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Dancing for social change Was wurde aus der Raveolution in Tiflis?

Nach Todesfällen kam es im Mai 2018 in zwei Techno-Clubs in Tiflis zu Razzien der Polizei. Einen Tag später demonstrierten vor dem Parlament Tausende von Ravern gegen das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte und die restriktive Drogenpolitik Georgiens. Was wurde aus der Raveolution?

Von: Florian Fricke

Stand: 23.11.2018

Tiflis: Renaissance eines historischen touristischen Hotspots, Stadt der Brüche und Widersprüche, neuer Sehnsuchtsort der internationalen Raverszene. Das Bassiani gilt nicht umsonst als das Berghain des Kaukasus. Dann im Frühjahr 2018 der Schock: Im Umfeld des Clubs kam es zu fünf Todesfällen durch Drogen, ausgelöst durch Fentanyl, bekannt aus der Opioid-Krise aus den USA. Die Raver hatten keine Ahnung, was sie da im Darknet gekauft hatten.

Aktivisten demonstrieren Ende Oktober vor dem Parlament gegen die Regierung.

Schwer bewaffnete Spezialeinheiten führten daraufhin - in der Nacht auf den 12. Mai - Droggenrazzien im Bassiani und im Café Gallery durch. Die Clubszene reagierte prompt. Einem Flashmob gleich formierte sich eine Demonstration von Unterstützern vor dem Parlament, die sich dank eines Soundsystems zu einer echten Party entwickelte, allerdings eine Party des Zorns. Sie demonstrierten nicht nur gegen die überaus harschen Drogengesetze - Rund 20.000 Drogenuser wurden in den letzten Jahren zu drakonischen Haftstrafen verurteilt - sie forderten auch den Rücktritt des verhassten Ministerpräsidenten Michail Saakaschwilis. Die Clubszene sieht sich als die gesellschaftliche Avantgarde, die gegen die ultra-konservative orthodoxe Kirche und das erstarrte Parteiensystem rebelliert.

Am zweiten Tag attackierten rechtsextreme Verbände die Demonstranten, in ihren Augen „Sodomiten“. Der Innenminister wollte für nichts garantieren und überzeugte die Organisatoren schließlich, die Protestierenden nach Hause zu schicken, die Verantwortung war zu groß. Diese als Raveolution bekannt gewordene Demonstration endete also in den Augen der Organisatoren in einer Niederlage. Ihr Kampf um eine liberalere Drogenpolitik ist vorerst gescheitert, die Szene verharrt in Agonie, auch wenn der Betrieb wieder rollt.

Die post-sowjetische Geschichte Georgiens

Um dieses Setting zu verstehen, muss man tiefer in die post-sowjetische Geschichte Georgiens eintauchen. Nach der Unabhängigkeit 1991 versinkt das Land in Chaos. Es ist die Zeit der Warlords, der Milizen, des Faustrechts, des Bürgerkriegs in Abchasien. Bittere Armut überall. Tiflis ist eine dunkle Stadt ohne Strom und Gas und voller Flüchtlinge. Gewalt auch an den Schulen, wirklich jeder hat ein Messer. In dieser Atmosphäre wächst Leo auf, einer der Tifliser Techno-Pioniere: „Das war die Zeit, als die dunklen Mächte, die heute noch herrschen, ihre ersten Besitztümer anhäuften. Schau, da drüben im Haus, drei Apotheken nebeneinander. Und ich sehe eins, zwei, drei, vier Kirchen. Das sind die übelsten Gewerbe, sie haben sich in den 90er Jahren bereichert, als die Menschen reihenweise starben. Es war trostlos, die Georgier litten wie die Hunde, geistig und körperlich. Die Kirche bot ihnen falsche Hoffnungen für die Seele an, und die Apotheken schlechte Medikamente - Drogen, mit denen sie ihre schmerzenden Körper still bekamen. Aber viele Menschen haben sich mit diesem Schrott überdosiert.“

Nicht nur mit Medikamenten, auch Heroin ist in diesen schweren Zeiten sehr beliebt. An Nachschub mangelt es nicht, denn Georgien liegt an den Drogenschmuggelrouten von Asien Richtung Europa. Dann die Rosenrevolution 2003: Micheil Saakaschwili stürzt Präsident Eduard Schewardnadse. Er dereguliert die Märkte, bekämpft radikal die Korruption und senkt mit seiner Zero-Tolerance-Politik die Kriminalitätsrate dramatisch. Diese kompromisslose Politik richtet sich weniger gegen die Dealer, sondern vor allem gegen die Drogenuser. David Sulbani von der White Noise Bewegung ist einer der wichtigsten Aktivisten für eine liberale Drogenpolitik: „Und um es noch schlimmer zu machen, hat die Regierung vor ein paar Jahren bei zwei Dritteln der Substanzen die Regel der Kleinstmenge gestrichen. Georgien verfolgt nun den Missbrauch von 247 Substanzen. Das heißt, wenn man bei jemanden eine benutzte Spritze findet, auf der mikroskopisch kleine Mengen zu finden sind, kann er für ein paar Jahre in den Knast wandern. Wir kennen Fälle, da sind die User für 0,00009 Gramm von irgendeiner Substanz für sechs, sieben, acht Jahre ins Gefängnis gegangen.“

Warum Techno hier politisch ist

David Sulbiani von der White Noise Bewegung

Ein paar Ministerpräsidenten später gelten diese Drogengesetze immer noch - trotz einiger Beteuerungen, sie zu ändern. Ein guter Platz in der internationalen Kriminalitätsstatistik verkauft sich natürlich in Sachen Tourismus bestens, und die progressive Technoszene ist den beiden dominierenden Parteien sowieso suspekt. Deswegen bewerten die Clubs die Razzien im Mai als Versuch, die Szene einzuschüchtern. Die Clubszene, sie will eine neue Gesellschaft mit modernen, liberalen Werten, und diese im Mainstream verankern. Doch die alten Strukturen wirken sehr stabil - ein Kulturkampf mit ungewissem Ausgang.

In diesem Zündfunk Generator berichten wir über Raveolution von Tiflis - und was von ihr übrig geblieben ist. Mit dem Klick oben auf das Bild startet der Podcast! Den Generator-Podcast kannst Du hier abonnieren.


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