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Film "Ich bin Anastasia" Wie es ist, sich in der Bundeswehr als Transgender zu outen

Anastasia Biefang hat als Mann in der Bundeswehr Karriere gemacht - und sich dann als Transgender geoutet. Wie das in der männerdominierten Welt der Streitkräfte ankam, erzählt ein neuer Dokumentarfilm. Wir haben mit der Protagonistin gesprochen.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 15.05.2019

Ich bin Anastasia | Bild: MissingFilms

Der Dokumentarfilm "Ich bin Anastasia" läuft dieses Jahr auf dem Münchner DOK.fest. Zündfunk-Reporterin Sandra Limoncini hat mit Anastasia Biefang gesprochen - und ihr Leben gemeinsam mit ihr rekapituliert.

Wann hast du gewusst, dass du im falschen Körper steckst?

Das ist wirklich schwer. Ich sage mal, mit 16, 17 fing das Thema an, in meinem Kopf nicht nur rumzuspuken, sondern da war das präsent. Da hatte ich nur noch nicht das richtige Wort vielleicht dafür. Gleichzeitig war es auch so eine Phase wo ich am Finden meiner sexuellen Orientierung war, und dann kann man das Gefühl: Was ist eigentlich mit meiner Geschlechtsidentität? Das letzte dann zu lösen, das sieht man ja auch im Film, hat dann doch noch etwas länger gedauert.

Ja, du hast dein Coming-Out mit über 40 gehabt. Warum so spät?

Weil es verdammt schwer war für mich, einfach zu dem zu stehen, wie ich bin und das nach außen zu bringen. Ich habe meine damalige Frau kennen gelernt und lieben gelernt und dann war ich halt Freund und Mann und Ehemann. In der Bundeswehr war ich halt Soldat und Mann - das war auch eine Zeit, wo der allgemeine Dienst in den Streitkräften auch nicht für Frauen geöffnet war. Ich glaube, ich habe damit auch sehr bequem gelebt in beiden Bereichen. Ich hatte eine Flucht in die Männlichkeit durch die beiden wesentlichen Rollen: privat und beruflich. Ich musste mich auch gar nicht mit dem Thema auseinandersetzen. Irgendwann ist es einfach aus mir rausgebrochen und ich konnte einfach nicht mehr.

Du hast dir ja tatsächlich ein berufliches Umfeld gesucht, in dem Männlichkeit auch eine Rolle spielt und das extrem männlich dominiert ist. Eigentlich verrückt, oder? Wenn du doch schon mit 16 gefühlt hast, das ist nicht richtig so.

Ja, das stimmt, verrückt ist es. Auf der anderen Seite war das Berufsbild etwas, das mich angesprochen hat. Ich weiß nicht, ob das unbedingt die Männlichkeitssache war, das ist wirklich schwer zu sagen. Und ich habe meinen Beruf zwar geliebt, aber auch einfach nur noch funktioniert.

Die Transition, also die Umwandlung vom Mann zur Frau, ist nicht einfach, oder?

Sie ist individuell nicht einfach, sie ist emotional nicht einfach und sie ist auch auf den Vorgaben, die wir in diesem Land haben mit Blick auf ein Transsexuellen-Gesetz auch nicht wirklich einfach, weil sie einfach sehr zeitraubend ist. Für mich war das Schwierigste in diesem ganzen Prozess, einfach immer zu erkennen, dass ich hier nicht mehr die "Kontrolle" über mein Leben habe, dass ich deutlich fremdbestimmt bin in diesem Prozess.

Das Transsexuellen-Gesetz verlangt nach wie vor, dass du zwei Gutachten vorlegst, wo dann zwei Experten attestieren: "Jawohl, das was Frau Biefang von sich gibt und meint zu sein, das attestieren wir aus medizinisch-psychiatrischer Sicht ihr dann auch". Und für mich war das immer ein Gefühl, ich muss jemandem etwas beweisen. Ich muss wirklich beweisen, dass ich Frau bin. Und wenn das nicht klappt, dann kriege ich das nicht. Und dann ist der Weg einer offiziellen Geschlechtsangleichung einfach verwehrt. Selbstbestimmt ist das nicht. Ich sage zwar witzigerweise, ich bin eine der wenigen staatlich geprüften Frauen. Da kann man drüber lachen. Aber ja, ich muss es mir vom Staat attestieren lassen. Ich musste dem Staat beweisen, dass ich tatsächlich Frau bin.

Wie sind deine Kollegen mit der Transition umgegangen? Man stellt sich das bei der Bundeswehr schwierig vor.

Mein Referatsleiter damals, meine erste Ansprechstelle, hat super reagiert. Er hat mir gleich das Gefühl gegeben, dass das eine Sache ist, die wir gemeinsam machen werden. Ich meine, es ist ja nicht so alltäglich, dass du morgens in die Arbeit kommst und deinem Chef sagst, "Ich bin transsexuell, ich ziehe das jetzt durch". Wir haben uns zusammengereimt, was wir jetzt machen und die Transition dann gemeinsam auch so gestaltet. Ich wusste, wo ich hin wollte. Ich habe immer das Tempo vorgegeben und irgendwann war auch die Frage, ab wann sagen wir jetzt nicht mehr Herr Biefang, sondern Frau Biefang. Gibt es da Regeln? Vorgaben? Keine Ahnung!

Das war übrigens eine ganz schöne Sache, als ich mit meinem Referat geoutet habe, in so einer kleinen Kaffee-Runde, und dachte, ich hätte alles gesagt. Da kam einer meiner Kameraden hinterher zu mir und meinte: "Ich habe mal eine Frage. Wie heißt du denn jetzt eigentlich?" Das hatte ich total vergessen zu erwähnen. Und ich meinte: "Ach ja, Anastasia." Und er meinte: "Gut, dann gehe ich davon aus dass du jetzt so angesprochen werden willst." Also, das war ganz einfach.


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