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#failoftheweek Wer die digitale Gesellschaft sicher machen möchte, der muss sie analoger machen

Diese Woche erlebte Schweden eine Infrastruktur-Apokalypse. Hacker legten einen Supermarkt lahm. Aber der Angriff zeigte auch: Analog ist nicht nur okay - analog könnte uns als eine Art doppelter Boden sogar retten. Und zwar vor der Verwundbarkeit im Digitalen. Ein Kommentar.

Von: Christian Schiffer

Stand: 09.07.2021

Swedische Supermarktkette Coop | Bild: Coop

Mehr, mehr, mehr, damit wirbt die schwedische Supermarktkette Coop. Doch diese Woche war da mehr so nichts, nichts, nichts angesagt. Die Software-Firma Kaseya war gekapert worden und spielte ihren Kunden unwissentlich Erpressungstrojaner auf die Systeme.

Ein Hacker-Angriff mit analogen Folgen

Weltweit sollen zwischen 800 und 1.500 Firmen Opfer der Hacker-Attacke geworden sein, darunter eben auch Coop. Die Kassensysteme fielen aus und wenn man nicht kassieren kann, dann kann man auch nicht verkaufen und wenn man nicht verkaufen kann, dann kann man auch keinen Supermarkt betreiben, also musste Coop seine Märkte dicht machen. Im zersiedelten Schweden, wo ein einziger Supermarkt oft eine riesige Region versorgt, ist das ein echtes Problem.

Wie verwundbar wir in der Digistalisierung sind

Der Ausfall der Kassen in den schwedischen Supermärkten traf das skandinavische Land allerdings noch aus einem zweiten Grund besonders schwer: Schweden ist Vorreiter, wenn es darum geht, das Bargeld abzuschaffen. Gezahlt wird in der Regel mit Karten und sogar die Wohnungslosen in der Innenstadt von Stockholm lassen sich milde Gaben lieber per Handy-Überweisung in den virtuellen Hut werfen.

Vermutlich hätte man den Supermarktbetrieb noch halbwegs aufrechterhalten können mit Geldscheinen, Münzen und dem guten alten Kassenbuch aus Papier. Das hätte dann zwar alle genervt, die Schlangen wären beachtlich gewesen, alles hätte ewig gedauert, aber um ein paar Köttbullar fürs Wochenende und lecker Surströmming zu kaufen, hätte es schon gereicht. Stattdessen aber war Infrastruktur-Apokalypse angesagt.

Der wunde Punkt - und die Lösung?

Das Beispiel Schweden zeigt, wie verwundbar die digitale Gesellschaft ist. Aber das Beispiel Schweden zeigt noch etwas anderes: Die digitale Gesellschaft ist nämlich umso verwundbarer, je digitaler sie ist. Und das sollte uns zu denken geben. Längst schon wollen sich überall Normalo-Städte zu hippen Smart Cities aufbrezeln, die dann voll digitalisiert sind, aber deswegen auch so angreifbar, wie ein alter Windows XP-Rechner.

Zu denken geben sollte uns, wenn auf Biegen und Brechen analoge Dinge durch digitale Dinge ersetzt werden. Denn wir brauchen digitale und analoge Doppelstrukturen, weil sie unsere Gesellschaften resilienter machen. Natürlich ist ein digitaler Impfausweis praktischer, als der alte Lappen auf Zellstoffbasis. Natürlich ist ein digitales Lernportal besser als Lern-Material auf totem Holz. Und natürlich ist es bequem, wenn man Busfahrpläne aus Papier nicht dauernd austauschen muss, sondern alles über Apps läuft. Aber wenn so ein Lernportal mal überlastet ist (und in Bayern ist so ein Lernportal gerne mal überlastet) dann ist man froh, wenn es da noch totes Holz gibt, mit dem man lernen kann.

Und wenn man spät am Abend aus der Kneipe torkelt, dann ist man froh über aushängende Busfahrpläne, vor allem dann, wenn man wieder mal sein Handy in die dritte Maß hat fallen lassen. Schweden zeigt also: Wer die digitale Gesellschaft sicher machen möchte, der muss sie zugleich analoger machen.