Bayern 2 - Zündfunk


3

Chaos Communication Congress in Leipzig „Bildet Banden“: Was Techies von Klimaaktivist*innen lernen können

Wir haben uns in Leipzig mit Juliane Krüger und Rainer Rehak getroffen und mit ihnen über die vergangene Tech-Konferenz 36c3 gesprochen, das Umweltbewusstsein in der Tech-Szene und warum sich Techies und Klimaktivist*innen zusammentun sollten.

Von: Niklas Münch

Stand: 30.12.2019

Die Rakete Fairydust ist das Logo des c3 | Bild: Niklas Münch/BR

Am 30. Dezember ging die 36. Ausgabe des Chaos Communication Congress, auch c3 genannt, zu Ende. Die vom deutschen Chaos Computer Club ausgerichtete Konferenz hat sich in den letzten Jahren zum internationalen Treffpunkt der Netz- und Tech-Szene entwickelt. Neben Vorträgen über rein technische Bereiche werden dort zunehmend die gesellschaftlichen Konsequenzen von digitalen Entwicklungen verhandelt. Bereits zum dritten Mal fand sie auf dem Gelände der Leipziger Messe statt. Der 36c3, wie der Kongress innerhalb der Szene abgekürzt wird, zog 17.000 Besucher an und war zum fünften Mal in Folge ausverkauft.

Am Eingang distanziert sich der CCC von Chauvinismus und Nationalismus

Zum ersten Mal gab es auf dem Congress eine Vortragsreihe, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigt hat. Viele Vorträge in dieser Reihe drehten sich um den ökologischen Fußabdruck von Software und Hardware und wie Programmierer*innen klimafreundliche Produkte entwickeln können. Juliane Krüger und Rainer Rehak haben dort eine Reihe von Kurzvorträgen moderiert, in denen verschiedene Expert*innen und Aktivist*innen Themen zu Nachhaltigkeit und Klimawandel erklärt haben. Juliane Krüger ist kommissarische Geschäftsführerin der Open Knowledge Foundation Deutschland, Rainer Rehak ist Wissenschaftler und Vertreter für das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF). Beide sind Mitbegründer der Bits & Bäume, einer Konferenz für Digitalisierung und Nachhaltigkeit, die im Jahr 2018 zum ersten Mal in Berlin stattfand.

Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, was Techies und Aktivist*innen voneinander lernen können und welche technischen Lösungen schon heute umgesetzt werden könnten, um die Klimakrise besser zu bewältigen.

Zündfunk: Auf dem 36c3 gibt es zum ersten Mal einen eigenen Track, also eine Vortragsreihe, zum Thema Nachhaltigkeit. Viele Vorträge beschäftigen sich damit, wie Software ressourcensparender entwickelt werden kann. Auch das diesjährige Motto „Resource Exhaustion“ bezieht sich auf Nachhaltigkeit. Findet gerade eine Bewusstwerdung in der Tech-Szene statt, was die ökologischen Konsequenzen von Software und Hardware anbelangt?

Juliane Krüger: Das hat schon vorher angefangen. Schon vor zwei Jahren gab es auf dem c3 viele wissenschaftliche Talks darüber, wie die Klimaproblematik unsere Zukunft bestimmt. Außerdem gab es bereits Gruppen wie das C3-Sustainability-Team. Aktivismus war schon immer ein großes Thema in der Hackerszene, daher passt da auch der Klimaaktivismus mit rein. Doch das wird jetzt alles sichtbarer.

Rainer Rehak: Über das Motto eines Congress wird ja nicht demokratisch abgestimmt. Sondern das Motto kommt aus den Kreisen, die den Congress organisieren. Mit einem Motto wird also ein Thema und eine Richtung bewusst gesetzt.

Wie schwierig oder einfach ist es, dieses Thema in die breite Masse der Tech-Szene reinzutragen?

Rainer Rehak: Hier auf dem Congress ist es recht einfach, Menschen zu überzeugen und mitzunehmen. Weil wo, wenn nicht hier, wird über Utopien gesprochen. Ich bilde mir auch ein, dass Techies einen unverkrampften Umgang mit nackten Zahlen haben. Also dass sie, sobald sie die Statistiken mal gesehen haben, das auch ernst nehmen. Die Szene hat vielleicht etwas länger gebraucht, aber die Thematik fällt jetzt auf sehr fruchtbaren Boden.

Bei dem Congress sind auch Extinction Rebellion und Fridays for Future eingeladen. Diese Allianz aus Tech-Szene und Umweltgruppen wirkt erst mal ungewöhnlich.

Juliane Krüger ist kommissarische Geschäftsführerin der Open Knowledge Foundation Deutschland

Juliane Krüger: Bei der Bits & Bäume-Konferenz waren wir sehr positiv überrascht, wie viele Menschen aus dem Hacker*innen-Bereich früher bei der BUNDjugend gewesen sind. Es ist also gar nicht so, dass die Szenen so sehr getrennt waren und jetzt erst zusammenkommen. Es gibt das schöne Motto „Bildet Banden“ hier auf dem Congress und das ist jetzt sehr wichtig. Dass sich die, die sich mit der Technologie auskennen und einschätzen können, was eine Technik leisten kann, zusammentun mit Menschen, die wissen, was gegen die Klimakrise zu tun ist und was für Nachhaltigkeit zu tun ist.

Funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Tech-Szene und Umweltgruppen?

Juliane Krüger: Ich glaube die Techie-Szene hat da einen offenen Radar, weil Technologie in vielen Bereichen immer relevanter wird. Gleichzeitig wird Klimaaktivist*innen immer klarer, dass es hier in der Tech-Szene Menschen gibt, die ihnen helfen können. Aber dabei kann es nicht nur darum gehen, welche technischen Lösungen gegen die Klimakrise helfen können. Die Einladung zu Umweltgruppen muss auch so offen sein, dass sie auch unsere eigenen Schwachstellen kritisieren dürfen. Also zum Beispiel was für problematische Stoffe in unseren technischen Geräten verbaut sind. Darüber hinaus können wir auch viel voneinander lernen. Die Klimabewegung hat es zum Beispiel geschafft, viel Aufmerksamkeit für ihr Thema zu erzeugen. Dieses Wissen können wir in der Tech-Szene gebrauchen, um zum Beispiel eine größere Öffentlichkeit bei der zunehmenden Überwachung zu erreichen.

Rainer Rehak: Die Techie-Denkweise ist ja meistens: „Wir haben ein Problem und dann löten wir uns halt was zusammen oder verschlüsseln unsere E-Mails und dann kriegen wir das gelöst.“ Das klappt aber bei der Klimakatastrophe nicht. Am Beispiel des Congress: Selbst wenn er klimaneutral wäre, würde sich nichts ändern. Das Wirtschaftssystem ist trotzdem kaputt, dagegen kann man nicht anlöten. Das kann man nur politisch lösen. Die Klimagruppen bringen einen strukturellen Blick mit, der wichtig ist als Impuls für eine eher individuell ausgerichtete Techie-Community.

Welche Unterstützung ist von der Industrie und von der Politik nötig, um dieses Umweltbewusstsein in der Tech-Szene voranzubringen?

Rainer Rehak ist Vertreter für das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF)

Rainer Rehak: Die große Forderung ist, unser Wirtschaftssystem nicht mehr auf diese Art kapitalistisch zu organisieren. Denn es zeigt sich historisch, dass wir durch die Profitorientierung starke Auswirkungen auf die Umwelt haben, die keine Lobby besitzt. Wenn wir aber trotzdem in dieser Marktlogik bleiben, müssen wir Anreizsysteme schaffen, die diese Umweltauswirkungen abbilden. Also zum Beispiel einer hinreichenden Bepreisung von CO2. Das wäre dann auch eine Motivation für Serverbetreiber*innen oder Softwareentwickler*innen auf ihren CO2-Ausstoss zu achten. Weil sie mit effizienteren und ressourcenschonenderen Produkten im Vorteil gegenüber ihren Mitbewerber*innen wären. Unternehmen arbeiten in den rechtlichen Rahmen, die vorgegeben sind. Ich kann ihnen schlecht vorwerfen, dass sie das tun. Ich kann aber der Politik vorwerfen, dass sie diesen Unternehmen keine Grenzen setzt.

Juliane Krüger: Hier geht es auch um technische Lösungen. Ein Beispiel wäre, dass die Politik bei der Langlebigkeit von Produkten regulierend eingreift. Alles was wir produzieren, muss reparierbar sein und alle Rohstoffe, die wir dafür verwenden, müssen wiederverwendbar sein. Das gleiche gilt für Software. Für diese muss es laufend Sicherheitsupdates geben, die nicht irgendwann eingestellt werden. Neue Software muss auch auf älteren Geräten funktionieren, dass wir uns nicht immer neue Geräte anschaffen müssen. Das braucht aber den politischen Willen, etwas ändern zu wollen. Außerdem braucht es eine Resistenz der Politik gegen wirtschaftliche Lobbyinteressen, die solche Dinge verhindern. Was uns dabei helfen kann sind Transparenzgesetze. Wenn politische Prozesse transparent gemacht werden und zum Beispiel Lobbyregister geführt werden müssen, dann werden Politiker*innen andere Entscheidungen treffen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ein ausführliches Gespräch mit Rainer Rehak findet ihr auch in unseren Backstage Talks vom Zündfunk Netzkongress 2019.


3