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Eurovision Song Contest Was der ESC-Sieg von Netta für die Body-Positivity-Bewegung bedeutet

Die israelische Sängerin Netta hat mit ihrem Song "Toy" den Sieg beim Eurovision Song Contest geholt. Der Song thematisiert die #MeToo-Debatte und feiert das Anderssein. Gerade deshalb freuen sich Vertreter der Body-Positivity-Bewegung über ihren Sieg.

Von: Sammy Khamis und Ralph Würschinger

Stand: 14.05.2018

Netta gewinnt beim European Song Contest 2018 | Bild: picture-alliance/dpa

Die israelische Sängerin Netta hat mit ihrem Song "Toy" den Sieg beim Eurovision Song Contest geholt. Der Song thematisiert die #MeToo-Debatte und feiert das Anderssein. Netta hat lange gebraucht, ihr Anderssein zu akzeptieren. "Ich bin fett - ich war es auch immer und deswegen haben mir alle möglichen Leute Ratschläge gegeben: Zieh dir einen längeren Rock an! Nimm ab! Trag nicht so knallige Farben!" erzählt sie in der BBC.

Gerade deshalb freuen sich Vertreter und Vertreterinnen der Body-Positivity-Bewegung jetzt über ihren Sieg. Wir haben mit drei von ihnen gesprochen. Magda Albrecht, Autorin des Buchs "Fa(t)shionista" und Mitglied der Mädchenmannschaft, Richarda Lang, Sprecherin der Grünen Jugend und Natalie Rosenke, Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V.

Zündfunk: Was habt ihr gedacht, als Netta den ESC gewonnen hat?

Autorin Magda Albrecht

Magda Albrecht: Netta ist eine richtig coole Frau, die sich unverblümt für Körpervielfalt einsetzt und jedem den Mittelfinger zeigt, der ihr sagt, sie soll ihren dicken Körper verstecken. Ihr Song ist witzig und catchy, auch wenn die japanisch inspirierte Show stereotyp war und wie eine schlechte Verkleidung wirkte.

Ricarda Lang: Ich hab mich total gefreut über den Gewinn von Netta. Ich denke es bedeutet gerade für Frauen wie mich, die selbst übergewichtig sind so viel eine dicke Frau zu sehen, die in der Öffentlichkeit steht. Netta zieht ihr Ding durch und sagt: Hey, hier bin ich, ich habe etwas zu sagen und die sich nicht um Anfeindungen und Sexismus schert.

Natalie Rosenke: Für mich war der entscheidende Faktor, dass Sichtbarkeit dadurch entsteht. Einfach, dass eine dicke Person mit in diesem Set steht. Denn normalerweise fallen dicke Menschen dadurch auf, dass sie überhaupt erst gar nicht da sind. Das war daher schon etwas besonderes.

Zündfunk: Was bedeutet das für das Thema Body-Positivity bzw. für die Szene?

Magda Albrecht: Es ist erfreulich, dicke Vorbilder im Showbusiness zu sehen, weil die Stars und Sternchen gerade für jüngere Menschen wichtige Bezugspunkte sind. Eine dicke selbstbewusste Frau, die ganz deutlich sagt, dass Körperabwertung doof ist und Unterschiede gefeiert werden sollten, kann insbesondere jene bestärken, die sehr mit sich hadern oder im Alltag Mobbing erfahren.

Ricarda Lang, Sprecherin der Grünen Jugend

Ricarda Lang: Wir haben immer noch viel zu wenig Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen und dort wahrgenommen werden, die eben dick sind. Netta setzt das Thema auf die Tagesordnung indem sie sagt: Mein Körper ist nichts, was ich verstecke, nichts worüber ich nicht rede, sondern sie trägt es nach vorne. Ich hätte mir gewünscht, dass es Menschen wie Netta schon in der Öffentlichkeit gab, als ich noch 14 Jahre alt war und sehr mit meinem Gewicht gelitten habe.

Natalie Rosenke: Das bedeutet einfach, dass es eine weitere Identifikationsfigur gibt. Dicke Menschen, das ist keine homogene Gruppe. Jede Person ist an einem anderen Punkt und braucht deswegen auch eine Identifikationsfigur, die auf diesen Punkt passt. Und Netta kann da einfach eine sein in dem gesamten Set. Wir vom Verband der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung sind eher unterwegs im Bereich der Politik. Hier war #metoo angeschnitten, aber nicht fat rights. Und wir sind eben an dem Punkt aktiv und so ist die eben eine wichtige Identifikationsfigur. Interessanterweise gab es beim Eurovision Song Contest 2015 in Wien schon einmal eine vergleichbare Kandidatin nämlich die Serbin Bojana Stamenov. Die war angetreten mit dem Song "Beauty never lies". Auch sie ist thematisch in die gleiche Richtung gegangen. Damals war auf Platz zehn ein Song einer dicken Frau platziert und heute eben auf Nummer eins. Das zeigt eine gewisse Entwicklung, dass sich der Raum öffnet. Und das ist ein wichtiges Signal.

Zündfunk: Wo steht das Thema Body-Positivity heute? Und was ist der nächste Schritt?

Magda Albrecht: Coole mediale Vorbilder sind wichtig, aber das reicht nicht aus. Wir müssen uns gesamtgesellschaftlich mit einengenden Schlankheitsnormen befassen, Kinder und Jugendliche in ihrer körperlichen Selbstbestimmung stärken und sollten uns nicht damit zufriedengeben, ab und zu mal eine dicke Künstlerin zu feiern.

Ricarda Lang: Es gibt da einen sehr großen Unterschied in der Öffentlichkeit - der liegt darin, wie Männer und Frauen behandelt werden, wenn sie Übergewicht haben. Ich sehe das in meinem Feld - Der Politik. Da gibt es zwar blöde Sprüche für Sigmar Gabriel, aber Frauen werden noch immer viel mehr über das Äußere definiert. Bei Männern ist das ein Nebenaspekt. Bei Frauen steht das immer im Fokus. Eine dicke Frau, die Musik macht, eine dicke Frau, die Politik macht - das sind keine Musikerinnen oder Politikerinnen, sondern dicke Frauen. Deswegen ist es ein feministisches Anliegen zu sagen: alle Frauen, egal wie sie aussehen, müssen ihren Zielen nachgehen können und sich verwirklichen können. Deswegen ist der Kampf gegen Body-Shaming ein Kampf dafür dass sich Frauen wohlfühlen können.

Natalie Rosenke, Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V.

Natalie Rosenke: Leidern steht das Thema ziemlich am Anfang. Aus dem einfachen Grund: das hat mal deutlich politischer angefangen und es ist jetzt mehr ökonomisiert worden. Das heißt, es geht jetzt ein bisschen mehr um den Wohlfühl-Faktor und dann die leute abzuholen im Sinne von "Hey, auch bei uns seid ihr willkommen und wir haben hier ein Produkt für euch".Der Ursprung von Body Positivity ist einfach ein ganz anderer. Es ging um die Sichtbarkeit der Körper, die unsichtbar sind und dazu gehört – ich sag‘ jetzt ganz bewusst – der fette Körper, um einfach auch eine bestimmte Bandbreite der Konfektionsgrößen zu markieren,und dazu gehört auch ein Körper, der unter Umständen eine Behinderung hat. Oder einfach auch die Darstellung unterschiedlicher Identitäten, ob einer sexuellen Identität oder einer geschlechtlichen Identität. Wir müssen mehr wieder in diesen politisch gedachten Bereich zurück, weil es dann wirklich auch Dinge anstoßen kann. Was wir als nächstes tun müssen: die Bilderwelt öffnen. Aber das setzt voraus, dass es auch die Trägerinnen und Träger gibt, die das unterstützen. Ich meine, wenn die Werbeagentur entscheidet, dass nur ein bestimmter Ausschnitt von Gewichtsvielfalt, von Diversity im Allgemeinen, gezeigt wird, dann ist da schwer von außen ranzukommen.


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