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Meinung Wie der Krieg gegen die Ukraine überholte Männlichkeitsbilder wieder hochspült

Egal ob heldenhafter Kämpfer, tapferer Kriegsreporter oder der junge Patriot, der den Nationalstaat verteidigt: Der Krieg gegen die Ukraine befeuert alte Rollenbilder. Das sollte uns zu denken geben.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 15.03.2022

Bild TV-Kriegsreporter Paul Ronzheimer | Bild: Bild-TV/Screenshot Youtube

Panzer, Helikopter, es brennt, dann schlägt eine Rakete ein. Doch was ist das? Mitten drin ein Reporter in schusssicherer Weste und mit Armeehelm auf dem Kopf. Er schaut kurz in die Kamera, dann bringt er sich vor den Einschlägen in Sicherheit. Wir beobachten den stellvertretenden Bild-Chefredakteur Paul Ronzheimer in den Kriegsgebieten in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt Kiew. „Immer noch hören wir das Donnergrollen, der Vorort der Hölle ist das hier“, sagt Ronzheimer.

Das Comeback des starken Mannes

Sein „Kriegs-Tagebuch“ wirkt wie die Inszenierung des Kriegsreporters schlechthin, alles ist so zusammengeschnitten, dass ein Bild des Helden im Kugelhagel an der Front entsteht. Und das sehen wir nicht nur bei Springer. Das Bild des Mannes als stolzer, tapferer Krieger feiert gerade sein Comeback. Ein "richtiger Mann", so scheint es, ist jemand, der seine Nation verteidigt, zur Not auch mit der Waffe. Auch in Deutschland wird der Ruf nach Männern lauter, die so sind wie der gefeierte ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, einst Kabarettist, jetzt Kriegsheld, immer Medienprofi. Oder wie die Klitschko-Brüder, die geradezu verehrt werden, weil sie sich für die Ukraine opfern wollen. Erst kürzlich sagte Vitali Klitschko: „Wenn ich sterben muss, dann sterbe ich. Das ist eine Ehre, für sein Land zu sterben.“ Das Leid und die Notsituation der Ukraine wird ausgenutzt, um hier zu Lande neue Männlichkeit einzufordern.

Kriegsheld Wladimir Klitschko

Im Vordergrund der neuen, alten Männlichkeit steht dabei das „Vaterland“. Vergessen wird, welche todbringenden Konsequenzen das hat. Die Zivilbevölkerung leidet unter dem Angriffskrieg, auch russische Soldaten müssen für Wladimir Putins Imperialismus sterben. Und in der Ukraine dürfen Männer nicht fliehen, wenn sie über 18 Jahre alt sind. Obwohl eigentlich ein Menschenrecht, ist es gerade keine Option, den Kriegsdienst zu verweigern.

„Die Freiheit wird nicht am Tampon-Behälter verteidigt“

Der Diskurs brutalisiert sich, auch in Deutschland. Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt schreibt zum Beispiel, dass die deutsche Gesellschaft aufgrund ihrer moralischen Gewissheit und ihrer Schwäche für jemanden wie Putin einfach ein Frühstück sei. Und weiter heißt es: „Die Freiheit wird nicht am Tampon-Behälter in der Männer-Toilette verteidigt. (..) Unser medial und kulturell dominierendes Menschenbild und auch – ja – das Männerbild sind ein Ausdruck feigen Appeasements gegenüber dem Zeitgeist.“

Ein Ruf nach toxischer Männlichkeit: Männer dürfen keine Schwäche zeigen, sondern müssen hart sein. Sie müssen ihre Gefühle wieder unterdrücken, und den Konflikt im Ernstfall durch Gewalt lösen. Eine Position, für die AfD-Politiker Björn Höcke 2016 noch scharf kritisiert wurde, scheint gerade zum gesellschaftlichen Konsens zu werden. Damals rief Höcke: „Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft und wir müssen wehrhaft werden!“

Staubsauger und Gendersternchen schaden der Kriegsmoral

Brigadegeneral a.D. Erich Vad: Die Deutschen haben keine Kampfmoral

Nun, sechs Jahre später, werden solche Forderungen auch in deutschen Talkshows vorgetragen. Da war zum Beispiel Ex-General Erich Vad im BR Fernsehen. Er beklagt sich, dass die Deutschen keine Wehrbereitschaft und keine Kampfmoral hätten und uns dies hoffentlich eine Lehre sei aus dem Überfall der Russen auf die Ukraine. Er fordert, „dass wir auch mal sagen: Stimmt unser Radikalpazifismus noch? Müssen wir uns nicht auch mal verteidigen können?“

Klar. Staubsauger und Gendersternchen zersetzen die Kriegsmoral! Diese Diskursverschiebung zu mehr Männlichkeit hat politische Folgen. Wir müssen aufrüsten, stark werden, sagt auch der heldenhafte, deutsche Kriegsreporter Paul Ronzheimer im Bild-Talk: „Ich glaube tatsächlich, dass wir zu schwach waren in den vergangenen Jahren und dass wir gewissermaßen auch jetzt noch zu schwach sind in unserer Antwort.“

Militarisierte Männlichkeit

Also wird jetzt massiv aufgerüstet und selbst die Wiederaufnahme der Wehrpflicht ist Thema. Schließlich müssen die verweichlichten Männer ja dringend lernen, das Vaterland, Frauen und Kinder zu verteidigen, wenn der Feind an der Grenze steht. Auf die Spitze treibt dieses Mindset Bild-TV-Chef Claus Strunz in einem Plädoyer für die Wehrpflicht. Er fragt: „Was macht man denn mit einem Irren, der mit einem Schwert auf einen zuläuft, aber selber nur eine weiße Fahne hat? Dann wird man wahrscheinlich schlecht aussehen.“ Da fühlt man sich fast an König Theoden in „Der Herr der Ringe“ erinnert. Auf in die letzte Schlacht gegen den dunklen Herrscher Sauron und die Orks!

Es schmerzt, dass Konservative den Krieg für ihre Agenda missbrauchen und Feminismus und Progressivität diskreditieren. Und dass die alten Männlichkeitsbilder, egal ob heldenhafter Kämpfer, tapferer Kriegsreporter oder der junge Patriot, wieder hochgespült werden. Umso wichtiger, dass es Menschen gibt, die darauf hinweisen, dass schreckliche Fernsehbilder und ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg noch keine Gründe dafür sein müssen, Männer darauf vorzubereiten, für nationalstaatliche Interessen zu töten und zu sterben. Und dass die Realität nicht der Herr der Ringe ist und auch auf der anderen Seite Menschen kämpfen, keine Orks.