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"Blinded By The Neon" Die HipHop-Kombo Ferge x Fisherman aus Nürnberg liefert mit ihrem Debüt auch eine Hommage an Tom Waits

Nach einer EP im Jahr 2018 und einem umjubelten Auftritt beim Zündfunk Punschkonzert im gleichen Jahr, ist die Jazz-HipHop-Kombo Ferge x Fisherman jetzt zurück. Auf ihrem Deut-Album „Blinded by the Neon“ geben sie erneut einen Einblick in das Innerste des Menschen: Gedanken, Empfindungen und Erfahrungen. Inspiriert hat sie dazu unter anderem Geschichtenerzähler Tom Waits.

Von: Alba Wilczek

Stand: 26.05.2020

"How would you like to be remembered?" Wie sollen die Leute sich später an dich erinnern? Zwei Stimmen unterhalten sich. Jazz-Musik läuft im Hintergrund. Die Atmosphäre ist entspannt. Trotzdem ist spürbar: Gleich kommt etwas. Das ist nur die Ruhe vor einem Sturm. Ist das ein Interview? Die Stimmen werfen jede Menge Fragen auf. Fragen, über die ich mir Gedanken mache. Ja, wie würde ich denn wollen, dass mich die Menschen später mal in Erinnerung behalten? Hm. Verflixt. Ich finde keine Antwort. Aber wenig später muss ich das auch nicht mehr - denn der Rap, der plötzlich einsetzt, reißt mich aus meinen Gedanken.

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Ferge X Fisherman - Drunk On The Moon (Official Video) | Bild: Ferge X Fisherman (via YouTube)

Ferge X Fisherman - Drunk On The Moon (Official Video)

Die musikalische Szenerie, die ich hier beschreibe. Das sind Ferge x Fisherman. Jetzt ist ihr Debut-Album "Blinded by the Neon" erschienen. Endlich. Es hat ein wenig gedauert. Einiges an Zeit ist vergangen seit ihrem begeisternden Auftritt beim Zündfunk Punschkonzert am 7. Dezember 2018. Und seit ihrer ersten EP, die im gleichen Jahr herauskam. Über die Platte "Gone Fishing" und die Jungs selbst durfte ich damals ein großes Porträt schreiben. Und jetzt - zwei Jahre später, also über ihr Album. Ich merke gleich: Ähnlich, wie die EP damals, richtet sich auch "Blinded By The Neon" eher nach innen. Wieder gibt es einen Ich-Erzähler. Wie beispielsweise oben, im liebevoll illustrierten Video zur zweiten Single "Drunk On The Moon".

Tom Waits liefert Inspiration - die Jungs interpretieren seine Themen neu

Inspiriert hat die Jungs bei diesem Song und generell bei "Blinded By The Neon" ein großer Geschichtenerzähler, den man bei Hip-Hop Acts eher nicht vermuten würde. Tom fucking Waits. Genauer: sein zweites Studioalbum "The Heart of Saturday Night". Die Lieblingsplatte von Frontmann Fritz Fisherman. Ich recherchiere. Poah. Das Album ist 1978 herausgekommen. Und das soll jetzt - 2020 - noch aktuell sein?

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Tom Waits - "Drunk On The Moon" | Bild: Tom Waits (via YouTube)

Tom Waits - "Drunk On The Moon"

„Das ist auch das Bild, das viel gezeichnet wird, von diesem Loner, der eher in einer beobachtenden Position ist", erzählt Fritz Fisherman im Zündfunk-Interview. "Ich glaube, das ist auch viel als Motiv in unserem Album drin. Kombiniert mit der Nacht und den Erfahrungen, die man in der Nacht macht. Der Albumtitel ist auch ein Zitat aus dem Song "Drunk On The Moon" von Tom Waits. Ich fand das irgendwie so spannend, weil dieses 'Geblendet sein vom Neonlicht' etwas Abstruses ist. Geblendet sein von dem ganzen Falschen, von dem ganzen Künstlichen um einen rum. Da hab ich eine Parallele zu dem entdeckt, was in meinem Leben nachts stattfindet: Das besteht oft aus Shows spielen, sich als Künstler sehen und gesehen zu werden und sich darüber vielleicht auch zu definieren. Da kommen dann auch manchmal komische Anwandlungen von Ego und Status zusammen.“

Eine Platte über Erfahrungen, Begnungen und Empfindungen eines Künstlers

Ja. Hier wird nicht einfach nur ein bisschen musiziert. Das merke ich von Anfang an. Hier wird beobachtet, eine Auseinandersetzung findet statt. Mit anderen, aber vorrangig mit sich selbst. Butterweich rappt Fisherman als Ich-Erzähler über Erfahrungen in der Musik-Industrie, über Begegnungen mit Menschen und über die Gedanken, die Gefühle und die Emotionen, die damit verbunden sind. Wir erfahren zum Beispiel, was einem als Künstler so vor und nach dem Auftritt durch den Kopf geht. Wenn man im Backstage sitzt und dort vielleicht sogar Groupies begegnet. „Backstage“ - ein Track, der sogar ein bisschen heraussticht in diesem Tagebuch. Diesem super-reflektiven Album.

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Ferge X Fisherman – Backstage // JUICE PREMIERE | Bild: JUICE Magazin (via YouTube)

Ferge X Fisherman – Backstage // JUICE PREMIERE

Damn. Dieses Englisch. Diese Raps. Dieser Jazz. Gut, ich kenne die Jungs. Aber wäre das nicht so, hätte ich die Platte definitiv nicht in Nürnberg verortet. Eher so London, Chicago oder die Westküste. Ganz falsch wäre das ja aber gar nicht. Kolja alias Fritz Fisherman hat Familie in Kalifornien. Sehr praktisch. Dachte sich die Band wohl auch. Denn die Hälfte von „Blinded By The Neon“ haben sie einfach dort drüben aufgenommen. In einer kleinen Hütte in den kalifornischen Bergen. "Ja das war auf jeden Fall inspirierend und hat sich angefühlt wie ein riesengroßes Privileg", beschreibt Fisherman den Rückzug nach Cali. "Da war man einerseits von der amerikanischen Popkultur natürlich stark inspiriert, hatte aber natürlich andererseits die Möglichkeit sich so für sich zurückzuziehen und quasi ganz in Frieden zu produzieren. Das war der perfekte Ausgleich und Kompromiss."

Die Hälfte der Platte hat die Truppe in den USA aufgenommen

Amerika hin oder her. Herausgekommen ist mit „Blinded By The Neon“ ein schickes Debüt-Album mit Charakter. Und mit mehreren Ebenen. Ja wirklich. Die Platte lässt sich echt prima oberflächlich hören. Als Hintergrund-Musik zum Kochen, Fahrradfahren oder Einkaufen. Man kann sich aber auch so richtig reinfuchsen und aufmerksam zuhören. Erst dann nimmt man die ganzen liebevollen Details wahr, die in der Musik drinstecken. Das Arrangement der Instrumente, die Tiefe und den Witz der Lyrics und die smoothe Delivery von Fritz Fisherman. Bemerkenswert.

Während die Instrumente auf dem letzten Song "In My Shoes" ausklingen, mache ich mir immer noch Gedanken über die Frage vom Anfang. Wie möchte ich, dass man sich später an mich erinnert? Man ey. Ich hab immer noch keine Antwort. Egal. Zumindest weiß ich jetzt, was ich sage, wenn mich jemand in 40 Jahren nach den Ferge fragt. Ach die? Wow. Talentiert, real und definitiv fähig, Wahnsinns-Musik zu machen. Musik, die sich auch auf Albumlänge nicht verliert. So. Und jetzt halt endlich die Klappe, liebes Zukunfts-Ich!


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