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Bundestagswahl Warum so viele Erstwähler für die FDP gestimmt haben

Keine Partei - außer den Grünen - ist bei den Erstwählern so stark wie die FDP. Überraschend? Nein, kommentiert Gregor Schmalzried. Die FDP hat sich als einzige Partei bemüht, ein Angebot für junge Menschen zu machen.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 27.09.2021

Veränderung beginnt mit Dir | #nextGeneration | Bild: FDP (via YouTube)

Für viele Menschen ist es die verblüffendste Zahl des Wahlabends: Unter denen, die zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl wählen, liegt die FDP auf Platz 1 - gemeinsam mit den Grünen. Beide haben 23 Prozent der Erstwählenden für sich gewonnen. Eine erste Hochrechnung sah die FDP sogar einen Prozentpunkt vor den Grünen.

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Konstantin Kuhle So stolz ❤️ https://t.co/XAWhiWWOQv

So stolz ❤️ https://t.co/XAWhiWWOQv | Bild: KonstantinKuhle (via Twitter)

Was ist da bitte los?

Einige macht das sprachlos: Sind die jungen Leute nicht eigentlich die linken Klima-Kids? Die, die bei Fridays for Future mitlaufen und den Kapitalismus zertrümmern wollen? Im Wahlkampf sah es zumindest so aus: In Talkshows und Diskussionsrunden wurde die junge Generation fast ausschließlich von Klimaaktivistinnen repräsentiert - und von Rezo. Aber jetzt schaffen die Grünen bei Erstwählenden gerade mal so viele Prozent wie die FDP. Und die Linkspartei, die noch stärker für linke Klimapolitik steht, liegt mit acht Prozent auf dem vorletzten Platz.

Überraschend? Nein!

Dabei ist das Ergebnis weder paradox noch überraschend. Es gibt einige Gründe, warum die Liberalen gerade bei jungen Leuten so stark sind. Und - Spoiler: Keiner davon ist, dass 23% der Erstwähler Zahnarztsöhne sind. Zunächst einmal: Auch wenn sowohl Christian Lindner als auch Annalena Baerbock im Wahlkampf gerne anderes behauptet haben, Grüne und Liberale haben erstaunlich viele Gemeinsamkeiten.

Vor allem, wenn es um die Prioritäten junger Leute geht. Beide Parteien sind für ein Wahlrecht ab 16. Beide wollen Cannabis legalisieren und stehen für eine liberalere Drogenpolitik. Beide stehen klar zur Europäischen Union. Beide sind gegen staatliche Überwachung. Beide setzen sich für LGBT- und Abtreibungsrechte ein.

FDP und Grüne machen Druck

Und natürlich halten beide Parteien den Klimawandel für eine existenzielle Bedrohung - auch wenn sie unterschiedlicher Meinung sind, wie man ihn am besten bekämpft.

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Wahlspot zur Bundestagswahl 2021 - Nie gab es mehr zu tun. | Bild: FDP (via YouTube)

Wahlspot zur Bundestagswahl 2021 - Nie gab es mehr zu tun.

Die größte Gemeinsamkeit ist aber die hektische Dringlichkeit, mit der beide Parteien ihre Botschaften vortragen. Es ist kein Zufall, dass die Wahlslogans der FDP ("Nie gab es mehr zu tun" und "Wie es ist, darf es nicht bleiben") auch prima in Annalena Baerbocks Wald-Spot gepasst hätten.

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Klimakrise ist jetzt. Hören wir auf, nur zu reden. | Bild: BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (via YouTube)

Klimakrise ist jetzt. Hören wir auf, nur zu reden.

Die Jugend hat den Lockdown nicht vergessen

Dieses dringende Verlangen nach Veränderungen findet sich neben dem Klimawandel vor allem bei der Digitalisierung. Junge Menschen haben das Faxgeräte-Deutschland satt, sie wünschen sich endlich digitale Schulen, Unis und Verwaltungen. Die Grünen und die FDP versprechen, sich dafür einzusetzen - aber nur die Liberalen machten es zum zentralen Versprechen ihres Wahlkampfs.

Mittlerweile 18 Monate Corona-Einschränkungen haben diesen digitalen Neustart noch viel notwendiger gemacht. Und nicht nur das: Für viele ältere Menschen änderte sich in den langen Lockdown-Monate im Winter nichts, außer dass das Lieblingsrestaurant lieferte, statt die Türen zu öffnen. Jungen Menschen aber wurde für ein halbes Jahr alles genommen, was zum Jungsein dazugehört. Clubs, Bars, schließlich sogar Restaurants und WG-Partys. Und das mit einer grausamen Selbstverständlichkeit. In den Ministerpräsidentenkonferenzen und Talkshows waren die Bedürfnisse junger Menschen immer nur ein Nebenthema, wenn überhaupt.

Sogar als es im Frühjahr wärmer wurde und die Risikogruppen in Deutschland geimpft waren, mussten junge Leute monatelang damit rechnen von der Polizei für das "Verbrechen" verjagt zu werden, gemeinsam auf einem öffentlichen Platz herumzustehen. In dieser ganzen Zeit war die FDP die einzige Partei, die für Lockerungen stand, ohne dabei mit Querdenkern zu flirten. Dass Christian Lindner in den letzten Wochen des Wahlkampfs seinen Wahlaufruf gerne mit dem Spruch "Beide Stimmen für die Freiheit" formulierte, mag pathetisch klingen - aber natürlich trifft ein solcher Satz bei einer Generation einen Nerv, die sich über die letzten 18 Monate eingesperrt und vergessen fühlte.

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Veränderung beginnt mit Dir | #nextGeneration | Bild: FDP (via YouTube)

Veränderung beginnt mit Dir | #nextGeneration

"Freiheit" - auf allen Social Media Kanälen

Aber was meint Christian Lindner eigentlich mit "die Freiheit"? Es ist die Message, die er seit Monaten in die Welt bläst, mit der er sich von YouTubern interviewen lässt, auf Instagram postet und ganz klassisch auf Wahlplakate drucken lässt. Je länger man ihm zuhört (und das tut die politisch gut informierte Jugend), desto klarer wird die Aussage: Er meint die Freiheit, dass jede Person das tun und erreichen kann, was er oder sie möchte.

Es gibt Leute, die dieses Versprechen für neoliberal und damit automatisch für unsinnig halten. Aber die Botschaft ist klar - und sie unterscheidet sich fundamental von der Botschaft aller anderen Parteien im Wahlkampf. Denn alle anderen, von Linke bis AfD, führen ihren Wahlkampf anders: Sie teilen die Menschen in Gruppen ein, und versprechen diesen Gruppen, für sie zu kämpfen. Die SPD möchte für die Rentner kämpfen. Die Linke möchte für die Mieter kämpfen. Die AfD möchte für die Deutschen kämpfen.

Individuen statt kollektiver Identität?

Mit diesem Lagerdenken können viele junge Menschen nichts anfangen. Die einzigen Gruppen, denen sie sich zugehörig fühlen, sind K-Pop-Gruppen. Da kommt die FDP gelegen, die als einzige Partei nicht permanent vorrechnet, für welche Gruppen sie kämpfen möchte und gegen wen, sondern stattdessen das Individuum in den Mittelpunkt stellt.

In einem viel gesehenen Interview fasst Christian Lindner das gegenüber YouTuber Marvin Neumann so zusammen: "Ich glaube, dass du der beste Experte für dein Leben bist und deshalb möchte ich, dass du möglichst viel Freiheit hast, deinen Weg gehen kannst."

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Christian Lindner beantwortet unbequeme YouTube-Kommentare | Teil 1 | Bild: Marvin Neumann (via YouTube)

Christian Lindner beantwortet unbequeme YouTube-Kommentare | Teil 1

Die Trampolin-Generation

Man sieht förmlich den Fahrtwind durch seine Haare wehen. Natürlich kommt dieser Gedanke vor allem bei jungen Menschen an, die etwas aus sich machen wollen. Die junge Generation hat kaum eine Aussicht auf eine gute Rente, Eigenheime werden unerschwinglich und auf der Bank gibt es keine Zinsen mehr - deshalb beschäftigen sich viele viel intensiver als früher mit Geld und Wirtschaft. YouTube-Kanäle wie "Finanztip" boomen, Kryptowährungen, Aktien-Spekulationen und Unternehmensgründungen werden auf einmal zu Gesprächsthemen auf dem Schulhof.

In einem Text für die New York Times sieht Journalist Kevin Roose in der Generation der Babyboomer eine "Leitern-Generation": Schritt für Schritt, Sprosse für Sprosse zum Wohlstand. Für die junge Generation scheint dieser Weg heute oft unmöglich. Deshalb sucht die Jugend heute weniger oft nach einer Leiter und stattdessen nach etwas, das sie möglichst schnell möglichst weit nach oben bringen kann: Die Leitern-Generation wird abgelöst. Durch die Trampolin-Generation.

Christian Lindner, das Maskottchen

Und es gibt kein besseres Trampolin-Maskottchen als Christian Lindner. Letztlich ist aber vor allem eines entscheidend: Dass die FDP es überhaupt darauf angelegt hat. In einem Wahlkampf, in dem alle anderen Parteien sich damit begnügt haben, möglichst etabliert, reibungsarm und bürgerlich zu erscheinen, war die FDP neben der Linken die einzige Partei, die freiwillig auf Ecken und Kanten setzte. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Liberalen als Mittelstands-Bewahrer-Partei zu inszenieren und so wie alle anderen um die Stimmen der 50- bis 80-jährigen zu buhlen. Stattdessen hat die FDP den Satz "Wie es ist, darf es nicht bleiben" deutschlandweit auf Plakate gedruckt und auf Social Media aktiv um junge Menschen geworben.

Auch Menschen, die politisch mit der FDP wenig anfangen können, sollten das anerkennen: Die Strategie war mutig. Wenn es Anlageberater für Wählergruppen gäbe, sie würden jeder Partei davon abraten, irgendwas mit jungen Menschen anfangen zu wollen - zahlenmäßig sind sie den älteren einfach heillos unterlegen. Aber die FDP hat es trotzdem versucht. Es ist eine Wette auf die Zukunft, mit der man gewaltig auf die Nase fallen könnte. Aber wenn es funktioniert, dann könnte sie die FDP ganz nach oben katapultieren. Da ist es wieder, das Trampolin.