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"Best Work Of Music Journalism 2020" Wie die Aufstände in der Arabischen Welt die arabische Musik revolutionierten

Politisch haben die Revolutionen in der arabischen Welt vielfach ihre Ziele nicht erreicht. Doch kulturell haben sie eine kleine Revolution ausgelöst und die Popkultur auf den Kopf gestellt. Nabila Abdel Aziz über den Soundtrack des Arabischen Frühlings. Ihr Feature wurde nun mit dem International Music Journalism Award ausgezeichnet.

Von: Nabila Abdel-Aziz

Stand: 13.03.2020

Jahrzehntelang hatten weichgespülte Schnulzen die Musik in vielen arabischen Ländern dominiert. Unabhängige Musik hatte so gut wie keinen Platz. In manchen Ländern wurden Musiker*innen verfolgt, die Anschuldigungen reichten von Erregung öffentlichen Ärgernisses bis hin zu Satanismus. Musiker*innen in Ländern wie Tunesien oder Syrien wurden für ihre Lieder immer wieder eingesperrt. Doch mit dem sogenannten Arabischen Frühling änderte sich vieles. Was entstand, war Musik, die wilder, ungeschönter, weniger kommerziell und mutiger war: Neue Genres und gewagtere Texte entstanden, die Produktion wurde experimenteller, die Künstler*innen unterschiedlicher.

Musik wurde nicht nur von den politischen Veränderungen beeinflusst. Die Musik veränderte auch die Politik selbst. Tausende singen zusammen mit dem Sänger Ramy Essam Protestlieder. Der tunesische Rapper El Général hilft dabei, die Proteste in Tunesien zu entfachen. Und auch dort, wo die Demonstrationen längst vorbei sind, tragen Musiker*innen den Wandel fort, indem sie gegen Sexismus, Homophobie oder Korruption singen.

Doch auch vorher schon sind zarte Pflänzchen gewachsen. Im Libanon oder in Tunesien ließen sich Musiker*innen von Reggae, Elektro oder Indie-Rock inspirieren.

Godmother Yasmine Hamdan

Eine der ersten war Yasmine Hamdan. Sie ist ohne Zweifel die Godmother der arabischen Indie-Szene. Schon 1997 gründet sie im Libanon eine der ersten Indiepop-Bands der arabischen Welt– und auch diese Band war in ihrer Entstehung von einem Konflikt geprägt: Der Name Soapkills, Seife tötet, bezieht sich auf die Art und Weise, wie der Libanon mit der Erinnerung an den Bürgerkrieg umgegangen ist. Mit Soap, mit Seife sollte einfach alles reingewaschen und der Krieg vergessen werden - eben auch mit Popmusik, die eine idealisierte Version der Realität darstellt.

Yasmine Hamdan aber steht für das genaue Gegenteil. Sie versucht wahrhaftig zu sein in ihrer Musik und die Wahrheit im Libanon ist nun mal komplex, vielschichtig und teilweise schmerzhaft.

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Yasmine Hamdan - Hal (official music video) #JimJarmusch Edit | Bild: Yasmine Hamdan (via YouTube)

Yasmine Hamdan - Hal (official music video) #JimJarmusch Edit

Yasmine Hamdan macht keine Folklore, keine Weltmusik für ein westliches Publikum, sondern Musik, die aus ihrer Lebenswirklichkeit entsteht, die eben ein Mix aus vielen Einflüssen ist: libanesischen, arabischen, französischen. Sie bricht das Tabu, klassische arabische Musik mit stilfremden Elementen zu mixen und singt feministische Zeilen des palästinensischen Nationalpoeten Mahmoud Darwisch zu Elektrosounds.

Yasmine Hamdans Texte sind intim und poetisch, fast nie offensiv politisch. Und doch sagt sie, sie sehe sich auch als Aktivistin. In ihrem Lied „Balad“ wird sie ausnahmsweise direkt: „Gerüchte beherrschen uns. Überall Mauern von Kriegen und Spaltung. Alle müde und mutlos. Ich habe aufgegeben, ich muss kämpfen, jeden Tag. Die Kosten des Lebens machen mich wütend. Ich bin der Bürger, der verraten wurde.“

Badiaa Bouhrizi: Kein Genre, sondern ein Produkt aus Eindrücken

Eine andere Pionierin ist Badiaa Bouhrizi, auch bekannt als Neysattou. Sie ist eine der ersten Sänger*innen, die offensiv politisch auftritt, zu einer Zeit, als sich sonst nahezu noch niemand traut. Sie kritisiert schon vor den Aufständen die Brutalität des tunesischen Regimes, das gewaltsam gegen Demonstranten vorgeht. 2008 wird ihr verboten, in Tunesien aufzutreten. Daraufhin zieht sie nach Großbritannien und stellte sich dort singend und protestierend vor das tunesische Konsulat. Aber auch musikalisch ist Baadia Bouhrizi Pionierin: Lange bevor es Mainstream wird, kombiniert sie arabische Texte mit Einflüssen aus Jazz, Soul, Electronica und Reggae. Ähnlich wie Yasmine Hamdan lehnt sie die Kategorie Weltmusik ab. Sie sagt, ihre Musik gehöre keinem Genre, sondern ist das Ergebnis dessen, was sie hört, denkt und fühlt.

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Neyssatou - Bledi | Bild: Neysatu (via YouTube)

Neyssatou - Bledi

Beispiele wie Badiaa Bouhrizi und Yasmine Hamdan zeigen, dass die Repression von Künstler*innen nie vollständig war. Und es nicht möglich ist, eine einzige Geschichte der arabischen Musik zu erzählen. Die Entwicklungen in den Ländern waren einfach zu verschieden.

Kapitalismus, Diktatur, Repression – was die Musikszene stagnieren ließ

Dass im Ägypten der Achtziger und Neunziger Jahre die Musikszene verarmt, hängt auch mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes zusammen. Davor mehr oder weniger sozialistisch, wird Ägypten in den Achtzigern von westlichen Konsumgütern überschwemmt. Auch die Film- und Musikbranche wird stark kommerzialisiert -  bis es bald nur noch ein paar Producer gibt, die mit schnell-produzierter Musik Kasse machen wollen. In Ländern wie Saudi-Arabien oder dem Sudan ist es anders. Die Herrschenden legitimieren ihre Repression mit religiösen Argumenten und nehmen der Kunst- und Musikszene damit jede Luft zum Atmen.

In Syrien oder Tunesien hatten Repressionen ganz säkulare Gründe: Den Herrschenden Familien geht es vor allen um ihren eigenen Machterhalt, um jeden Preis. Und Musik erscheint ihnen gefährlich. Besonders Musik, in der Worte eine ganz spezielle Rolle spielen: Wie im Rap.

Der Erfolgszug von Rap in der Arabischen Welt

Nicht nur in Syrien, sondern in fast allen Ländern, die Teil der arabischen Aufstände waren, ist die Hip-Hop-Szene unglaublich schnell gewachsen, wie auch im letzten arabischen Land, in dem Proteste stattfanden und zum Sturz des Diktators Omar Al Bashir im Sudan geführt haben.

Im Sudan entsteht gerade viel, doch mehr als House und alle anderen Genres hat Hip-Hop Aufwind bekommen. Vielleicht auch deswegen, weil es eine Musikform ist, die nur einen Schritt vom Sprechgesang entfernt ist, der im Sudan während der Proteste an jeder Ecke entsteht. Und es gibt vielleicht noch einen anderen Grund dafür. Mit Hip-Hop verbinden sich die Sudanesen mit ihrer weltweiten Diaspora.

Ein Beispiel davon ist Flippter. Der Künstler lebt in Saudi-Arabien und rappt auf Arabisch und Englisch. Auf seinem Track „Hatred“ kritisiert er das sudanesische Regime. Er spricht über Korruption und die Gewalt, mit der gegen Demonstranten vorgegangen wird.

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Hatred | حِقِد | Bild: Dogar دقار (via YouTube)

Hatred | حِقِد

Neue Genres

Die politischen Veränderungen – zum Positiven und zum Negativen – haben nicht nur dazu geführt, dass in der arabischen Welt eine neue Infrastruktur für Underground-Künstler*innen entstanden ist, sondern auch zu komplett neuen Genres. Wie in den Slums von Kairo: Vor etwa zehn Jahren, kurz vor und während der Revolution entstand – Mahraganat.

Ein am Computer gemixter Misch-Masch von Auto-Tune Rap, lokalen Rhythmen und provozierenden Texten, oft profan, manchmal politisch, immer hart an der Grenze zum gesellschaftlich Akzeptierten. Und trotzdem hat dieser Sound Millionen zum Tanzen gebracht. Bei vielen Mitgliedern der oberen sozialen Schichten ist Mahraganat verpönt. Und doch gibt es fast keine Hochzeit und keine Party mehr, auf der diese Musik nicht gespielt wird.

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مهرجان لاء - الصواريخ - ١٠٠نسخة - Laa - El Sawareekh | Bild: 100COPIES MUSIC (via YouTube)

مهرجان لاء - الصواريخ - ١٠٠نسخة - Laa - El Sawareekh

Für eine lange Zeit gab es in Ägypten eine dominierende Musikrichtung: Al Musiqa al Shababiya, eine Art ägyptischer Schlager, mit nur einem Thema, romantischer Liebe, den nahezu immer-gleichen Melodien und nur einem Ziel: möglichst viele Kassetten und CDs zu verkaufen. Die Musiqa al Shababiya-Industrie war komplett durchkommerzialisiert und von wenigen Produzenten dominiert. Mit Video-Clips, die ein perfektes Leben zeigen, mit Villen, teuren Autos, makellosen Gesichtern. Eine Welt ohne Schmutz und Armut. Mahraganat richtet sich gegen alles, wofür Musiqa al Shababiya stand. Es ist Musik aus den ärmsten Vierteln Kairos, am Anfang ohne Profi-Produzenten oder Profi-Equipment, mit Auto-Tune, der mit Plastikrohren selbst gemacht wird. Die jungen Menschen aus den prekären Bezirken Kairos haben damit ihren eigenen Sound erfunden.

Auch ihre Unterstützung für die Revolution ist nicht ohne Ironie. DJ Amr Haha und Figo texten: „Das Volk will fünf Pfund Handyguthaben. Das Volk will das Regime stürzen. Aber das Volk ist so scheiß müde.“ Mahraganat ist manchmal direkt politisch, aber ohne einem Ideal von politischem Widerstand zu entsprechen. Mahraganat ist deswegen so subversiv, weil es aus auf gesellschaftliche Regeln pfeift. In den meisten Songs geht es vor allem darum, high zu sein, sich gehen zu lassen. Immer wieder wiederholen Mahraganat-Musiker den Satz: „walahha, hanikhribha“ Ganz wortwörtlich: „Wir zünden es an“.

Noch ist nicht alles gut

In den letzten Jahren ist viel passiert in der arabischen Welt. Doch einer wirklich freien Musikszene stehen immer noch Hindernisse im Weg: Die Repressionen sind in manchen Ländern noch schlimmer geworden als davor, Musiker*innen werden immer noch verfolgt und eingesperrt. Szenen blühen auf und verschwinden wieder. Kritische Stimmen sprechen zum Beispiel davon, dass Mahraganat längst nicht mehr Underground ist und Monopole inzwischen die Szene dominieren. Im Februar 2020 hat der ägyptische Musik-Verband ein Verbot aller öffentlichen Auftritte von Mahraganat-Künstlern erlassen. Genauso gibt es in vielen Ländern immer noch Musiker*innen, die den Herrschenden nach dem Mund reden und Musik machen, um Menschen ruhig zu halten.

Und doch ist die Veränderung, die in den letzten Jahren passiert ist, nicht zu leugnen. Genres wie Mahraganat haben wirklich alle vorherigen Regeln gebrochen. Niemand hätte Anfang der 2000er Jahre sagen können, dass eine Art ägyptischer Grime dermaßen erfolgreich wird. Hip-Hop hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet, im Libanon arten Proteste in Raves aus und Heavy Metal Bands gibt es mittlerweile selbst in Saudi-Arabien.

Musik hat Freiräume geschaffen, die in der politischen Wirklichkeit manchmal noch unerreichbar scheinen. Die Revolution geht nicht überall weiter, nicht überall hat sie funktioniert – aber in der Musik lebt sie weiter.

"Best Work Of Music Journalism 2020"

Wir freuen uns, dass unsere Autorin Nabila Abdel Aziz beim Reeperbahn Festival den großen Preis: "Best Work Of Music Journalism 2020" gewonnen hat. "Nein, Musik ist keine „universelle Sprache“, wie so gern behauptet wird. Ohne kulturellen Kontext, ohne Deutung und Zusammenhänge ist der Zugang oft schwer – weshalb Nabila Abdel Aziz mit ihrem Feature über den Wandel der Musik in der Arabischen Welt für viele von uns ein immens wertvolles Stück Aufklärungsarbeit geleistet hat", heißt es in der Begründung der Jury.

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