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Neue Steve McQueen Serie "Small Axes" Warum der Song "Silly Games" viel mehr ist, als nur ein Soundtrack

Manchmal verdichtet sich Geschichte zu einem einzigen Song. Ein solcher Song könnte "Silly Games" sein. "Silly Games" gehört zum Soundtrack von "Lovers Rock" – der vielleicht besten Episode von "Small Axe", der neuen Serie von Oscar-Gewinner Steve McQueen. Schöpfer des Songs ist Dennis Bovell, eine Legende an der Schnittstelle zwischen Punk und Reggae.

Von: Michael Bartle

Stand: 15.01.2021

Action – Enjoy Youself. It’s later than you think. Wir sind am Set von Lovers Rock. Ein Haus in London, circa 1980, die Möbel sind rausgeräumt, ein riesiges Soundsystem ist im Wohnzimmer, der Selector dreht "Silly Games" ein, eine der Alltime-Lovers Rock Hymnen, es ist Engtanz-Time, die Party steuert Richtung ersten Höhepunkt. Auf der Tanzfläche ein älter Rude Boy mit Schnauzer und Hut. Es ist tatsächlich Dennis Bovell, der Mann der "Silly Games" geschrieben und produziert hat – wie so viele andere Punky-Reggae-Party-Tunes. Er spielt sich – oder besser tanzt sich selbst.

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Small Axe: Lovers Rock - Trailer | BBC Trailers | Bild: BBC Trailers (via YouTube)

Small Axe: Lovers Rock - Trailer | BBC Trailers

Ein Song als Protagonist

Der Oscar-Regisseur Steve McQueen wollte den Producer Dennis Bovell bei dieser Episode unbedingt dabei haben. Für Bovell eine Ehre, wie er uns erzählt: "Er gab mir das Skript und da hab ich erst realisiert, dass mein Song "Silly Games" drinstand. Und es las sich so, als ob der ganze Song in der Episode gespielt werden würde. Aber nicht nur das: die halbe Party würde in den Song einstimmen und ihn singen. Wow. Was für eine Ehre für mich! Als Steve mich dann noch fragte, ob ich eine kleine Rolle übernehmen möchte, sagte ich zu. War ja nicht besonders herausfordernd. Ein junges Mädchen grüßt mich und dann hatte ich nur noch auf der Party zu tanzen. Am Set musste ich dann allerdings die Schauspieler leicht korrigieren, denn ich hatte einen kleinen Fehler im Skript entdeckt. Da standen nämlich nicht die exakten Lyrics von Silly Games. Die allererste Zeile zum Beispiel – die geht "I’ve been wanting you" -  sie sangen immer: "I‘ve been watching" – nee nee nee, warum hätte ich 'Ich beobachte dich, ich stalke dich' schreiben sollen, das klingt doch schon ein bisschen pervers", erzählt Dennis Bovell.

Dennis Bovell - Producer, Komponist, Tausendsassa

Und weiter: "Ich wollte einen Popsong schreiben. Keinen Reggae-Song mit nur zwei Akkorden. Ein Song mit Strophen, Bridges und Refrain – und mit interessanten Akkord-Wechsel. Und ich wollte ein Fender Rhodes haben, so wie bei Stevie Wonder. Oder Herbie Hancock. Diesen Sound wollte ich auch im Reggae haben, ganz smooth, wie bei einer Ballade. Eine Ballade mit einem Beat! Es sollte ein ganz anderer Reggae-Sound sein, als der, den man zu der Zeit gewohnt war. Und es hat funktioniert!"

Vom Song zum Genre - was in "Silly Games" alles drinsteckt

Die "Ballad with a beat" war mitverantwortlich für ein neues Genre – Lovers Rock: die britische Mutante von Reggae, der hier bereichert wurde um Fender Rhodes, ein bisschen Disco, vor allem den Streichern, die man vom Philly-Sound kennt. Weicher, zugewandter, nicht ganz so Rude Boy und Macho-haft wie die Musik aus Jamaica. Gesungen wurde "Silly Games" von der damals erst 21 Jahre alten Janet Kay. Die es mit diesem Song von Dennis Bovell als erste Lovers Rock Single auf Platz 2 der englischen Hitparade schaffte und damit auch in Top Of The Pops. Die Legende geht, dass Dennis Bovell unbedingt einen Hit schreiben wollte und deshalb so hohe Noten eingebaut hat.

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Recreating a 1980's 'lovers rock' London house party | Small Axe: Lovers Rock - BBC | Bild: BBC (via YouTube)

Recreating a 1980's 'lovers rock' London house party | Small Axe: Lovers Rock - BBC

Bovells Kalkül: das bringt die Ladies auf die Tanzfläche – und sie alle werden dort versuchen, diesen Ton zu erklimmen. Ja, das stimmt, sagt er mir am Telefon – aber das war nicht der einzigen Grund: "Ich wollte, dass die Noten im Takt sehr hoch sind. Ich bin ja ein Fan von Ella Fitzgerald und Minnie Riperton – und die sind berühmt dafür, hohe Noten singen zu können. Damals gab es eine Fernsehwerbung, in der Ella Fitzgerald so hoch gesungen hat, dass ein Glas auf dem Tisch zersprungen ist. Das hat mich inspiriert, auch so einen Song zu schreiben. Mit einer Note, so hoch, dass man sie fast nicht erreichen kann. Ich wusste ja, dass damals viele junge Mädchen wie Minnie Riperton sein wollten. Janet Kay hatte damals gerade ein Minnie Riperton Cover draußen, es war ihre erste Veröffentlichung. Sie kann das! – dachte ich mir – sie hat diese hohen Noten drauf. Wir lernten uns kennen, ich sagte zu ihr, ich hab da einen Song für dich."

Black History & Black Joy

11 Minuten lang läuft "Silly Games" in der Lovers Rock Episode von Regisseur Steve McQueen – eine Ewigkeit für einen Song in einer Serie – aber die Zeit vergeht wie im Flug. Weil es so viel Spaß macht den Party-Besuchern beim Tanzen zuzuschauen mit ihren supertollen Frisuren und den abgefahrenen Klamotten. Es ist die Feier der Generation Windrush, der Einwanderer aus der Karibik, die hier den ganzen Alltagsfrust, die Diskriminierungen und Schikanen der Londoner Polizei vergessen können – für einen langen Moment. Als die Platte längst zu Ende gedreht ist, singen die Tänzer einfach weiter – und weiter und weiter.

"In Lovers Rock geht es um eine schwarze Ästhetik. Um Freude. Befreiung. Um Liebe. Wenn du so willst – um eine schwarze Freude"

- Steve McQueen über Black Joy

Musik kann politisch sein. Musik ist politisch. "Diese Geschichten liefern uns ein tieferes Verständnis, wer wir sind!", sagt Steve McQueen. "Und unsere Geschichte ist noch gar nicht genug ausgeleuchtet". Unser Mann, diese Geschichte auszuleuchten – bis in den letzten Schlagzeugsound, bis in die letzte Snare, die letzte HiHat – das ist und bleibt Dennis Bovell – der Mann der unschätzbare und unschätzbar viele der Lovers Rock, Reggae und Punky Reggae Songs in England produziert hat.

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