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Fundamentalismus Wer hinter den Mahnwachen vor Abtreibungskliniken steckt

Diskussionen rund um Schwangerschaftsabbrüche haben in letzter Zeit wieder extrem zugenommen. Auch Fundamentalisten mischen mit. Religiöse Gruppierungen treffen sich vor Abtreibungskliniken und halten Mahnwachen ab. Doch wer steckt eigentlich dahinter? Wir haben die Gruppe „40 Tage für das Leben“ in München getroffen. Und die Spur führt nach Kroatien.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 26.03.2019

Mahnwache bei pro Familia in Frankfurt | Bild: picture-alliance/dpa

Es ist kalt und windig. Gut zehn Menschen stehen in einer Reihe vor dem Medi-Care Zentrum in München-Freiham. Man hört es: Sie beten. Allerdings nicht auf Deutsch, sondern auf Kroatisch. Sie tragen Schilder mit Aufschriften wie „Für das Leben“ oder „Beschützerin der Ungeborenen.“ Sie sind Teil der Bewegung „40 Tage für das Leben.“

Abtreibungsgegner auf dem Marsch für das Leben, Berlin.

„Wir beten für das Leben für eine Kultur des Lebens und für Heilung und Umkehr von allen Menschen, die vielleicht von Abtreibung oder ähnlichen Themen belastet oder involviert sind“, sagt Silja F. Sie ist die Presse-Beauftragte der katholischen Fundamentalisten in München – und eine der wenigen, die fließend Deutsch sprechen. Die meisten „Betenden“ von „40 Tage für das Leben“ in Deutschland sind nämlich kroatische Katholiken. Als ich Silja F. in Freiham treffe, bekreuzigt sie sich erst einmal. 40 Tage für das Leben sei kein Protest, sondern ein Gebet, sagt sie: „Uns geht es eben nicht darum, Protest zu zeigen, sondern eigentlich als letztes Zeichen der Hoffnung für das Leben.  Dass wir einfach da sind und zeigen, es gibt auch einen anderen Weg.“ Zwei Mal im Jahr halten die Fundamentalisten 40 Tage lang vor Abtreibungskliniken oder Beratungsstellen ihre Mahnwachen ab. Das Ziel: Man will zu jeder Tageszeit präsent sein.

Abtreibungsgegner in Michigan, USA

Ursprünglich wurde die Anti-Abtreibungsbewegung 2004 im US-Bundesstaat Texas gegründet. In den USA hat „40 Tage für das Leben“ eigenen Angaben zu Folge bereits über 100.000 Menschen mobilisiert und sich mittlerweile auf mehr als 20 Länder ausgeweitet. Mit Werbespots, in denen Abtreibung als die größte Katastrophe der Menschheit dargestellt wird.

Silja F. sagt mir, sie wolle Abtreibung nicht verbieten, sondern undenkbar machen. Also 40 Tage lang beten. Noah, Moses, sogar Jesus haben es in der Bibel ja auch so gemacht. Danijel Majic, Journalist und Experte für Rechtsextremismus und Fundamentalismus, erklärt wie die Bewegung über Kroatien nach Deutschland gekommen ist: „Eine dieser ersten Mahnwachen in Kroatien fand 2014 in Sizac statt. Da gab es einen gewissen Boris D. und der ist dann ausgewandert nach Deutschland, kam nach München und der hat das dann 2016 organisiert mit seiner Mitstreiterin Sanela M.“

Der von Danijel Majic erwähnte Gründer von „40 Tage für das Leben“ in München, Boris D., ist übrigens ein verurteilter Straftäter. „Der war 2010 noch als Fußballhooligan aktiv und war da auf einen brutalen Angriff auf einen griechischen Mannschaftsbus in Zagreb beteiligt und ist da dann auch zu zwei Jahren Haft verurteilt worden“, sagt Danijel Majic.

Die Gruppe "Helfer für Gottes kostbare Kinder" in München

Außerdem sei Boris D. zu jener Zeit in der kroatisch faschistischen Partei HCSP gewesen, einer offen rechten Partei, die oft Neonazi-Konferenzen organisiert. Diese Vermischung zwischen rechter Szene einerseits und religiösem Fundamentalismus andererseits sei typisch für Kroatien, sagt Danijel Majic. Besonders die katholische Kirche arbeite dort immer wieder eng mit rechten Nationalisten zusammen. Ein Beispiel: Es werden regelmäßig Kirchenräume zur Verfügung gestellt, in denen es darum geht, die Beteiligung Kroatiens am Holocaust zu relativieren, in denen das geschieht.

In Deutschland ist so etwas nicht zu beobachten. Trotzdem steht Majic zu Folge ein problematisches Narrativ hinter den Gebeten vor der Abtreibungsklinik: Die Angst der Fundamentalisten vor dem Sieg des Kulturmarxismus über die christlichen Werte und vor dem Aussterben der europäischen Kernfamilie.

In Deutschland hat die Bewegung noch nicht so viel Zulauf erhalten wie zum Beispiel in den USA. In Pforzheim wurden die Mahnwachen vor einer Beratungsstelle der Organisation „Pro Famila“ sogar verboten. Hier mussten die Betenden auf alternative Standorte ausweichen. Obwohl die Mahnwachen durch das Recht auf Versammlungsfreiheit eigentlich legal sind, entschied die Stadt Pforzheim sie direkt vor den Kliniken zu verbieten. Der Grund: Die Beratungsstelle beklagte sich, dass die Mahnwachen die Frauen bedrängen und ein Eingriff in deren Persönlichkeitsrechte seien. Frauen müssten uneingeschränkten und anonymen Zugang zu den Beratungsstellen haben, um selbst zu entscheiden, was mit ihren Körpern geschieht, so die Entscheidung der Stadt.


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