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Neues Netflix-Special "Right Now" Comeback nach #metoo: Warum uns der Komiker Aziz Ansari nichts schuldet

Was schuldet ein Künstler seinem Publikum? Komiker Aziz Ansari wurde beschuldigt, eine Frau genötigt zu haben. Jetzt meldet er sich mit dem Netflix Special "Right Now" zurück. Und das Publikum erwartet eine Message. Warum?

Von: Laura Selz

Stand: 18.07.2019

Filmszene aus "Master of None" | Bild: picture alliance/Everett Collection

Aziz Ansari ist zurück. Der woke, sensible Held aus „Master of None“ und „Parks and Recreation“. Vor einem Jahr wurde der Schauspieler und Komiker von einer Frau beschuldigt, sie bei einem Date genötigt zu haben. Er hatte sich daraufhin bei der Frau entschuldigt. Eine Anzeige wurde nicht erstattet. So weit, so problematisch.

Aber mir geht es jetzt nicht darum, die Schwere seiner Schuld zu beziffern – ob es im Kontext von #metoo nun ein besonders schwerer Fall von Missbrauch war oder eher so mittel. In diesem Kommentar geht es um die Erwartungshaltung des Publikums. Um uns.

Das Publikum will eine Message

Ansari zog sich damals für eine Weile aus der Öffentlichkeit zurück. Jetzt ist er wieder da mit dem neuen Netflix-Special „Right Now“. Und Fans und Feuilleton prüfen kritisch, ob und wie er das Erlebte in seiner Show einbaut. Ob und wie er sich entschuldigt. Und ob er etwas gelernt hat. Aber woher kommt denn diese Annahme, dass das Teil eines Showprogramms sein muss?

Das liegt wohl an der Natur des Metiers. Comedy lebt von persönlichen Erlebnissen. Ein Komiker selektiert, was er wie verarbeiten möchte, woran er uns teilhaben lassen will und woran nicht. Welches Erlebnis er auskleidet, aufbauscht oder erdichtet. Er reflektiert möglichst unterhaltsam und geistreich sein eigenes Leben – und kokettiert mit moralischer Überlegenheit. Und wir, das Publikum, konsumieren den Komiker als Künstler und als Mensch. Wir konsumieren seine persönlichen Erlebnisse. Wir erwarten, dass er das Erlebte in eine pointierte Erzählung verpackt.

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Aziz Ansari: Right Now | Official Teaser | Netflix | Bild: Netflix (via YouTube)

Aziz Ansari: Right Now | Official Teaser | Netflix

Scham nach den Regeln der Kunst

Nun gab es also dieses persönliche Erlebnis in seinem Leben und im Leben der besagten Frau. Und Ansari eröffnet seine Show "Right Now" mit einer unbeholfenen Einordnung: "Einige von euch wollen sicher wissen, wie ich dazu stehe. Die Antwort darauf ist für mich schwierig, denn ich habe im letzten Jahr sehr viele Dinge empfunden. Manchmal hatte ich Angst, manchmal fühlte ich mich gedemütigt, manchmal habe ich mich geschämt. Vor allem fühlte ich mich schlecht, dass diese Person so empfunden hat. Ich entwickelte mich weiter, dachte über vieles nach und wurde hoffentlich ein besserer Mensch."

Das englischsprachige Feuilleton seziert diese Szene und kommt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Er sei „angenehm bescheiden“ (Federalist), oder aber „zu wütend“ (VanityFair). Ich selbst habe seine Einstiegszene gerade als „unbeholfen“ bewertet. Und die deutsche Bento urteilt: „Doch eine essenzielle Sache fehlte der Show: Eine wirkliche Entschuldigung.“ Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen und sich fragen: Ist das wirklich so? Die Entschuldigung wird zu einem Konsumprodukt, das nach Show-Prinzipien bewertet wird. Ist sie deep, authentisch und unterhaltsam? Klappt die Überleitung von der Confession zur Comedy, vom Seelen-Striptease zum nächsten Joke? Schafft er den Sprung von der Tragik über die Komik zur Pointe?

Wir fragen das so blöd, weil wir Wahrheit nur dann verarbeiten wollen, wenn sie spannend ist, tragisch oder komisch. Wenn sie das Zeug zur Doku hat. Frei nach den Grundsätzen des griechischen Theaters: können wir lachen, können wir uns fürchten – oder können wir zumindest etwas lernen. Etwas mitnehmen. Das Erlebte als Message , quasi konsumierbar. Die moralische Vermarktung des Menschen und des Produkts.

Eine Entschuldigung als Konsumprodukt?

Aber manchmal kann das der Künstler nicht liefern – muss er auch nicht. Nicht jedes persönliche Erlebnis kann als Stand Up verpackt werden. Nicht jede Scham ist eine Punchline. Denn die kleinen Wahrheiten dazwischen sind unbequeme Grauzonen, die sich nicht perfekt verpacken lassen. Sie sind das Leben, das zwischen verwertbaren Pointen stattfindet. Die Uneindeutigkeiten, die Scham und Schuldfrage, die am Ende nur Ansari und die Frau beantworten können.

Aber auch diese Grauzone wollen wir jetzt verpackt haben. Im Rahmen einer Show. Wir wollen unterhalten werden und Zeugen seiner Läuterung sein. Damit wir klatschen können und ihm verzeihen können, dass er übergriffig war. Aber Aziz Ansari schuldet uns das nicht.


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