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"race" und "people of color" Warum sich auf Deutsch nur so schwer über Rassismus sprechen lässt

In Debatten über Rassismus landet man schnell bei englischen Fachworten wie Race, PoC und so weiter. Begriffe, die sich kaum übersetzen lassen, denn in den USA ist der Diskurs über gesellschaftliche Ungleichheit oft schon weiter.

Von: Katharina Wilhelm

Stand: 17.09.2020 14:32 Uhr

eine weiße Frauenhand hält ein Schild mit dem Schriftzug Black Lives Matter | Bild: picture-alliance/dpa

In der Debatte über Rassismus in den letzten Wochen, kommt man um bestimmte englische Begriffe nicht umhin. Die lassen sich kaum ins Deutsche übersetzten: BIPoC, native, race, people of color. Allen voran das Wort „race“, dass sich theoretisch ins Deutsche mit „Rasse“ übersetzt. Nur ist damit etwas ganz anderes gemeint. „Race“ im englischen meint ein soziales Konstrukt, Rasse dagegen ist biologisch gemeint. Ein Begriff, der stark verbunden ist mit dem Nationalsozialismus und der Idee einer Menschenrasse, die es nicht gibt. „Man muss es als Ideologie betrachten.“ sagt Ellison Hobbes, vom Institut für amerikanische Geschichte an der Universität Stanford im Interview mit dem Fernsehsender MSNBC: „Es sollte so eine bestimmte Art von Hierarchie bewahrt werden. Es spiegelt eine Vorstellung von Minderwertigkeit und Höherwertigkeit wieder, um so das System der Sklaverei zu bewahren.“

"Of color" sind alle, die nicht als "weiß" wahrgenommen werden

In den USA verwendet man „race“ also auf einer Art Metaebene. Im Deutschen fehlen solche präziseren Vokabeln, weshalb man immer wieder bei den englischen Fachworten landet. Ähnlich verhält es sich auch mit „people of color“. Das übersetzt sich im Deutschen auch nicht mit „Menschen der Farbe“. Gemeint sind Menschen, die keine weiße Hautfarbe haben, beziehungsweise Menschen, die eben als nicht weiß wahrgenommen werden. Dazu zählen beispielsweise Schwarze und Latinos.

Systemischer Rassismus funktioniert durch Sprache

Race, People of Colour, all diese Begrifflichkeiten gab es schon vor den Black Lives Matter-Protesten. Doch in diesem Jahr hat sich der Fokus auf die Geschichte der USA und damit auch das historisch gewachsene Vokabular geändert. Wie in der Tech-Welt zum Beispiel. Das sogenannte „Master and Slave“-Prinzip bezeichnet in der Programmiersprache Regeln und Steuerung eines Datenkanals. Seit Jahrzehnten werden diese Begriffe, die ihren Ursprung aus der Sklavereigeschichte haben genutzt. Dem Studenten Santiago Gomez von der Boston University ist diese Sprache aufgestoßen, wie er auf dem Uni-eigenen Youtube-Kanal erklärt: „So funktioniert systemischer Rassismus in den USA. Solch kleine Dinge werden als normal angesehen von weißen Amerikanern. Und so wird das ganze System aufrecht erhalten.“ Gomez hat deswegen an die Autoren der Lehrbücher geschrieben, und will, dass man die Begriffe entfernt und eine Alternative findet.

Die Musikindustrie hinterfragt ihre Sprache

Auch die Musikindustrie entrümpelt ihr Vokabular. Der Begriff Dixie, der nostalgisch als Synonym für die ehemals Sklaven haltenden Südstaaten gebraucht wird, wird kritischer beäugt. Die Country-Band Dixie Chicks strich ihn deswegen komplett und nennt sich nun nur noch die „Chicks“. Warum, erläuterten die Bandmitglieder gegenüber der Presse so: „Es ist unangenehm, wenn man weiß, wofür das Wort in den USA steht. Wir wollen nicht, dass das Wort jemanden verletzt. Wir waren noch so jung als wir den Namen aussuchten. Wir hatten keine Ahnung. Es wurde jetzt einfach Zeit, das „Dixie“ loszuwerden.

Die USA arbeiten ihre Geschichte auf - auch in der Sprache

Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass sich in den USA etwas bewegt. In den Köpfen, in den Mündern. Die Vergangenheit der Vereinigten Staaten, geprägt von der Kolonialisierung des Landes, von dem Genozid an den Natives, also an den indigenen Völkern und der Sklavengeschichte wird nun auch sprachlich weiter aufgearbeitet. In Deutschland muss so eine rassismuskritische Sprache erst noch gefunden werden.


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