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„DDR 2.0“ Warum wir heute nicht im „DDR-Obrigkeitsstaat“ leben - das ist nur in der Bundesliga so

Schon länger liest man in den sozialen Netzwerken, dass wir doch in einer DDR 2.0 leben würden. Letzte Woche dann eine Art Bestätigung vom Springer-Chef persönlich: Julian Reichelt sei der einzige Journalist, der „gegen den DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehre“. Wir sagen euch, was dran ist an der „DDR 2.0“.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 26.10.2021

Plattenbau mit DDR-Symbol | Bild: picture alliance / Zoonar | DesignIt

Sagt in der Kneipe ein Betrunkener zu einem Unbekannten:“ Kennst du den Unterschied zwischen meinem Bier und Erich Honecker?“ „Nein“, antwortet der Fremde finster. Sagt der Betrunkene: „Mein Bier ist flüssig und Honecker ist überflüssig.“ Da sagt der Fremde: „Kennen Sie den Unterschied zwischen Ihrem Bier und Ihnen? Ganz einfach: Ihr Bier bleibt hier und sie kommen mit.“

Okay, dieser DDR-Witz ist nicht mehr ganz aktuell. Aber er könnte es wieder werden – zumindest, wenn man Springer-Chef Mathias Döpfner glaubt. Der schrieb vergangene Woche in einem Chat: „Julian Reichelt ist halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR Obrigkeitsstaat aufbegehrt. Fast alle anderen sind zu Propaganda-Assistenten geworden.“ Döpfner hat den Vergleich aber nicht erfunden. Vorwürfe dieser Art häufen sich schon länger in den sozialen Netzwerken und auch auf Demoplakaten sind sie zu finden.

Ist das so? Ist die Meinungsfreiheit in Gefahr? Droht uns die „DDR 2.0“?

Historische Vergleiche hinken immer ganz gewaltig

Kurz gesagt: Nein. Unser aktuelles politisches System lässt sich überhaupt nicht mit dem der Deutschen-Demokratischen-Republik vergleichen, sagt der DDR-Historiker Stefan Wolle am Telefon: „Historische Vergleiche hinken immer ganz gewaltig. Sodass man sagen kann: ‚Wir leben heute in einer zweiten DDR oder in einer Neuauflage der DDR‘, ist schlicht und einfach kompletter Blödsinn.“  

Der 71-Jährige lebt in Frankfurt an der Oder in der Nähe der polnischen Grenze. Er ist in der DDR aufgewachsen und seit 2005 wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin. Anders als in der DDR, dürfen wir uns heute frei äußern, sagt Wolle – und müssen keine Angst haben, dafür ins Gefängnis zu wandern: „In der DDR gab es tatsächlich keinerlei Meinungsfreiheit. Da waren sehr strenge Sprachvorgaben, die dazu führten, dass sofort gewisse Leute aufmerksam wurden, wenn man die falschen Ausdrücke benutzt hat und es konnte umgehend Ärger geben, wenn man an der Staatsordnung, der führenden Rolle der Partei oder an der Ideologie Kritik übte.“

Schaut mal in die Zeitung

Auch Reisefreiheit gab es in der DDR nur eingeschränkt, dafür aber mehr Kita-Plätze als in der BRD. Und die Zeitungen und Sender der DDR, mit denen zum Beispiel die AfD die Zitat „Mainstream-Medien“ heute vergleicht, waren Propaganda-Organe. Stefan Wolle empfiehlt einen Blick auf die Archive der Zeitung „Neues Deutschland“. Zur Verdeutlichung eine beispielhafte Titelseite aus dem Jahr 1978. In fetten Lettern steht da: „Mit neuen Pioniertaten für die sozialistische Heimat! Erich Honecker und weitere Mitglieder der Partei- und Staatsführung stürmisch begrüßt, Politik der SED sichert Kindern Frieden und Glück. Wir sind den Idealen der Arbeiterklasse treu!“

Mangelware Klopapier

Zu Beginn der Corona-Pandemie hamsterten die Menschen so viel Klopapier, dass es nicht genügend für alle gab

Aber woher kommen dann die „DDR 2.0“-Vergleiche? Auch im Kontext der Corona-Maßnahmen haben viele Bürgerinnen und Bürger aus den neuen Bundesländern sie immer wieder geäußert. Oft war zu hören, dass die Corona-Situation mit vorherigen Diktatur-Erfahrungen vergleichbar sei. Stefan Wolles Erklärung: „Es gab eine ganze Menge von Dingen, die es auf einmal nicht mehr gab. Super Beispiel war das Klopapier. Da sagten viele Leute: Ah, das ist ja wie in der DDR, es gibt kein Klopapier, was machen wir jetzt?“ Und auch im Verhalten der Menschen während den Corona-Maßnahmen sieht Stefan Wolle zumindest ein paar Parallelen zum Verhalten der Menschen in der DDR: „Gerade im letzten Winter, als die Corona-Maßnahmen ihren Höhepunkt erreicht hatten, verbreitete sich so eine Mode, dass man überall reglementiert wurde, jeder fühlte sich berufen, einen zu reglementieren und zu belehren. Da fühlte auch ich mich gelegentlich an eine DDR-Stimmung erinnert.“

Die „DDR 2.0“ gibt’s heute vor allem im Fußball

Der BFC Dynamo feiert 1988 seinen zehnten Pokalsieg

Aber: Auch diese angespannte Situation ist irgendwann wieder vorbei, meint Stefan Wolle. Es ist dann eben doch ein Unterschied, ob so etwas einen Winter währt oder von einer staatlichen Ordnung auf Lebenszeit vorgeschrieben wird. Also nix mit „DDR 2.0“. Wobei: Eine erschreckende Parallele gibt es vielleicht doch zwischen der DDR und Deutschland im Jahr 2021. Und zwar in der Fußball-Bundesliga. Der BFC Dynamo, Rekordmeister der DDR-Oberliga, der als Staatsverein galt, gewann zehnmal in Folge den Titel. Da ist der heutige Monopolist FC Bayern mit acht Meisterschaften in Serie schon ziemlich nah dran.