Bayern 2 - Zündfunk

Von Anne Spiegel zu Andreas Scheuer Das ist Whataboutism - und darum kann er auch gut sein

Whataboutism ist eine Form der Ablenkung in Diskussionen. Meist als Strategie eingesetzt, um den eigentlichen Kern einer Debatte zu verschleiern. Aber Whataboutismus kann auch gute Seiten haben, wie ein aktuelles Beispiel zeigt.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 13.04.2022

Die zurückgetretene Familienministerin Anne Spiegel. | Bild: picture alliance/dpa | Annette Riedl

Es ist derzeit eine der heißesten Debatten in den sozialen Netzwerken: What about Whataboutism? Ein Beispiel: Diese Meinung des amerikanischen Medien-Stars Ayman Mohyeldin. Er sagte in seinem Podcast "In the Thick": „Ich bin wahrlich kein Fan von Wladimir Putin, Russland und dem, was sie in der Ukraine machen. Aber wir Amerikaner sollten vorsichtig sein, andere Länder zu verurteilen, immerhin sind wir 2003 im Irak einmarschiert, auf Grundlage falscher Tatsachen, die sich unsere Regierung ausgedacht hat.“

Ablenken und noch mehr Misstände aufzeigen

Ein weiteres: Nach dem Skandal um Ex-Familienministerin Anne Spiegel, die vor allem aus den Reihen der Union kritisiert wurde, twitterte die Journalistin Hatice Aykün: „Dieses Gegeifere der CDU gegen #AnneSpiegel, als hätte es Maskendeals und 9999 Euro Spendendinner nie gegeben.“ Diese beiden Aussagen, so die gängige Netz-Meinung, sind Whataboutism. Der Grund: Sie mögen erstmal überzeugend klingen, aber was haben die Lügen der amerikanischen Regierung 2003 mit Putins Kriegsverbrechen zu tun? Und was die Maskendeals mit der Affäre um Anne Spiegel?

Der ehemalige Verkehrsminister Andreas Scheuer.

Whataboutism ist eine Strategie, um von der eigentlichen Diskussion abzulenken. Politiker*innen nutzen sie gerne im Konfliktfall. Vereinfacht gesagt: Wenn du etwas Dummes getan hast, weist du darauf hin, dass dein Gegenüber noch ein bisschen fieser ist als du selbst. Oder du sprichst etwas ganz anderes an, am besten etwas, das absolut nichts mit dem Thema zu tun hat. Die Folgen von Whataboutism hat der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen dem SWR mal so erklärt: „Wenn man wirklich mal kritisch bei einer Sache bleiben will, aber jemand lenkt ständig ab und wirft was neues ein, bringt andere Themen auf und neue Missstände.“ In diesem Informationskonfetti wisse dann niemand mehr, was eigentlich gelte, so Pörksen.

Die Gegenseite diskreditieren

Hinter Whataboutism steht also immer das Interesse, von Kritik abzulenken. Ihren Ursprung, glaubt die Wissenschaft, hat die Whataboutery in Irland in den 70er Jahren im Konflikt zwischen der Terror-Organisation IRA und der britischen Regierung. Immer wenn die Briten ein IRA-Attentat verurteilten, wies die IRA auf Gräueltaten britischer Paramilitärs in Irland hin. Auch die Sowjetunion nutzte diese Strategie im kalten Krieg. Wenn sie von den USA kritisiert wurde, wies sie auf Rassismus in den Staaten hin. Das hieß damals nur nicht „Whataboutism“ sondern: „And you are lynching negroes!“ Heute wird Whataboutism in politischen Debatten genutzt, um die Gegenseite zu diskreditieren.

Zum Beispiel in Klima-Fragen. Wer Deutschlands Klima-Politik kritisiert, bekommt häufig die Antwort: „Was ist mit China und den USA?“ Und wer Femizide und häusliche Gewalt an Frauen kritisiert, bekommt zu hören: „Auch Männer sind Opfer häuslicher Gewalt.“ Beide Gegenargumente sind zwar inhaltlich richtig, haben allerdings nichts mit der Debatte zu tun. Deutschland kann unabhängig von den USA oder China klimafreundlicher werden. Und häusliche Gewalt gegen Frauen verhindert man nicht, wenn man stattdessen über häusliche Gewalt gegen Männer schwadroniert.

Vorwurf von Whataboutism wird zu Whataboutism

Aber: Whataboutism muss nicht unbedingt nur schlecht sein. Logik-Professoren weisen zum Beispiel darauf hin, dass es auch guten Whataboutism gibt. Christian Christensen, Professor für Journalismus in Stockholm, schreibt: „Manchmal brauchen wir Whataboutism. Es ist die Herausforderung, über die manchmal schmerzhafte Wahrheit unserer Stellung in der Welt kritisch nachzudenken.“ Und da sind wir wieder beim Anfang des Textes. Wenn Deutschland zum Beispiel debattiert, wie es zukünftig auf Kriege imperialistischer Großmächte reagiert, kann auch ein whataboutistischer Vergleich mit dem Irak-Krieg hilfreich für die Debatte sein. Schließlich werden so nicht Putins Kriegsverbrechen relativiert.

Und wenn Außenstehende über die Union und Ex-Ministerin Anne Spiegel nachdenken, ist whataboutistisches Aufzeigen politischer Doppelmoral wichtig. Wer sich an Julia Klöckner und Andreas Scheuer als Ministerinnen zurückerinnert, versteht vielleicht besser, wie das Polit-Theater in Berlin funktioniert. Und ganz ehrlich: Wer bei jedem Vergleich immer gleich Whataboutism anprangert, läuft auch Gefahr, alle Argumente zu diskreditieren, die ihm nicht passen. Und so wird der bloße Vorwurf von Whataboutism selbst zu, ganz richtig: Whataboutism.