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"Wet Satin" Das kalifornische Duo Wet Satin mixt kosmischen Krautrock mit Cumbia

Das kalifornische Duo ist ein Ableger der Psychedelic Rock-Band Lumerians. Während der Pandemie begannen Jason Miller und Marc Melzer das neue Projekt Wet Satin. Ihren Sound nennen sie „Kosmische Tropicale“ - nur woher kommt das deutsche Wort?

Von: Ralf Summer

Stand: 22.08.2022

Das Duo Wet Satin sitzt in einer bunten Collage | Bild: Fuzz Records

Ist es Easy Listening? Ist es Exotica? Ein neuer Soundtrack mit alten Vibraphon-Nummern? In Kalifornien, von wo aus es bekanntlich nicht mehr weiter westwärts geht, arbeitet man mal wieder an einer neuen Version von Fernweh-Musik. Wet Satin: der Name ploppte auf, als Jason Miller von Science-Fiction-Autor Philip K. Dick träumte. Die Wörter waren einfach so da, tauchen nicht etwa in einem von Dicks Büchern auf. Wir erinnern uns: der US-Autor hat unter anderem “Do Androids Dream Of Electric Sheep” geschrieben, aus dem der Kultfilm “Bladerunner” wurde.

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Wet Satin - Golden Prawn (Official Audio) | Bild: Fuzz Club (via YouTube)

Wet Satin - Golden Prawn (Official Audio)

Wet Satin arbeiten an einer rostigen Art von Zukunft, "Retro Futura" wenn man so will. Und sie wissen, dass der Bandname “nasser Satin” polarisiert, so Jason Miller. Nachdem sie sich für ihn entschieden hatten, fanden sie heraus, dass auch eine erotische Comic-Reihe in den 70ern so hieß, die hauptsächlich von Frauen verfasst wurde. Sie behielten den Bandnamen. Und entwickelten per hin- und her geschickter Dateien einen Sound, der wie das Mixtape aus einer anderen Realität klingen sollte. Für mich nach Kolumbien der 80er.

“Dass du dachtest, wir wären eine Band aus dem Kolumbien der 80er, ist eine Ehre für uns. Wir beide lieben die Cumbia. Von den 50ern bis heute. Aber auch Cumbia-Spielarten anderer südamerikanischer Länder, wie etwa Chicha aus Peru, psychedelischen Chicha-Sound aus den 60ern genauer gesagt. Dazu kommen bei uns Afro-Funk-Einflüsse aus den 70ern. Und auch deutsche Instrumental-Musik aus den 70ern: 'Kosmische Musik'. Plus Cosmic-Disco aus Frankreich und Italien der frühen 80er. Das ist das Gebräu, aus dem Wet Satin gemischt sind", stellt Jason Miller im Interview fest.

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Wet Satin - WitchKraft Singles (Official Audio) | Bild: Fuzz Club (via YouTube)

Wet Satin - WitchKraft Singles (Official Audio)

Klar, dass da Psychedeliker am Werk sein müssen. Psychedelische Eklektiker. Mit normalem, dem bekannten Krautrock braucht man den beiden Kaliforniern nicht zu kommen. Sie sind - wie viele MusikerInnen im Ausland - Fans der deutschen „kosmischen Musik“ - nicht des rockigen, mit Gitarren gespielten Krautrocks, sondern des späten, abgespaceten, von Keyboards und Synthies dominierten Krautrocks: „Bands wie Harmonia und Cluster zum Beispiel. Oder die Kollaborationen von Dieter Moebius mit Conny Plank – da fällt mir ihre 'Rasterkraut Pasta'-LP von 1980 ein. 'Kosmische' ist eines  unserer deutschen Lieblings-Wörter. Es fußt ja auf dem griechischen Begriff 'Kosmos'. Im Englischen nennen wir es 'Cosmic'. Deutsche Musik aus den späten 70ern, frühen 80ern ist enorm wichtig für uns. Deshalb haben wir 'Kosmische' auch in unsere Selbstbeschreibung aufgenommen.“

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Wet Satin - Colored Tongues (Official Audio) | Bild: Fuzz Club (via YouTube)

Wet Satin - Colored Tongues (Official Audio)

„Kosmische Tropicale“ – der zweite Hinweis im Sound von Wet Satin geht Richtung Tropicália – die psychedelische Musik Brasiliens, die sich in den 60ern auf ihre afrikanischen Wurzeln besonnen hat. Doch nicht nur Musik ist ein Einfluss, Wet Satin haben auch ein visuelles Faible: den US-Internet-Kanal Exp TV.

„Den Sender haben wir zu Beginn von Corona entdeckt. Als schöne Alternative zu all den anderen Streaming-Diensten wie Netflix oder Hulu. Auf Exp TV läuft viel altes unbekanntes Zeug. Dabei bekommt man eine Art nostalgisches Fernseh-Gefühl, die Ästhetik der Filmchen erinnert an die Zeit, als man sich noch einfach von Bildern aus der Kiste berieseln ließ und noch irgendjemand anderes für dich das Programm zusammenstellte: was kam, lief. Wir haben das während Corona echt viel geguckt – das war eine bessere Unterhaltung als der Rest. Man hat das Gefühl, da tut sich eine ganz andere Welt auf. Probiert das mal, wenn ihr es noch nicht kennt, macht echt Spaß!“

Exp TV sieht aus, als ob sich Bekiffte durch obskure Mitschnitte von Sendungen und B-Movies der 60er, 70er, 80er skippen bzw. zappen. Hypnagogisches Fernsehen. Der verwehte Instrumental-Sound von Wet Satin ist der perfekte Soundtrack dafür, passt aber auch in eine Playlist mit Khruangbin, Los Bitchos oder Σtella – jungen Bands, die Altes neu entdecken, fremd Klingendes anders anpacken, dass es eine wahre Freude ist. Retro mal Retro ergibt hier etwas Neues, Nach-vorne-Schauendes. Wet Satin gelingt etwas, was nicht einfach ist: sie klingen zeit- und ortlos. Ein herrlicher, interkontinentaler Cosmic-Jam. Truly outernational.