 13.03.2018

Die Teilnehmerinnen der "Burning Issues"-Konferenz, wo Theatermacherinnen über die Situation von Frauen am Theater sprachen | Bild: Thilo Beu

Der große Saal in den Kammerspielen riecht süßlich-schwer nach Bühnenboden, 350 Frauen jeden Alters sind heute hier in Bonn: Schauspielerinnen, Regisseurinnen, Tontechnikerinnen, Autorinnen, Dramaturginnen, Bühnen- und Kostümbildnerinnen, Berufseinsteigerinnen und Etablierte sitzen im Publikum. Weil Männer im Theater oft die Entscheidungen nahezu alleine treffen, kommen die meisten ihrer Anliegen im Alltag zu kurz: Frau und Bezahlung, Frau und Führung, Frau und Kind, Frau und männlicher Machtmissbrauch, Frau und #metoo. Wer etwas verändern will, braucht mehr als einen mutigen Hashtag. Der kann bestenfalls ein Anfang sein, vor allem um Solidarität zu bekunden. Ja, ich auch, und was machen wir jetzt?

Beim Soufflieren sind die Frauen dominierend - in der Führungsebene der Theater nicht

Nicola Bramkamp (links) und Lisa Jopt vom Theater Bonn haben zur Konferenz eingeladen

Zu tun ist viel. Die letzte Studie der Bundesregierung zu Frauen in Kultur und Medien war alarmierend: Zwar sind Frauen ähnlich oft im kulturellen und künstlerischen Bereich tätig wie Männer, nur eben kaum in Führungspositionen. Rund 80 Prozent der Intendanzen sind männlich besetzt, 22 Prozent aller Inszenierungen auf den großen Bühnen werden von Regisseurinnen umgesetzt. Führend sind die Frauen besonders beim Zuflüstern – 80 Prozent der Soufflierenden sind weiblich. Dass Deutschland beim Thema Bezahlungen und Gender Pay Gap zu den europäischen Schlusslichtern zählt, das merkt auch der Theaterbetrieb.

Nicola Bramkamp ist Schauspielchefin am Theater Bonn und hat gemeinsam mit der Schauspielerin Lisa Jopt in ihre Stadt eingeladen. Bramkamp steht auf der Bühne, hält sauber ihre Rede, erzählt von ihren Erfahrungen als Frau, Mutter – und Chefin. Die Frauen sind beim Du, viele kennen sich, plaudern, applaudieren sich gegenseitig, der Wille zur Veränderung ist spürbar und ein Ausdruck fester Solidarität miteinander. Das Treffen der Theaterfrauen findet größtenteils hinter verschlossenen Türen statt, Journalisten sollen von den Details der Besprechung vorerst nicht berichten. Männer sind generell ausgeschlossen. Das sei auch eine Maßnahme, um den Frauen und Diskriminierten einen Raum zu geben, sich untereinander auszutauschen. "Wenn es dann Forderungen gibt und um die Umsetzung geht, dann ist es ganz klar, dass die Männer da mit ins Boot gehören und da gibt es ja auch ganz viele tolle, die das unterstützen", so Bramkamp.

Um ganze 3 Prozent ist die Zahl der Regisseurinnen in den letzten 20 Jahren gestiegen

Die männliche Sicht auf die Welt prägt das Publikum und die Bedingungen hinter der Bühne. Die 24-jährige Jördis Trauer spielt gerade ihre erste Spielzeit am Theater in Fürth. Mit ihren 1,57 Meter, den blauen Augen und den blonden Haaren sei sie bei Vorsprechen manchmal behandelt worden wie eine Fünfjährige, erzählt sie. Das hat sie satt. Die Schauspielerin engagiert sich schon lange für Verbesserungen in der Schauspieler-Bewegung "Ensemble-Netzwerk": "Jede Frau und jeder Mann hat das Recht zu sein – das ist die Aussage auch vom Theater. Aber wenn es inhaltlich im Theater nicht funktioniert, dann möchte ich Teil derjenigen sein, die daran etwas verändern."

Das kann dauern. Susanne Ablaß hat schon vor 17 Jahren angefangen, sich von der Regieassistenz langsam hochzuarbeiten. Kein Theater hatte für sie eine Leitungsfunktion. Heute ist die 38-Jährige Operndirektorin in Münster. "Ich habe erlebt, dass man als Frau bis zu einer bestimmten Hierarchieebene am Theater ankommt, ohne dass man Probleme hat. Jetzt stelle ich so langsam fest, dass es schon wichtig ist, je nach Stadt einer bestimmten Partei oder so anzugehören oder bei den Rotariern zu sein, was für Frauen ja mehr oder weniger ausgeschlossen ist. Das ist bei Männern viel besser organisiert, da läuft vielmehr in irgendwelchen Runden, zu denen wir als Frauen gar keinen Zutritt haben."

Die Rednerinnen bei der "Burning Issues"-Konferenz forderten Veränderungen im Theaterbetrieb

Also: Lobbys bilden, sich vernetzen. France Elena Damian hat zusammen mit einigen Kolleginnen vor einem Jahr "Pro Quote Bühne e.V." gegründet. Traurig, dass so etwas nötig ist, sagt sie, aber: Ohne Quote keine Veränderung. "In einer Zeitspanne von 20 Jahren bis 2014 ist die Anzahl der Regisseurinnen um 3 Prozent gestiegen." Die Quote befürworten die allermeisten hier in Bonn, denn immer noch sind die Zahlen bodenlos. Rund 70 Prozent aller Inszenierungen in Deutschland sind von männlichen Regisseuren.

Eine weibliche Ausnahme in der zumeist männlichen Theater-Führungsebene ist Sonja Anders, derzeit Chefdramaturgin am Deutschen Theater in Berlin und ab der Spielzeit 2019/2020 Intendantin am Schauspiel Hannover. Was ist ihre Vision von Frauen im Schauspielbetrieb? "Im Grunde hat die Geschlechterforscherin Ingrid Kurz-Scherf das ganz treffend bemerkt: Es genügt uns nicht die Hälfte vom verschimmelten Kuchen, wir wollen einen anderen." Diesen anderen Kuchen will sie mit umsetzen. Bei ihr gebe es keine Gender Pay Gap mehr, betont sie.

Was #metoo geändert hat? "Wir haben die arschlochfreie Zone ausgerufen"

Frauen wie Sonja Anders geben sich mit bloßen Forderungen nicht zufrieden. Sie wollen jetzt wirklich etwas machen. Und sie rechnen auch mit ihren männlichen Kollegen und fordern Unterstützung. Sie wollen die Führungsstrukturen erneuern, den Frauenanteil in allen Bereichen erhöhen, Theatermachen und Familie vereinbar machen und Übergriffe aufklären.

Ein gutes Beispiel ist die Gastgeberin vom Bonner Schauspielhaus. In ihrer vierjährigen Amtszeit als Chefin konnte Nicola Bramkamp schon einiges drehen. Am Theater Bonn gibt es gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit und es wurden in den letzten vier Jahren über zehn Kinder geboren. Bramkamp ist selbst zweifache Mutter und ermutigt die Frauen: "Für mich ist dieser Tag auch dazu da, ein Netzwerk zu gründen, also auch mehr Frauen in den Theatern zu ermutigen, zu sagen, Mensch traut euch. Wenn ich es in so eine Führungsposition schaffe, dann schafft ihr das auch." Und was hat #metoo an ihrem Theater schon verändert? "Wir haben die arschlochfreie Zone ausgerufen", sagt Nicola Bramkamp, "das heißt, Regisseure und Regisseurinnen, die den Ruf haben, Menschen nicht gut zu behandeln, dürfen bei uns nicht arbeiten oder nicht wiederkommen, falls sie sich nicht gut benommen haben."

Beim Treffen in Bonn haben alle Teilnehmerinnen zugesagt, sich für einen Kulturwandel am Theater einzusetzen. Die nächste Studie der Bundesregierung soll anders ausfallen.


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