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Postillon, Funny Or Die, The Onion Wie der Online-Comedy wegen Facebook das Lachen vergeht

Jahrelang war unabhängige Online-Comedy ein Erfolgsrezept: Frei und anarchisch. Doch je mehr Facebook das Internet ablöst, desto langweiliger wird dessen lustiger Teil. Auch für den Postillon wird es schwieriger uns zu bespaßen.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 15.05.2018

Stefan Sichermann vom Postillon | Bild: picture-alliance/dpa

Januar 2018. Die amerikanische Comedy-Website Funny or Die kündigt Spaßmaßnahmen und Kündigungen an. Erst ein Jahr zuvor hatte das Unternehmen ein Drittel der Mitarbeiter entlassen und viele sind heute nicht mehr übrig. Die Seite stürzt ab. Und Matt Klinman, ehemaliger Autor für Funny Or Die, glaubt, jemand hat ihr bewusst den Boden unter den Füßen weggezogen. Auf Twitter schreibt er: "Mark Zuckerberg ist gerade zu Funny or Die spaziert und hat alle meine Freunde gefeuert. Mit Comedy kann man online einfach kein Geld mehr verdienen. Facebook hat unabhängige Online-Comedy komplett zerstört."

Facebook zerstört Online-Comedy

Ein saftiges Statement. Auch weil "unabhängige Online-Comedy" noch gar nicht so lang ein Geschäftsmodell ist. Der Boom der digitalen Comedy ist etwa zehn Jahre alt. In Deutschland ist damals der Postillon gestartet, in den USA begann die Hochzeit der satirischen Online-Zeitung The Onion oder eben von Funny or Die - einer Videoproduktionsfirma, die für ihren Spaß jeden vor die Kamera bekommt. Sogar Barack Obama hat sich für Funny or Die interviewen lassen.

Vor zehn Jahren versprach das Internet echte Freiheit, Unabhängigkeit, Anarchie. Mit für den Erfolg verantwortlich: Facebook. Der Algorithmus hat früher virale Schlagzeilen schnell nach oben gespült. Darunter auch die des satirischen Blogs Der Postillon. Chefredakteur Stefan Sichermann: "Ohne das Internet wäre das sicher nicht möglich gewesen. Als ich angefangen habe, konnte ich quasi ohne Ressourcen starten und das Internet ermöglichte mir, auch mit kleinen Mitteln ein großes Publikum zu erreichen. Das wäre so mit einer Print-Zeitung nicht möglich gewesen."

Facebook will das Internet ersetzen

Heute ist das anders. Auf Facebook werden Links und News, also alles, was den Nutzer von Facebook wegführt, seit Jahren immer tiefer vergraben. Und Online-Comedy besteht heute nicht mehr aus Blogs, sondern vor allem aus Memes und kurzen Videos. Dinge also, die auf Facebook, Twitter oder in einer Whatsapp-Gruppe genau gleich funktionieren – ganz ohne Kontext. Seiten wie The Onion oder Funny or Die haben in diesem Modell keinen Platz mehr. Früher waren sie von Facebook abhängig, heute fühlen sie sich im Stich gelassen. Stefan Sichermann sieht es nicht ganz so drastisch, aber: "Was sich tatsächlich ein bisschen link anfühlt, ist dass Facebook auch Seiten animiert hat, für Facebook-Fans zu sorgen und jetzt einfach entscheidet, dass Leute, die der Seite folgen, nur noch einen Bruchteil sehen. Das ist schon ein bisschen dreist. Auf der anderen Seite muss man damit rechnen, wenn man das quasi so outsourced."

Das heißt: Wer will, dass er auf Facebook gesehen wird, muss heute in der Regel dafür bezahlen. Die Plattform ist mittlerweile so designed, dass man sie möglichst gar nicht mehr verlassen muss. Deshalb will uns Facebook auch unbedingt mitteilen, wenn ein alter Schulfreund im Urlaub ist, während Nachrichten, die uns wirklich interessieren könnten, immer mehr ausgeblendet werden. Kritiker sagen: Facebook will das Internet ersetzen – aber nicht die Verantwortung dafür übernehmen. Wer in dieser Welt überleben will, muss sich etwas einfallen lassen – so wie der Postillon.

Online ist nicht die Zukunft

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"Wir haben den Luxus, dass wir es ganz gut geschafft haben, trotzdem unsere Besucherzahlen zu halten, weil wir halt auch auf ein paar andere Kanäle umgestiegen sind. Ich denke, heute wäre es deutlich schwieriger, wieder anzufangen. Wir haben ja schon das Glück, dass wir ein großes Publikum haben, das eben nicht nur über Facebook zu uns kommt."

Der Postillon ist schon lang keine reine Onlinemarke mehr. Postillon-Nachrichten finden auch im Radio und NDR-Fernsehen statt – regelmäßige Artikelsammlungen in Buchform sind Bestseller. Währenddessen hat Tesla-Milliardär Elon Musk einige Mitarbeiter von The Onion für ein Comedy-Projekt aus eigener Tasche abgeworben. Und The Onion selbst hat erst einen Film-Deal mit dem Hollywood-Studio Lionsgate abgeschlossen. Online-Comedy ist noch nicht tot. Aber sie wird heute bestimmt von Milliarden-Investoren und öffentlich-rechtlichem Rundfunk. Echte Freiheit oder Anarchie sieht anders aus.


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