Bayern 2 - Zündfunk

Abschiebepolitik in Bayern "Hier wird eine kleine Familie zerrissen"

Chris Kamara wurde nach Sierra Leone abgeschoben, obwohl seine Frau schwanger ist und eine Aufenthaltserlaubnis hat. Jetzt steht der Verdacht im Raum, dass in Bayern bestimmte Fälle abgeschoben werden, bevor das "Chancen-Aufenthaltsrecht" der Ampel in Kraft tritt.

Von: Theresa Höpfl

Stand: 19.01.2023

Chris Kamara, bevor er aus Bayern abgeschoben wurde | Bild: Chris Kamara

Chris Kamara lebt seit fünf Jahren mit Frau und Kindern zusammen in Vilsbiburg. Heute müssen wir sagen – er lebte bis vor kurzem in Vilsbiburg. Denn noch während wir seinen Fall recherchieren, wird er abgeschoben. Aber der Reihe nach.

Kamara ist nie straffällig geworden. Zuletzt durfte er nicht mehr arbeiten, weil ihm die Ausländerbehörde dafür keine Erlaubnis mehr erteilt hat. Der Duldungsstatus wurde nicht verlängert. Im Herbst 2022 wurde Chris Kamara festgenommen und in die Abschiebehaft in Hof gebracht. Nun wurde er nach Sierra Leone abgeschoben, in eines der ärmsten Länder weltweit. Für die junge Familie ist das tragisch: Seine Frau ist gerade im 7. Monat schwanger. Sie hat eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland. Allerdings sind die beiden nicht nach deutschem Recht verheiratet. Dass Chris Kamara der Vater ihrer Kinder ist, ist aber anerkannt.

Ein Familienvater wird abgeschoben

Stephan Dünnwald vom bayerischen Flüchtlingsrat findet den Fall wegen der familiären Situation besonders grausam: "Wir verstehen sowieso nicht, warum er abgeschoben werden muss, wenn er hier ein Kind erwartet und auch Sorgerecht und Vaterschaftsanerkennung schon vorliegen."

Dünnwald findet: "Hier wird eine kleine Familie zerrissen." Denn Kamaras hochschwangere Frau bleibt zurück. Zusammen mit den zwei anderen gemeinsamen Kindern. Samba Bah ist ein Freund der Familie und engagiert sich als Aktivist gegen willkürliche Abschiebungen. Er sagt, die junge Mutter sei traumatisiert, in ihrer Situation ihren Mann zu verlieren: "She is on Trauma. Now she believes this kind of things can happen. She is in big big stress."

Willkür oder Kalkül?

Warum wurde Chris Kamara überhaupt festgenommen? Wir erreichen Kamaras Anwalt für ein Hintergrundgespräch. Er und auch der Bayerische Flüchtlingsrat sind der Meinung, dass Chris Kamara die Voraussetzungen erfüllen würde, um in Deutschland bleiben zu dürfen. Doch das Verwaltungsgericht Regensburg entschied, dass eine Abschiebung in seinem Fall zulässig sei und er die Voraussetzungen zu bleiben nicht erfülle. Auch das Bayerische Innenministerium sagt uns auf Anfrage: "Bei Herrn K. handelt es sich um einen abgelehnten, vollziehbar ausreisepflichtigen Asylbewerber". Damit steht Aussage gegen Aussage.

Nun gilt ja seit Anfang des Jahres das neue "Chancen Aufenthaltsrecht", das die Ampelregierung in Berlin verabschiedet hat und das die Situation für Geduldete Migrantinnen und Migranten eigentlich verbessern soll. Warum konnte Kamara nicht davon profitieren? Manche Hilfsorganisationen wie zum Beispiel die kirchliche Hilfsorganisation "Matteo-Asyl" vermuten, dass der Freistaat Bayern derzeit versuche, Menschen schnell abzuschieben, die durch das neue Gesetz gute Chancen auf einen Aufenthaltstitel hätten.

Bei Nacht und Nebel

Bei Kamara schien der Staat es besonders eilig zu haben. Ursprünglich wurde der Abschiebetermin auf Donnerstag den 19. Januar festgelegt. Aber als wir Anfang dieser Woche den Fall recherchieren, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Wir erfahren, dass Kamara bereits nach Frankreich gebracht wurde. In der Nacht auf Mittwoch bekommen wir folgende Sprachnachricht von Samba Bah, dem Freund der Familie: "Good evening. I know it’s late, but here is the message from Chris Kamara. He is already now in Sierra Leone." Die Stimme klingt niedergeschlagen. Als Beweis, dass sein Freund wirklich nicht mehr in Europa ist, leitet er mir noch eine Sprachnachricht von Chris Kamara selbst weiter: "Thank you so much to everyone who fought for me."

Wie stehen die Chancen, dass Kamara zu seiner Familie nach Deutschland zurückkehren kann? Zunächst muss er die Abschiebekosten bezahlen und eine Wiedereinreisesperre abwarten von normalerweise 30 Monaten. Das heißt, er lernt sein jüngstes Kind frühestens in zweieinhalb Jahren kennen.