Bayern 2 - Zündfunk


26

#fridaysforfuture-Demonstrationen Was Prof. Dr. Harald Lesch von der Politik fordert

Jeden Freitag demonstrieren tausende SchülerInnen auf Deutschlands Straßen für eine bessere Klimapolitik. Die Politiker nehmen die #fridaysforfuture-Demos nicht ernst genug, finden nicht nur die Schüler, sondern auch TV-Physiker Prof. Harald Lesch.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 02.04.2019

portrait | Bild: picture-alliance/dpa

Viele Schüler schwänzen jeden Freitag die Schule, um für eine bessere Klimapolitik zu demonstrieren. Doch jetzt scheint sich der Ton zu verschärfen. Ein Direktor eines Münchner Gymnasiums droht den Schülern nicht nur mit Verweisen, sondern auch mit Bußgeldern. Einen prominenten Verbündeten haben die Schüler aber auf ihrer Seite.

Harald Lesch: Das kann man so sagen. Ja, das kann man genau so sagen. Ich bin auf seitens der Schüler, weil sie etwas tun, was in dieser rechtstaatlich verfassten Gesellschaft soweit in den Hintergrund getreten ist. Hinter all den ganzen institutionellen Fassaden, die wir aufgebaut haben, alle den Sachzwängen, die immer wieder eine Rolle spielen, gibt‘s so einen Kern von Menschsein. Und dazu gehört Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit und davon zu reden, was Wahrheit ist. Die Schüler können sich jetzt nun wirklich ganz klar drauf verlassen, dass sie ein riesen Menge von wissenschaftlichen Ergebnissen hinter sich haben, die auch schon x-mal immer wieder präsentiert worden sind, die ganz klar sagen was der Fall ist. Nämlich: Wir haben eine sehr starke globale Erwärmung, es gibt praktisch überhaupt keine Gegenwehr. Gut, ein bisschen, aber längst nicht so wie es sein müsste. Es wird immer und immer wieder angemahnt und angeklagt. Das Risiko in seiner Größe dargestellt und was passiert? Unsere Autos werden immer größer, es fliegen immer mehr Menschen und wir haben einen immer höheren Energieausstoß. Letztes Jahr (2018) hatten wir den höchsten Kohlendioxidausstoß aller Zeiten und es passiert überhaupt gar nichts.

"Fridays for Future"-Demo in Regensburg.

Wir Erwachsenen, die was tun könnten, machen aber nix. Wohlwissend, dass wissenschaftlich eigentlich seit Jahren alles offen liegt. Wo liegt das Problem?

Unsere Mobilität hat ungeheuer zugenommen und ist zugleich sehr billig geworden. Das heißt, der Zugriff für die meisten ist sehr leicht, wenn man sich anschaut, welche Preise heute im Flugverkehr bezahlt werden müssen. Und die werden übrigens von uns sehr schön subventioniert, also Kerosin ist steuerbefreit und internationale Flüge sind mehrwertsteuerbefreit. Damit ist natürlich auch eine Lebensweise verbunden, die wir deutlich verändern müssten, wenn wir tatsächlich diesen Co2-Zielen die Ernsthaftigkeit entgegenbringen würden, die sie verdient haben. Wir müssen runter vom Kohlendioxid und das bedeutet vor allen Dingen: deutlich weniger fliegen, deutlich weniger Energie verbrauchen und deutlich schneller aus den fossilen Ressourcen raus. Das ist eine Lebensstil-Änderung und das wollen nur wenige.

Könnten Sie nochmal die aktuellen Klimaprobleme kurz zusammenfassen. Wo stehen wir eigentlich?

Es ist schlicht zu warm. Die Extremwetterereignisse nehmen zu. Trockenheiten zum Beispiel sind da besonders fatal, hatten ja erst eine hier in Europa. Wir haben eine mittlere Temperatur, die zugenommen hat. Wir haben Verluste an Eisflächen, in der Arktis z.B. die geringste Eisausdehnung aller Zeiten. Es gibt Verluste an Festlandgletschern in Grönland, der Antarktis und im Himalaya. Naturgemäß wird das, wenn das Wasser abfließt natürlich dazu führen, dass der Meeresspiegel steigt. Und der steigt auch deshalb, weil das Wasser immer wärmer wird und damit sämtliche atmosphärischen und ozeanischen Prozesse so stark beeinflusst werden, dass wir kurz davor sind in einen Zustand geraten, in dem das System kippt. Man muss sich das bildlich so vorstellen: Wir haben ein Glas Wasser, das gut gefüllt ist. Und wir rücken es langsam mit ganz winzig kleinen Schritten immer so einen halben Millimeter allmählich an den Rand des Tisches. Immer weiter, immer weiter. Und irgendwann fällt das Glas runter und niemand wird in der Lage sein das Wasser wieder in das Glas zu bringen.

Es ist das Eine, wenn wir jetzt als kleines Land in Europa alles umsetzen, aber was ist denn mit den wirklich großen Nationen, die industriell viel mehr Dreck machen, als wir.

Find ich immer interessant. Die Frage kommt immer irgendwann.

"Fridays for Future"-Demo in München.

Die muss kommen, ist doch klar. Was ist mit China, was mit Indien?

Ja, da müssen Sie Regierungen in Indien und China fragen. Unsere moralische Verantwortung liegt in der ethischen Dimension, die wir bewältigen können. Wir sollten nicht moralisieren und auf die anderen schauen, sondern moralisch handeln. Wir müssen vorangehen, wir haben genügend Geld hier in Deutschland, also los jetzt. Und wir werden sehen was passiert. Wir können zu den Veränderungen in Indien und in China nur dann wirklich positiv beitragen, wenn wir zeigen können, dass es funktioniert.

Was glauben Sie, wie es mit den Schülerprotesten weitergehen wird? Einige Medien haben berichtet, dass die Schüler jetzt zur Kasse gebeten werden sollen fürs Schwänzen.

Vom juristischen Standpunkt aus wird den Schulen wahrscheinlich gar nichts anderes übrigbleiben. Es ist eine Ordnungswidrigkeit und da müssen sich die Kids auch drauf einstellen, dass das passiert. Ich hoffe sie haben genügend Durchhaltevermögen und genügend Geld. Ich hätte es persönlich viel besser gefunden, wenn die Schulen auf den ausgefallenen Unterricht so reagieren, dass sie sagen: „Okay, wir sammeln diesen Unterricht und machen daraus eine Klimawoche. Wir schmeißen zum Beispiel eine Woche Pfingstferien weg. Wenn ihr das wirklich ernst meint, dann nehmen wir das auch Ernst.“ Das wäre ein Zeichen gewesen, dass die Gesellschaft diese Bewegung ernst nimmt. Die Schüler sollen in der Lage sein ihre naturwissenschaftlichen Kenntnisse über den Klimawandel zu verbessern. Man könnte aber auch mal vielleicht etwas tun, was ich für mindestens genauso wichtig halte: Denjenigen, die in unseren Schulen sind klarmachen, was es alles bedarf um dieses Land zu betreiben, Deutschland oder Bayern in Betrieb zu halten. Ich glaube, dass manche von den Schülern wirklich unterschätzen, was für ein unglaublicher technischer Aufwand betrieben werden muss. Es kann sehr gut sein, dass sie sich nicht nur engagieren sollten in Form von Demonstrationen an solchen Freitagen, sondern sich auch bei ihrer Berufswahl mal überlegen sollten: Wo kann ich direkt was machen, um an dieser riesen Aufgabe mitzuarbeiten.


26