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Musikbranche Wie Corona der Gitarre zu einem Comeback verholfen hat

Die Musikbranche hat extrem gelitten - aber es gibt auch Corona-Gewinner: Die Gitarre. Und das, obwohl die bekanntesten Hersteller wie Gibson und Fender noch vor knapp zwei Jahren scheinbar vor dem Aus standen. Stephan Lina über ein erstaunliches Comeback.

Von: Stephan Lina

Stand: 11.01.2021

Electric Guitars on Display in a Music Shop | Bild: picture alliance / Zoonar | Phil Bird

Es war ein Schock für viele Musikfans: Vor knapp anderthalb Jahren meldete der legendäre US-Gitarrenbauer Gibson Insolvenz an. Und auch der Konkurrent Fender galt lange als finanziell schwer angeschlagen. Davon ist heute nichts mehr zu hören. So hob Fender kurz vor dem Jahreswechsel seine ohnehin schon optimistische Gewinnprognose nochmals an.

Stay at home and play the Guitar

Nach Einschätzung von Experten gibt es mehrere Gründe für die Trendwende. Einer davon ist wohl Corona. Im Zuge der Pandemie und des Lockdowns verbrachten viele Menschen plötzlich viel Zeit zu Hause, offenbar auch um Gitarre zu spielen. 2020 schnellten jedenfalls die Verkaufszahlen nach oben. Davon profitierte auch Thomann, der weltgrößte Onlinehändler für Musikinstrumente. Der Gitarrenboom habe geholfen, das Jahr zu retten, sagt Firmenchef Hans Thomann:

Stephan Lina im Gespräch mit Hans Thomann

"Wir haben Warengruppen, die sehr stark mit dem Veranstaltungsbereich zu tun haben: Beschallung und Licht. Und da gab es sehr starke Rückgänge. Aktuell etwa der Lichtbereich für Veranstaltungen, circa 90 Prozent. Aber es gibt auch Warengruppen, die mit Digitalisierung zu tun haben: USB-Mikrophone, USB-Interfaces, all die Sachen, um Stimmen ins Internet zu bekommen, das war das Plus Faktor 4, Faktor 5. Und erstaunlicherweise hat die Gruppe Gitarre noch einmal einen richtigen Kick bekommen. Und wir haben viele Neukunden, auch Frauen, die sich entschlossen haben ein Instrument zu lernen, und da waren Gitarren und E-Pianos ganz vorne."

Die Gewinner der Krise

Bernhard Schröter geht es blendend.

Ähnliches berichten spezialisierte Fachhändler wie BTM-Guitars in Nürnberg, wo das Personal zuletzt sogar aufgestockt wurde. Mittelgroße Musikalien-Händler mit breitem Sortiment stehen allerdings vor Problemen. Dort kann die Gitarrenabteilung oft nicht die Einbrüche in anderen Sparten kompensieren. So hat mit justmusic einer der größten Händler Münchens die Schließung angekündigt. Ganz anders ist dagegen die Lage bei Bernhard Schröter, der im oberbayerischen Kirchseeon Gitarren-Verstärker baut:

"Ich bin ausgebucht. So etwas hat es noch nie in der Firmengeschichte gegeben. Und ich nehme an, dass das mit Corona zu tun hat. Denn im Februar hatte "Gitarre und Bass" meinen Studio 10-Amp im Test. Der hat dort sehr gut abgeschnitten. Und im März fing das dann mit Corona an, da waren alle daheim und haben das Heft gekauft. Und dieser Verstärker ist für das Studio und daheim. Und dann ging das los wie eine Rakete. Ich weiß nicht, wie es ohne Corona wäre. Nach so einem Test kommt ja immer so eine Welle, dass einige Bestellungen kommen. Das ebbt dann auch wieder ab. Aber so eine hohe Welle, das war noch nie der Fall."

Welche Verstärker braucht man im Lockdown?

Bernhard Schröters Firma – Schröter Amplification – ist ein Ein-Mann-Betrieb. Den Keller des elterlichen Wohnhauses in Kirchseeon hat der langhaarige Hardrock-Fan zu seiner Werkstatt umgebaut. Doch um überhaupt bis zur Werkbank zu kommen, muss man sich als Besucher fast schon zwischen regelrechten Verstärker-Bergen durchschlängeln. Gleich am Eingang türmen sich Amps von Kunden, die Reparaturen und Wartungsarbeiten in Auftrag gegeben haben. Dahinter stehen aufgereiht neue Verstärker mit dem Logo von Schröters Firma.

"Das ist der Studio 10. Der hat nur 10 Watt. Und deswegen ist der für zu Hause und fürs Heimstudio bestens geeignet. Weil der einfach noch nicht so laut wird. Was soll man da 50 oder 100 Watt reinbauen, wenn man es dann eh nie aufdrehen kann. Im Studio braucht man das nicht, und zu Hause gleich dreimal nicht. Es soll ja der Nachbar nichts hören."

Auch die Plattenläden profitieren

Schröter vermutet, dass viele Musiker und Hobby-Gitarristen die Zeit ohne Auftritte und im Home Office nutzen, um sich kleinere Verstärker zuzulegen, die auch für die Nachbarschaft erträglich sind. Einer seiner Lieblingsgitarrensounds ist übrigens der von AC/DC. Und a Propos AC/DC. Der neue Gitarrenboom findet nicht nur bei den Musikalienhändlern und Herstellern statt, sondern auch im Plattenladen, sagt Tobias Leitmann von Mono-Ton In Nürnberg: "Ich habe es deutlich gemerkt. Bei den Veröffentlichungen von großen Bands wie AC/DC, Iron Maiden oder auch den Arctic Monkeys. Und vor allem bei den Verkaufszahlen von denen, da merkst Du, dass das zur Zeit wieder sehr viel mehr im Fokus ist als zum Beispiel elektronische Musik."

Wird der Boom anhalten?

Tobias Leitmann ist aufgefallen: Bands wie AC/DC haben nicht die EINE Zielgruppe: "Das ist ganz witzig. Das ist wirklich so eine Band, die deckt alles von jung bis alt ab. Da greifen ganz junge Leute zu, die dann sozusagen chronologisch den Weg zurück machen: Von der neuen Scheibe in die Diskographie, die älteren Sachen rein. Aber es kommen natürlich auch die alten Fans. Und jedes Mal, wenn eine neue AC/DC-Platte rauskommt sagen die: Das wird jetzt die letzte, aber auch die hole ich mir noch."

Darauf, dass dieser Gitarren-Musik-Boom anhält, darauf hofft man auch bei Fender und Gibson. Dort jedenfalls gibt es heute keine Pleiteängste mehr.


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