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Viral, Viraler, Verfassungschutz Wie der bayerische Verfassungsschutz vor Linksextremisten warnt

Zu Bayerns neuen Filmproduzenten gehört seit heute auch Innenminister Joachim Herrmann: Er hat mehrere Aufklärungsfilme in Auftrag gegeben. Zum Beispiel über Linksextremismus. Eli Veh hat sich die „10 Tipps wie du dich nicht verarschen lässt“ angeschaut.

Von: Elisabeth Veh

Stand: 04.06.2018

Webvideo des Bayerischen Verfassungsschutzes: "10 Tipps wie du dich nicht verarschen lässt - Dieses Mal von Autonomen Linksextremen" | Bild: YouTube-Kanal der Bayerischen Staatsregierung

Es gibt in den Augen der bayerischen Sicherheitsbehörden anscheinend ein Problem, das übersteigt in seiner Dimension rechtsextreme Pegida-Aufmärsche, brennende Asylbewerberheime oder den Trend, dass sich junge Menschen einer religiös-extremistischen Terrormiliz anzuschließen. Der Geist vom Linksextremismus dreht seit einiger Zeit wieder seine Runden, und das macht dem bayerischen Verfassungsschutz offenbar so große Sorgen, dass die Behörde jetzt ein Video veröffentlicht hat, das vor den Gefahren des Linksextremismus warnen soll:

„10 Tipps wie du dich nicht verarschen lässt – dieses Mal von autonomen Linksextremisten“, so heißt der Film, der seit heute im Youtube-Kanal der Bayerischen Staatsregierung zu sehen ist, zwischen einem Video, das den Besuch von Ministerpräsident Markus Söder im Vatikan feiert und einem, das für die Arbeit bei der Polizei wirbt. Aber das Video „10 Tipps wie du dich nicht verarschen lässt – dieses Mal von autonomen Linksextremisten“ ist besser, es hat in Bewegtbild-Dimensionen eine entscheidende Evolutionsstufe genommen:

Der bayerische Verfassungsschutz hat das Prinzip „Listicle“ entdeckt

Mit freundlichen Grüßen: Dein Verfassungsschutz

Der bayerische Verfassungsschutz hat das Prinzip „Listicle“ entdeckt! Und gibt sich auch sonst alle Mühe, ein richtig locker-flottes Webvideo rauszuhauen. Mit Animationsgrafik, Soundeffekten und eeecht catchy-emotionaler Sprechhaltung. Ziel: Den User da abholen, wo er ist. Und dabei der Steinewerfer-Romantik positive Anreize gegenüberstellen! Hier sind ganz klar Profis am Werk! Das Ganze ist auch nur ein klitzekleines bisschen pädagogisch. Merkt man fast gar nicht:

„Tipp 1: Sei anspruchsvoll! Eine Demokratie braucht Leute, die Probleme erkennen und die Situation verbessern wollen. Autonome Linksextremisten meinen, Gewalt sei das richtige Mittel, um etwas zu verändern.“

Im Hintergrund hört man – pffffff - eine Spraydose. Und dann – klirr – kommt ein „Molly“ geflogen, Szenesprech für Molotowcocktail. Den wirft der „Linksextremist“ - nur echt mit schwarzem Cap und schwarzem Tuch über Mund und Nase – einfach so auf die Straße, in Richtung von – na wem wohl: Der Polizei.

Der Verfassungsschutz ist da, wo die Zielgruppe ist

Laut Joachim Herrmann ist diese Form der Aufklärung genau der richtige Weg in Richtung Zielgruppe – der Innenminister hat verstanden, „dass wir gerade die jungen Leute heute natürlich leichter über Facebook, über Youtube und ähnliche Social Media-Kanäle erreichen können.“ Das erklärte er am Montag bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Videos im Hilton Hotel in Nürnberg. Schön wäre es jetzt natürlich, wenn diese jungen Menschen die coolen Videos aus dem Landesamt für Verfassungsschutz auch schauen würden. Dass sie dann entdecken, „was hinter vielleicht zunächst emotional sympathisch wirkenden Aktionen von Extremisten stehen kann“, so Herrmann.

Von Klischee und Wirklichkeit

Soweit der Plan. Aber jetzt müssen wir über die Erfolgsaussichten sprechen – und damit über Klischees. Ein Beispiel:

„Sich eine gerechtere Gesellschaft zum Ziel zu setzen, ist eine gute Sache. Autonome aber kämpfen für Anarchie, also für eine vermeintlich herrschaftsfreie Gesellschaft.“

Wo Autonome sind, ist das Chaos nicht weit, erklärt das Video

Stichwort Anarchie – passenderweise blinkt da im Video der Schriftzug „Chaos“ auf, in schwarz-roter, total cooler Graffiti-Optik! Da verzeiht man auch den kleinen Fauxpas mit der Anarchie: Selbstverwaltung bedeutet natürlich nicht zwangsläufig die Abwesenheit von Ordnung.

„Sie wollen den Rechtsstaat zerschlagen. Ohne Rechtsstaat und ohne Gesetze stände jeder für sich allein. Und der Schwächste bliebe auf der Strecke!“

Gefahr für die frischgestrichene Hauswand

Hausbesitzer zum Beispiel? Das Worst-Case-Szenario für die wird zumindest eine Szene später erläutert: Gefahr – für die frischgestrichene Hauswand.

„Tipp sechs: Zeige Gesicht! Wenn die Autonomen im Schutz der Dunkelheit Wände mit Parolen beschmieren hat das nichts mehr mit Abenteuer zu tun. Das ist eine Straftat.“

Gibt es schon: Video gegen religiösen Extremismus

Wo wir schon bei Klischees sind: Klar, dass ein Spot gegen religiösen Extremismus im Vergleich ein kleines bisschen anders klingen muss. Nicht so wild, so langhaarig, so Bierflasche... Mehr nach Sinn, nach Suche - ein Klavier muss dabei sein! Genauso wie bedeutungsschwere Fragen und offene Antworten:

„Du glaubst an die Kraft der Worte... Werden sie zur einzigen Wahrheit?
Du glaubst an deine Überzeugungen
... Müssen sie von jedem gelebt werden?“

Die Filme, die zum Nachdenken über radikalen Salafismus anstoßen sollen, sind in einem Wettbewerb entstanden. Und laufen übrigens nicht nur im Internet, sondern auch im Kino. Ähnliches Prinzip wie bei den Linken: Die jungen radikal Gläubigen soll man da abholen, wo sie sind – also vielleicht bei „Fack Ju Göthe“ oder im neuen Tom Hanks-Film.

In den nächsten Wochen werden übrigens die Filme über Rechte, Reichsbürger und Scientology, „von denen du dich nicht verarschen lassen sollst“, veröffentlicht. Produziert von der Traumfabrik im Freistaat: Dem Landesamt für Verfassungsschutz, in Zusammenarbeit mit dem Staatsministerium für Inneres. Definitiv Stoff zum Bingewatchen.


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