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Streaming-Star Wie Apache 207 mit sexistischem Rap die Charts stürmt

Mit seinem Song „Roller“ sammelte Apache 207 dieses Jahr so viele Streams wie kein anderer Rapper. Der Newcomer landete damit sogar vor Capital Bra. Doch so besonders seine Musik auch ist, sie ist auch problematisch.

Von: Benedikt Scherm

Stand: 11.12.2019

Live auf einem Konzert | Bild: Jazz Archiv/Rainer Merkel

Als Bonez MC und RAF Camora vor drei Jahren ihr Album „Palmen aus Plastik“ veröffentlichten, haben sie ein Rezept gefunden, mit dem sie eine beispiellose Sammlung an Gold- und Platinplatten hamsterten: Man nehme ein wenig Straßenästhetik und gieße sie in ein tanzbares Afro-Trap-Gewand, kombiniere das Ganze mit einer Portion Geheimniskrämerei um die eigene Person und voilà: wir haben einen Hype. In der Folge haben sich unzählige deutsche Rapper mal mehr, mal weniger erfolgreich an diesem Rezept versucht.

Apache 207 hat mit klassischem Hip-Hop nicht viel zu tun

Doch wirklich verinnerlicht hat diesen Geist erst ein junger Mann aus Ludwigshafen: Apache 207. Was bei Bonez & RAF der französische Afro-Trap war, ist bei ihm der Eurodance. Mit klassischem Hip-Hop hat das nur noch wenig zu tun, wenn die Bassdrum im hohen BPM-Bereich wummert und ziemlich catchy, teilweise orientalisch anmutende Synthies die Stimme von Apache untermalen.

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Apache 207 in der Hocke | Bild: Apache 207/Two Sides

Apache 207 - ROLLER prod. by Lucry & Suena (Official Video)

Überhaupt diese Apache-Stimme: RIN und Co. brauchen meist Autotune, um ihr Gefühl für Melodien in den Hooks zu verwirklichen. Apache aber glänzt mit einer starken Singstimme. Und er kann rappen.

Apache erzählt vom Leben auf der Straße, von Frauen und von Partys und natürlich auch von der eigenen Großartigkeit, vom eigenen Flex. Dazu schafft er sich seine eigene Marke: „Apache, der Gangster, der auch ab und an sein Tanzbein schwingt“ heißt es auf „Kein Problem“. Die Phrase ist zum Running Gag in den Kommentarspalten geworden, ja sogar zum Meme.

Er kennt das Spiel mit den sozialen Medien

Auch auf Social Media ist der groß gewachsene Rapper mit den langen, schwarzen Haaren präsent: „Indianer, Apache, den Bitches gefällt, was ich auf Insta poste, Indianer, Apache, oberkörperfrei auf Insta posen“. Instagram, das Promo-Tool Nummer eins für den Rapper von heute, stellt nämlich keine unangenehmen Fragen. Auch nicht die, wie er dazu steht, sich ganz offensichtlich an Merkmalen einer anderen Ethnie zu bedienen und ob er schon einmal etwas von „Cultural Appropriation“ gehört hat.

Oder was seine Mama, für die er „Brot nach Hause“ bringt, zum Frauenbild ihres Sohnes sagt? Seine Debütsingle im vergangenen Jahr hieß so schlicht wie einfach „Kleine Hure“. Und auch sonst spart Apache nicht mit Sexismus, so eine „Bitch like Barbie“ macht auf dem Roller halt auch einfach was her.

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Apache 207 -  KLEINE HURE   // Prod. von Kostas Karagiozidis (Official 4K Video) | Bild: Apache 207 (via YouTube)

Apache 207 - KLEINE HURE // Prod. von Kostas Karagiozidis (Official 4K Video)

Doch Instagram fragt nicht und so bleibt Apache hinter seiner 80ies-Sonnenbrille „unantastbar“ und überholt mit seiner coolen, lässigen Art mit „200 km/h“ das gesamte Genre. Da fällt es dann auch nicht weiter ins Gewicht, dass sein Debüt-Mixtape „Platte“ aus dem Oktober eher enttäuscht.

Ungestört kann er mit Förderer Bausa - dessen Frauenbild nicht weniger problematisch ist - auf Tour gehen, und wird von Rap-Legende Sido mit einem Featurepart auf dessen Album hofiert.

Apache 207 reiht sich ein in ein Narrativ, das deutscher Hip-Hop seit Jahren kennt und vor allen Augen, auf allen Bühnen und in allen Playlists stattfindet: Rapper sind (größtenteils) Sexisten, daran hat sich auch 2019 nichts geändert. Die ständigen Zeilen über Bitches, Huren oder Schlampen sind ermüdend und unnötig.

Sexismus im Rap? Maximal Kavaliersdelikt

Trotzdem: Als Rapper, der im Mainstream Erfolg haben will, gehört die ein oder andere Zeile schon beinahe zum guten Ton. Nachzuhören bei Bausa, RIN, Capital Bra, Shindy, Summer Cem oder auf Millionen Smartphones in deutschen Schulen. Das zeigt, dass Sexismus immer noch maximal ein Kavaliersdelikt ist. Sowohl in der Szene selbst als auch außerhalb wird er viel zu wenig problematisiert.

Doch in der Rapszene gibt es inzwischen ein kleines #RapToo, feministische Positionen sind vorhanden, werden gehört und auch erste Reaktionen von Veranstaltern sind sichtbar. Der Hamburger Rapper Gzuz war mehrfach wegen frauenfeindlichem Verhalten in der Kritik und wurde dieses Jahr beim größten deutschen Hip-Hop-Festival, dem Splash, nicht mehr eingeladen. Doch dass sich dieses Verhalten lediglich als Reaktion auf einen Extremfall auffassen lässt und nicht als generelles Umdenken, zeigt der Blick auf das Splash-Lineup fürs nächste Jahr. Gebucht dort: Apache 207.


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