Bayern 2 - Zündfunk


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Goldfarming Wie eine Regensburger Spielefirma ungewollt armen Venezolanern hilft

Lieber Zocken als auf der Baustelle malochen: Im von Misswirtschaft gebeutelten Venezuela verdienen einige ihr Geld, indem sie in Rollenspielen wie „Tibia“ für andere Spieler Gold sammeln. Das nennt sich Goldfarming. Der Zündfunk hat die Spielefirma CipSoft besucht.

Von: Katharina Mutz

Stand: 14.12.2017

Das Online-Game "Tibia" | Bild: CipSoft

Der Handelsplatz in der Fantasywelt von „Tibia“ wird derzeit zweckentfremdet: Eigentlich müssen sich die Spieler Gold oder andere Gegenstände mühsam verdienen, um so im Spiel weiterzukommen. Manchen der weltweit 500.000 Spieler ist das zu umständlich. Sie zahlen lieber dafür, dass andere die „niederen Arbeiten“ für sie verrichten. Ein Reporter des amerikanischen Magazins „Bloomberg Businessweek“ berichtete jetzt: In Venezuela verdienen sich einige sogenannte Goldfarmer auf diese Weise ihren Lebensunterhalt: Sie töten Monster und verkaufen ihr so erwirtschaftetes Gold auf Schwarzmärkten im Internet – gegen echte Dollars. Dann verabreden sie sich mit dem Käufer und übergeben ihm im Spiel die Beute. Goldfarming ist bei „Tibia“ und vielen anderen Onlinespielen verboten. Verhindern kann man es allerdings kaum, erklärt Benjamin Zuckerer, Geschäftsführer der Regensburger Firma CipSoft, die „Tibia“ entwickelt hat: „Es ist wirklich schwierig zu unterscheiden, ob ein Spieler nur auf Goldoptimierung aus ist und er das jetzt aus diesem Grund tut oder ob er einfach nur in seinem Character weiterkommen möchte. Und das andere ist, dass wir natürlich auch nicht ständig jeden einzelnen Character monitoren können. Das funktioniert auch nicht.“

Im Kampf mit Monstern - und einer lahmen Internetverbindung

Das Online-Game „Tibia“ lässt sich in Venezuela trotz lahmer Internetverbindung spielen, weil die Hardware-Anforderungen so gering sind

Dass sich die Venezolaner ausgerechnet „Tibia“ als „Arbeitsplatz“ ausgesucht haben, hat mit den geringen Hardware-Anforderungen des Spiels zu tun: „Tibia“ hat keinen Sound, die Grafik sieht noch fast genauso aus wie vor 20 Jahren, als es entwickelt wurde. Perfekte Voraussetzungen für Venezuela. Denn die Internetcafés, die es dort zumindest in den großen Städten gibt, sind technisch weit unter dem Standard, den man aus westlichen Industrieländern kennt. Stephan Lina, BR-Korrespondent für Venezuela, beschreibt die Situation so: „Da sitzt man dann vor alten Röhrenmonitoren und kämpft sich erstmal durch die wahnsinnig langsamen Internetverbindungen. Denn Venezuela ist weit davon entfernt, rasend schnelle Glasfaserleitungen zu haben. Das ist noch altes Kupferkabel. Also wirklich mühsames Tippen und wacklige Bilder auf dem Röhrenmonitor.“

Die Menschen, die sich tagtäglich zum Zocken in die schummerigen Cafés setzen, verdienen mit ihrer Arbeit gerade mal ein paar Dollar. Für deutsche Verhältnisse klingt das nach extrem wenig. Aber, sagt Korrespondent Stephan Lina: „Wenn man weiß, dass die Landeswährung Bolivar so dramatisch verfallen ist, dass man für einen Dollar inzwischen mehr als 100.000 Bolivar kriegt, dann ist man mit einem erzockten Einkommen von sagen wir mal drei bis fünf Dollar am Tag weit über dem, was zum Beispiel ein Arzt in einem Krankenhaus verdient.“

Der Handel mit Spielgold ist offiziell verboten

Studenten, Ex-Polizisten, Handwerker – sie alle töten lieber online Monster, als einer gewöhnlichen Arbeit nachzugehen, berichtet die Bloomberg Businessweek. Ein paar hundert Menschen dürften es sein, die so in Venezuela ihr Geld verdienen, schätzt Lina. Auch Benjamin Zuckerer von CipSoft ist überzeugt: Es handelt sich um ein eher kleines Phänomen. Denn der Effekt des venezolanischen Goldfarmings auf die Wirtschaft innerhalb des Spiels sei nicht messbar. Auch wenn der Handel mit dem Spielgold offiziell verboten ist – macht es Benjamin Zuckerer nicht auch ein bisschen stolz, dass einige Venezolaner mit dem Spiel seiner Firma ihre Familien ernähren? „Nein“, so Zuckerer, „stolz ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Und uns wäre es tatsächlich lieber, dass sie unbeschwert unser Spiel spielen könnten. Das wäre uns tatsächlich lieber.“


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