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"Gold Record" Wie Bill Callahan seinen Frieden mit der Welt auf dem Land gefunden hat

Humor ist möglich, sogar in moralisch aufgeheizen Zeiten. Das beweist der neueste Streich von Bill Callahan. Es hat sich etwas verändert beim Singer/Songwriter mit der tiefen Stimme: Er hat spät noch Kinder bekommen und ist aufs Land gezogen. Hinter zehn Songs auf "Gold Record" steckt augenzwinkernde Ironie, aber zugleich der Ausdruck dafür, dass Callahan auf dem Land seinen Frieden mit der Welt gefunden hat.

Von: Roderich Fabian

Stand: 31.08.2020 15:19 Uhr

Wenn jemand glücklich ist, ist er immer in Gefahr zu verblöden. Bill Callahan wirkt auf „Gold Record“ zwar ziemlich glücklich, aber keine Angst:, seinen cleveren Biss hat er deswegen nicht verloren. "Hello, I'm Johnny Cash", singt er im Track "Pigeons" auf seinem neuen Album. Man sollte es nicht als Majestätsbeleidigung ansehen, wenn Bill Callahan sich hier die Begrüßung aneignet, mit dem der große Country-Star seine Konzerte eröffnet hat. Man sollte den Spruch eher als Hommage ansehen - an die Art und Weise, wie Johnny Cash mit seinen Songs Geschichten erzählte. Denn dieser hier - "Pigeons" - erzählt die Story eines Fahrers von Hochzeits-Limousinen, der dem frisch getrauten Paar Tipps für die Zukunft gibt.

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Pigeons | Bild: Bill Callahan - Topic (via YouTube)

Pigeons

"Wenn du heiratest, dann heiratest du die ganze Welt", singt Bill Callahan weiter. So heirate man die Reichen, die Armen, die Kranken und Gesunden, die Homos und die Heteros und auch die, die solche Begriffe nicht mehr verwenden. Das ist - wie immer bei Bill Callahan - ziemlich gut beobachtet, die Reflektion eines Außenseiters, der aber mitbekommt, wie sich die Gesellschaft verändert. Er bleibt auch auf dieser Platte der Beobachter und nicht der Richter über die Verhältnisse. Im „Protest Song“ protestiert er zwar, aber nur gegen einen Protestsänger, den er im Fernsehen sieht, der ihm verlogen vorkommt und anbiedernd. Angeblich würde Bill für Satan stimmen, wenn grade dieser Sänger dagegen wäre.

Callahan bleibt Beobachter und nicht Richter über Verhältnisse

Nein, mit Bill Callahan werden wir die Revolution nicht gewinnen. Der Typ bleibt Individualist, auch wenn er gängige Stilmittel verwendet. Hier gibt's den Blues und da gut abgehangene Folk-Akkorde, wie immer subtil und unaufdringlich arrangiert. Callahan hat zugegeben, dass die meisten Songs auf diesem Album schon ein paar Jährchen in der Schublade gelegen haben. Einen - „Let’s move to the country“ - gab’s sogar schon mal auf der Smog-Platte „Knock Knock“ von 1999. Damals war der Umzug von Chicago aufs Land noch eher so eine ironische Volte. Inzwischen lebt der 54-jährige mit Frau und fünfjährigem Sohn tatsächlich in einem texanischen Dorf.

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Let's Move To The Country | Bild: Bill Callahan - Topic (via YouTube)

Let's Move To The Country

Doch muss man immer vorsichtig sein bei Bill Callahan und seinen Songs. Nur selten sind sie autobiographisch. Meist sind es eher Geschichten, bei denen der Sänger in irgendeine Rolle schlüpft. In „The Mackenzies“ etwa geht es um einen jungen Mann, der auf der Durchreise bei einem älteren Ehepaar übernachten darf, von diesem aber als Ersatz für einen verstorbenen Sohn betrachtet wird.

Verdienterweise selbst eine goldene Schallplatte verliehen

Songs wie diese sind nicht - wie früher bei Billl Callahan - von einer kühlen Distanz gekennzeichnet, sondern eher von Verständnis und sogar Menschenliebe. Vielleicht kann man das auch als Altersmilde bezeichnen. Jedenfalls feiert der Sänger auf „Gold Record“ auch noch eine lebende Legende ab. Ganz unironisch hießt ein Song hier „Ry Cooder“ - und es geht tatsächlich um den grandiosen Gitarristen und Bewahrer gesamt-amerikanischer Musiktraditionen.

Aber anders als Johnny Cash oder Ry Cooder wird Bill Callahan wohl nie eine Goldene Schallplatte verliehen bekommen, dafür bleibt der Mann zu sperrig und zu eigentümlich. Genau deswegen hat er diese Sammlung von zehn Songs - die angeblich in nur einer Woche eingespielt wurden - eben „Gold Record“ genannt. Er hat sich den Preis einfach selbst verliehen, weil er seit dreißig Jahren sein eigener Herr geblieben ist und weil er deshalb „eine Goldene“ verdient hat. Dieser Selbsteinschätzung können wir nur aus ganzem Herzen zustimmen.


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