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"I May Destroy You" von Michaela Coel Diese HBO-Serie über Sex und sexuelle Gewalt könnte das beste Drama des Jahres werden

Die neue, hochgelobte Dramaserie “I may destroy you” (HBO) behandelt sexuelle Gewalt aus der Opferperspektive. Alles fängt mit einer Partynacht an, in der der Hauptdarstellerin Bella K.O.-Tropfen in den Drink geschüttet werden. In den folgenden zwei Tagen hat sie immer wieder Flashbacks, die sie vermuten lassen, dass ein Verbrechen passiert ist. Wir haben uns die Serie angesehen.

Von: Sandra Limoncini, Hanna Resch

Stand: 13.11.2020

Szene aus der Serie "I may destroy you" | Bild: HBO

Alles beginnt mit einer anstehenden Deadline. Bella, die Protagonistin, muss dringend ein Manuskript abgeben. Sie starrt auf ihr leeres Text-Dokument. Raucht einen Joint, googelt: "Wie man schnell schreibt" und entscheidet sich dann doch "nur kurz" mit Freunden in eine Bar zu gehen. Am nächsten Tag sitzt sie wieder in dem Londoner Büro vor ihrem Laptop, schreibt wie besessen. Sie schafft die Deadline. Doch dann taucht immer wieder ein Bild in ihrem Kopf auf: sie in einer Toilette, liegend, über ihr ein Mann. Eine Vergewaltigung? 

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I May Destroy You | Official Trailer | HBO | Bild: HBO (via YouTube)

I May Destroy You | Official Trailer | HBO

Wie erzählt man so einen harten Stoff?

Schon die erste Folge hat es in sich, hat uns neugierig gemacht. Wir recherchieren. Der Guardian schreibt: Diese Serie ist ein TV-Gamechanger. Das Time Magazine kürt Michaela Coel, Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin in einem, zu einer der wichtigsten Personen im Jahr 2020. Die New York Times findet die Serie berührend und sagt: Es sei unmöglich sich von Coel abzuwenden. Alison Keene von Paste sagt: Es gibt nur wenige Serien, die so schwierig sind und wichtig sind wie "I May Destroy You".

Hymnische Kritik. Unsere Erwartung steigen und steigen. Nach ein paar Folgen Binge Watching wird eines klar. Mit Sexualität wird hier sehr offensiv umgegangen. Und feministische Diskurse fast nebenbei und mit Leichtigkeit geritten. Und noch eines lernt man: es bringt einen nicht auf der Stelle um, wenn man gleichzeitig Gras, Ecstasy, und Koks einwirft. Na gut. Aber recht schnell begreifen wir auch: Im Großen und Ganzen geht es um das Thema sexuelle Gewalt. 

Die Perspektive des Opfers ist neu

Wonderwoman Michaela Coel

Ab da wird über zwölf Folgen und sechs Stunden Spielzeit der schmale Grat zwischen Sex und sexuellem Missbrauch bis in kleinste Details erkundet. Die HBO-Serie leistet ganz subtil Aufklärung, die einen dann aber wieder wie einen Schlag ins Gesicht trifft. Etwa, wenn im Verlauf der Serie sexuelle Gewalt beim einvernehmlichen Sex dargestellt. Bella hat eine Affäre mit einem Schriftstellerkollegen - während sie miteinander schlafen, zieht er heimlich das Kondom ab. Wir lernen: Diese Praktik nennt sich "Stealthing" und ist strafrelevant. 

Das Stealthing und die Vergewaltigung unter Drogen verändern Bella. Sie redet viel mit ihrer besten Freundin und schaltet auf Attacke. Sie beginnt, ziemlich krass und explizit in sozialen Netzwerken darüber zu schreiben. Die Serie hat hier eine autobiographische Parallele. Michaela Coel wurde selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs.

Den Namen Michaela Coel sollten wir uns merken

Überhaupt, Michaela Coel, die die Hauptfigur Bella spielt, ist unfassbares talentiert. Sie kann einfach alles. Ist urban, strong, überpräsent - und nervt trotzdem nie. Trotz des harten Tobaks feiern wir mit Bella permanent das Großstadtleben. Lachen mit ihr, wenn sie uns Whiteys eine mitgibt, weil unsere Diskurse so wichtigtuerisch daherkommen. Hat jedes Recht dazu, weil sie diese Diskurse doch selbst so federleicht, fröhlich und dann wieder tieftraurig durchdekliniert. Weil uns Michaela so fasziniert, googlen wir zwischen den Episoden, finden sie bei Jimmy Fallon in der Tonight Show und hören ihren echten Erlebnissen zu – so makaber wie auch in den komischen Momenten, als sie etwa schildert, wie sie ihren sexuellen Übergriff auf der Polizeiwache gemeldet hat.

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Michaela Coel Reveals Why She Has Been Dancing in Parks | Bild: The Tonight Show Starring Jimmy Fallon (via YouTube)

Michaela Coel Reveals Why She Has Been Dancing in Parks

Die Serie bleibt trotzdem sex-positiv - weil sie differenziert

Fast atemberaubend an "I may destroy you", wie freizügig die Serie mit Sexualität umgeht. Homosexualität, Sex mit mehreren Personen, Sex während der Menstruation oder One Night Stands. Klar: Die Serie "Sex Education" hat auch schon Tabus gebrochen. Der Unterschied ist, dass bei "Sex Education" tatsächlich der Titel Programm war: Aufklärung, sexuelle Befreiung und Enttabuisierung. Bei "I may destroy you" sind die Charaktere darüber schon weit hinaus. Sie leben ihre Sexualität einfach. Ein weirder Moment kommt, als Bellas italienischer Lover vor dem fast einzigen einvernehmlichen Sex in der Serie ihr den vollgebluteten Tampon rauszieht. 

Und dann ist auch noch der Soundtrack toll!

Hatten wir schon erwähnt, wie toll die Musik in "I May Destroy you" ist – UK-Grime, Hip Hop und Soul von Tierra Whack, Janelle Monae bis Arlo Parks, sogar die Joubert Singer sind im Soundtrack. Michaela Coel ist auch dabei sowas von auf Zack. Aber bei allem Lob: ein paar Längen hatte die Serie dann doch – vor allem in den ersten drei Episoden waren uns ein paar Längen zu viel. Die Charakterentwicklung kommt erst so richtig mit den späteren Folgen in Fahrt. Unschlagbar dabei, wie die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, zwischen irre, hysterisch und lebensbejahend, trotz des ganzen Mists. Kein Charakter ist nur schwarz oder weiß, sondern changiert in verschiedenen Grautönen. Selbst die Heldin Bella, die ja auch gleichzeitig Opfer in der Serie ist, kann zwischendurch ein echtes Arschloch sein. 

Ist das nun die beste Dramaserie des Jahrhunderts? So hoch hängen würden wir es nicht. Aber die beste des Jahres könnte es sein. Und von Michaela Coel – der neuen britischen Wonderwoman – dürften wir noch Großes erwarten.


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