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Wer ist "DJ Max"? Wie ein serbischer Kriegsverbrecher untertauchte und als Trance-DJ wieder auftauchte

30 Jahre nach dem Massaker an bosnischen Zivilisten wurden die Täter immer noch nicht zur Rechenschaft gezogen. In der Zwischenzeit legte einer der Täter als Trance-DJ auf Festivals auf. Der Rolling Stone hat diese Geschichte aufgedeckt. Eine Recherche über Todesschwadronen, Hooligans und Techno.

Von: Florian Fricke

Stand: 18.01.2023 20:42 Uhr

Exit Festival Novi Sad 2015
| Bild: picture alliance / PIXSELL | Marko Mrkonjic/PIXSELL

Vor fast genau 30 Jahren, Anfang Januar 1992, wurde die Republika Srpska ausgerufen - die serbische Teilrepublik in Bosnien Herzegowina. Drei Monate später begannen die Kampfhandlungen und die Belagerung Sarajewos. Bis zum Friedensabkommen von Dayton forderte der Bosnienkrieg 100.000 Menschenleben, zwei Drittel davon muslimische Bosniaken. Jetzt hat der Rolling Stone eine investigative Story veröffentlicht, die sie mittlerweile für den Pullitzer-Preis eingereicht hat: Die Geschichte hinter einem der bekanntesten Fotos aus den Jugoslawienkriegen.

Auf einem Gehweg liegen zwei Frauen und ein Mann mit dem Gesicht nach unten, tot oder sterbend. Davor sieht man einen Soldaten von hinten, der mit dem Bein ausholt, als wolle er einen Fußball treten, die Sonnenbrille lässig im Haar, in der Hand eine Zigarette, ein Granatwerfer auf dem Rücken. Im Hintergrund passieren zwei weitere Soldaten die Szene. Es sind Mitglieder der Serbischen Freiwilligengarde, besser bekannt als "Arkans Tigers". Am 2. April 1992 hatten sie Bijeljina, eine Stadt von 100.000 Einwohnern im äußersten Nordosten Bosniens, besetzt. Serbische Separatisten hatten die Gegend kurz vorher als serbisches Autonomiegebiet deklariert.

Ist das DJ Max? Das berühmte Foto des Kriegsfotografen Ron Haviv, 1992 in Bijeljina

Das Foto machte seinen Urheber, den amerikanischen Fotografen Ron Haviv, weltberühmt. Die Identität der drei Opfer ist bekannt, ein albanisches Ehepaar und eine bosniakische Frau. Mindestens 48 Menschen wurden in diesen zwei Tagen von Arkans Truppe im Rahmen „ethnischer Säuberungen“ ermordet. Arkan ist der Spitzname von Željko Ražnatović, einer der schillerndsten Figuren der Jugoslawienkriege, der wie kein anderer für die Verquickung von Kriminalität, Politik und Geheimdiensten in diesen Jahren steht. Arkan startete seine Karriere als Handtaschenräuber in den Parks von Belgrad.

Wer ist "Arkan"?

Der Rolling Stone hat diese Geschichte recherchiert. Ein dreiköpfiges Autorenteam verfolgte die Spur von "Arkan" über Jahre. Nun wurde die Recherche veröffentlicht.

Arkan posiert vor seinen Paramilitärs mit einem Tiger-Jungen

Einer der Journalisten ist Milivoje Pantovic aus Belgrad. "Arkans Geheimdienstkarriere begann in West-Deutschland. Der jugoslawische Geheimdienst hatte diese Methode, Kriminelle in den Westen und vor allem nach West-Deutschland zu schicken, um dort nationalistische Gegner zu töten", erzählt er uns im Interview. Ein Mord konnte Arkan in dieser Zeit zwar nicht nachgewiesen werden, aber zahlreiche Banküberfälle. Nach seiner Rückkehr nach Jugoslawien betrieb er eine Diskothek und wurde Leader der Fußball-Hooligans von Roter Stern Belgrad. Pantovic erklärt: "Seit Ende der 80er, frühe 90er Jahre standen die Fußballclubs unter starkem Einfluss des Geheimdiensts, und die Fans auf den Rängen wurden als mögliche Rekruten angesehen. Das gilt bis heute. Wir wissen, dass Arkan Hooligans für seine Zwecke benutzte, einsame Seelen, Heroinabhängige, einfach jeden, den er greifen konnte."

Wer waren Arkans Leute?

Im Jahr 1990, noch vor den Jugoslawienkriegen, gründete Arkan seine serbische Freiwilligenarmee, die Tigers. Als der Krieg in Kroatien an Fahrt aufnahm, brachte er junge serbische Vertriebene aus der Krajina direkt in seine Ausbildungslager. Angeblich töteten sie auch serbische Zivilsten, um die Taten anderen Volksgruppen in die Schuhe zu schieben, ein Vorwurf, für den es bislang keinen schriftlichen Beweis gibt.

Der mutmaßliche Kriegsverbrecher Zeljko Raznatovic alias "Arkan"

"Der Onkel meines Großvaters war damals an der Front und erzählte mir, dass Arkans Truppe auch serbische Dörfer überfiel und keine Unterschiede zwischen Bosniaken, Kroaten oder Serben machte. Die waren nur an Geld und Beute interessiert", sagt der Rolling Stone Journalist Pantovic.

Zurück nach Bijeljina am 2. April 1992, zu diesem berühmten Foto mit einem von Arkans Leuten, der das Opfer am Boden mit dem Fuß tritt. Das Rechercheteam des Rolling Stone konnte ihn anhand anderer Fotos, die an diesem Tag geschossen wurden, identifizieren: Sein Name ist Srdan Golubovic, damals 17 oder 18 Jahre alt, ein Hooligan.

Wer ist DJ Max?

Der Scoop des Rolling Stones ist: Anhand von Dokumenten aus dem Archiv des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien konnte zum ersten Mal bewiesen werden, dass Angehörige von Arkans Freiwilligentruppe direkt vom serbischen Geheimdienst bezahlt wurden, auch Srdan Golubovic bis Ende 1995 – genau die Zeit, als er begann, eine Karriere unter einem anderen Namen zu starten, nämlich als DJ Max.

Pantovic erinnert sich: "Ich war auf genau zwei Trance Partys damals - das war sprichwörtlich die Hölle. Auf einer Party ging ich aufs Klo, da war Blut an der Wand. Überall roch es nach Gras. Auf eine Frau kamen circa 10 Männer. Es war wirklich nicht mein Fall, ich hörte damals Drum and Bass, da gab es keine Gewalt. Das waren zwei völlig getrennte Welten."

Wo wurde DJ Max gebucht?

Das EXIT-Festival in Novi Sad

Nach den Recherchen des Rolling Stone wurde DJ Max über die Jahre auch im europäischen Ausland gebucht. Von 2013 bis 2016 trat er viermal in Folge auf dem EXIT-Festival in Novi Sad auf. EXIT wurde nach den Kriegsjahren als eine friedliche Alternative für die serbische Jugend gegründet, darauf bezieht sich auch der Name. Wie konnte das also passieren? EXIT, heutzutage ein riesiges internationales und einwöchiges Happening mit 40 Bühnen, antwortete uns folgendes: "DJ Max war uns und den Meisten völlig unbekannt. Er war nur ein weiterer Act, der von einer auswärtigen Crew für die damals neue Trance-Bühne gebucht. Davor gab es keinen Trance auf dem Festival und wir hatten keine Ahnung von dieser Szene."

Pantovic sagt: "Wenn die Besucher von seiner Vergangenheit gewusst hätten, hätten sie ihn ausgebuht. Solobodan Milosevic wurde vor allem von den Studenten von Odpor gestürzt, und die besuchen das EXIT."

Wieso konnte er unbehelligt auf Trance-Partys auflegen?

Milivoje Pantovic hatte im Zuge der Recherchen ein paar Mal mit DJ Max gesprochen, und meint, dass er ihn fast so weit hatte, auszupacken. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ein potentieller Kriegsverbrecher ihm gestanden hätte. Aber er vermutet, dass DJ Max von seinen Hintermännern angeraten wurde, das nicht zu tun. Arkan dagegen wurde 2000 von Kriminellen erschossen, er wusste wohl zu viel. Es gibt Fotos, die DJ Max mit Arkans Witwe Ceca zeigen, eine populäre Turbo Folk Sängerin.

Das EXIT-Festival ist ein Mekka für Techno-Fans

"Sie ist immer noch sehr populär", erklärt Pantovic. "Eine ganze Generation wurde mit ihrer Musik groß und Generationen verließen wegen ihr Serbien ins Ausland– gut für Deutschland, so habt ihr eine Menge gut ausgebildeter Leute bekommen. Für uns, die geblieben sind, bleibt sie das Symbol dieser Ära und für Kriminalität."

Gegen Srdan Golubovic alias DJ Max wurden immerhin Ermittlungen aufgenommen, das hat Milivoje Pantovic erfahren. Aber er macht sich wenig Hoffnungen. Die serbische Presse hat nur sehr verhalten auf die Geschichte reagiert. Den meisten Serben ist es schlicht egal, jede Aufarbeitung der Kriege ist eine unerwünschte Belästigung. Und DJ Max ist bei allem Horror, den die Fotos aus Bijeljina vermitteln, nur ein kleines Licht verglichen mit den Drahtziehern im Hintergrund. Einige ehemalige Tiger mischen jetzt bei den Nachtwölfen mit, dem berüchtigten russischen nationalistischen Motorradclub. Vladimir Putin ist großer Fan.