Bayern 2 - Zündfunk

Gemeinsam außen vor? Was Ostdeutsche und Migranten vereint

Unsere Autorin Anne Fromm entdeckt die Ossi in sich, unser Autor Sammy Khamis seinen inneren Kanacken. In dieser Sendung suchen sie nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Sie stellen fest: Ablehnung erfahren beide, aber macht das auch beide gleich?

Von: Anne Fromm und Sammy Khamis

Stand: 21.06.2019

Im Frühsommer 2018 erklärte die Migrationsforscherin Naika Foroutan in einem Interview mit der taz: „Sehr viele Erfahrungen, die Ostdeutsche machen, ähneln den Erfahrungen von migrantischen Personen in diesem Land. Mich irritiert, dass darüber bis jetzt nicht gesprochen wird.“ Diese Aussage führt zu einer großen Kontroverse. Vor allem weil die Zahlen für Foroutans Beobachtung sprachen: von 201 Vorstandsmitglieder der DAX-Unternehmen sind nur vier Ostdeutsche. Sogar in den neuen Bundesländern tauchen Menschen mit ostdeutscher Biografie kaum in den Führungsriegen der Unternehmen, Verwaltungen oder Ministerien auf. Ähnlich sieht es bei Migrantinnen und Migranten in Führungspositionen aus.

Eine Suche nach Gemeinsamkeiten, beziehungsweise nach gemeinsamen Ablehnungen

Wir, Anne Fromm, noch mit einem Kinderpass der DDR in die Welt entlassen und Sammy Khamis, in Westdeutschland mit attestiertem und sichtbarem Migrationshintergrund aufgewachsen, machen uns also auf die Suche nach Gemeinsamkeiten, beziehungsweise nach gemeinsamen Ablehnungen. Und wir mussten nicht lange suchen, bis wir das sogenannten „Normalitätsparadigma“ gefunden haben – ein Begriff von Naika Foroutan, der zwar sperrig aber sehr passend dafür ist zu sagen, was in Deutschland normal ist.

Naika Foroutan

Normal ist nun mal Westdeutschland. Und zwar das bio-deutsche Westdeutschland. Ostdeutsche Erzählungen, Fußballer, Nachrichtensprecherinnen, Wissenschaftlerinnen oder Kinderbuchautoren gehören nicht dazu, sind nicht teil des Kanons. Und bei Migranten ist das nicht anders. Ein türkeistämmiger Freund meinte einmal, dass in Deutschland nur dann eine Straße nach einem Ausländer (sein Wortlaut: war „uns Türken oder Euch Arabern“) benannt wird, wenn er von Nazis erschossen wurde. Das ist überspitzt, aber nicht von der Hand zu weisen.

Ostdeutsche sind Neonazis und Migranten stehts gewaltbereit

Dazu kommt, dass beide Gruppe eine Container-Funktion haben. Dinge, die vom Normalitätsparadigma abweichen werden mit uns assoziiert. Also Ostdeutsche jammern, sind Neonazis, ungebildet und sollten gefälligst dankbar sein. Migranten sind gewalttätig, Kopftuchmädchen oder Kopftuchmädchenmacher und sollten gefälligst dankbar sein. Dankbar der (westdeutschen) Mehrheitsgesellschaft gegenüber.

Naika Foroutan nennt die Mehrheitsgesellschaft die Dominanzgesellschaft. Daraus könnte sich ein Auflehnen ergeben, eine Allianz zwischen Ostdeutschen und Migranten. Aber tatsächlich geht es darum die Gewissheit zu etablieren, dass die alte, die westliche Bundesrepublik nicht mehr Standard ist.

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