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Fair-Trade-Porn Warum wir ein Netflix für Pornos brauchen

Viele Menschen in der Porno-Industrie sehen ihr Image zu Unrecht unter Beschuss. Das Problem: Porn findet immer noch vor allem in den schmuddeligen Hinterhöfen des Internets statt. Doch der Weg dort raus, ist nicht leicht.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 14.01.2021

Binärer Zahlencode, dahinter ein Damenmund mit roten Lippen | Bild: picture-alliance/dpa

Ich bin letzte Woche auf eine Idee gestoßen. Die Idee hab ich aus einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung, und sie lautet: Wir sollten alle anfangen, endlich für Pornos zu bezahlen. Das könnte viele Probleme lösen. Ich mag es zwar nicht unbedingt, für Dinge zu bezahlen, aber ich mag es, Probleme zu lösen. Also treff ich mich auf einen Zoom-Call mit dem Autor des Kommentars, Philipp Bovermann: "Wenn wir Pornos direkt vom Erzeuger beziehen, sozusagen, dann tut man den Leuten einen großen Gefallen und man tut sich selbst letzten Endes auch einen großen Gefallen, weil man sich dann nicht diesen ganzen trashigen Shit mit rein lädt. Da sind ja wirklich auch problematische Sachen auf Pornhub unterwegs."

Wie können wir Porno und Missbrauch trennen?

Das Problem mit den großen Plattformen: Sie drücken die Preise, fördern indirekt schlechte Arbeitsbedingungen in der Porno-Branche und vereinzelt werden dort sogar Clips gegen den Willen der darstellenden Personen hochgeladen. Stichwort "Revenge porn" bis hin zu Missbrauch. Die Lösung könnte sein: Pornos direkt vom Erzeuger – also fair produziert, gute Arbeitsbedingungen, Geld kommt bei denen an, die es gemacht haben. Bio-Porno also. Aber wie würde das aussehen? Wenn man offiziell dafür zahlt? "Vielleicht möchte sich ja jemand neben dem Netflix-Konto noch ein weiteres Abo teilen von einer der hochwertigen, fair produzierenden Pornoseiten, die es auch längst gibt", schlägt Bovermann vor. "Aber man muss dann natürlich auch ein bisschen über seinen eigenen Schatten springen. Ist ja klar. Immerhin niemand gibt ja gerne zu 'Hey, ich guck Pornos', dabei macht's halt jeder."

Geteilte Accounts for Pornos?

Okay, dieses Account-Teilen – auch für Pornos, die Idee lässt mich ehrlich nicht los. Weil sie anderswo so völlig normal ist. Ich zum Beispiel habe einen Netflix-Account und zahle auch selber dafür - aber aus irgendeinem Grund hängen da noch vier Schmarotzer mit dran -  nur weil ich denen einmal mein Passwort gegeben habe. Als Rache gucke ich Disney Plus dann über den Account vom Bruder meiner Freundin. Ihr versteht schon. Nur, funktioniert dieses Modell auch für Porn? 

Es gibt ein paar Jungs, die kenne ich noch aus meiner Schulzeit, und einmal die Woche treffen wir uns virtuell zum Zocken. Die perfekte Gelegenheit für ein bisschen Marktforschung. Ich frage sie: "Bevor wir weiterspielen: Stellt euch vor, es gäbe sowas wie Netflix, aber für Porn. Würdet ihr euch einen Account mit mir teilen?" Die Antwort fällt eher negativ aus: "Gregor, ich brenn darauf, 25 Fußfetisch-Pornos im gemeinschaftlichen Verlauf zu sehen, und mich zu fragen wer von meinen vier Freunden, der den Account mit mir teilt, die Dinger gefunden hat."

Was sagt die Sex-Blogger-Szene dazu?

Gemischte Reaktionen bei den Jungs - na gut. Aber ich will die Geschichte weiter vorantreiben. Und bei meinen Recherchen im Netz finde ich eine Frau, die sich "Girl on the Net" nennt:  "Ich heiße "Girl on the Net", ich bin eine anonyme Sex-Bloggerin. Ich schreibe Sex-Stories auf meiner Webseite seit 2011 und ich mache auch eine Menge Audio-Pornos."

"Girl on the Net" meint das ernst mit dem Anonym-Sein - nicht mal ich kenne ihren richtigen Namen. Trotzdem redet sie mit mir offen über ihr Geschäftsmodell: Sie hat ihren eigenen Blog - der sieht sogar ziemlich nach Old-School-Blogosphäre aus. Sie sagt, jedes Mal, wenn sie sich auf eine große Plattform begibt, muss sie damit rechnen, dass sie wieder runtergeschmissen wird: "Sexarbeit, Porn, alles was in diesen Bereich fällt, wird immer stigmatisiert. Das bedeutet, dass Bezahl-Provider wie Kreditkartenfirmen kaum mit uns arbeiten wollen. Wenn man Pornos produziert, wird man deswegen schnell abhängig von riesigen Porn-Seiten. Und für diese Firmen ist dann ein Leichtes, Menschen auszubeuten. Sie haben das Monopol, sind die Einzigen, die unsere Arbeit überhaupt veröffentlichen."

Respekt und Porno - passt daszusammen?

Das Problem ist also: Menschen, die Sex-Inhalte im Netz herstellen, würden eigentlich gerne mehr respektiert werden. Aber weil die großen respektierten Plattformen sie ständig runterschmeißen - trotz komplett jugendfrei geführter Accounts - bleiben nur die schmuddeligen Hinterhöfe des Internets übrig. Und in den Hinterhöfen ist es nicht leicht, sich Respekt aufzubauen. Ich frage also: Wie kommt man raus aus diesem Kreislauf?

"Girl on the Net" sieht es so: "Erstmal: Bezahl für deine Pornos. Selbst wenn du nur einen Anbieter bezahlst und du immer noch Gratis-Uploads irgendwo anders guckst: such dir dein Lieblings-Studio oder deine Lieblings-Schauspielerin und bezahle für deinen Konsum. Du unterstützt damit die Arbeit, die du liebst. Und dann: Rede über Pornos. Rede in deinem Freundeskreis darüber, teile deine Lieblingslinks, sprich über den Porn, den du liebst."

Brauchen wir eine Art Netflix für Pornos?

"Girl on the Net" und ihre vielen Kolleginnen und Kollegen zeigen: Es gibt Porn im Netz, der ethisch okay produziert ist. Der es nicht verdient hat, dass man seine Existenz totschweigt. Trotzdem schweigen wir über Pornokonsum, immer noch. Dabei wäre vielleicht gerade das Gegenteil wichtig: Eine Flucht nach vorn. Eine Ent-Stigmatisierung. Zum Beispiel mit einem Netflix für Sex-Videos?

Für "Girl on the Net" wäre das tatsächlich die Lösung: "Ich fände das großartig. Ich glaube, die Welt wäre dann ein sehr viel besserer Ort. Es würde das Leben für Menschen, die Pornos produzieren, wesentlich einfacher und sicherer machen. Wir müssen das Stigma rund um Porn loswerden."


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