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Musik in Serien Warum gerade Indie-Bands vom Serienboom profitieren

Früher wurden Bands erfolgreich, wenn ihre Lieder möglichst häufig auf MTV gespielt wurden. Heute werden immer wieder Songs bekannt, wenn sie in besonders emotionalen Szenen in Serien laufen.

Von: Andrej Prescher

Stand: 25.11.2019

Eine Szene aus Better Call Saul | Bild: picture-alliance/dpa

Matt Biffa ist Music Supervisor der britischen Netflix-Serie “The End of the Fucking World”. Als Music Supervisor stellt er den Soundtrack der Serie zusammen. Und dabei kommt es schon mal vor, dass ein Song die Zuschauer besonders mitreißt. Die Folge: seine Streams schießen in die Höhe: "Bei "The End Of The Fucking World" hatten wir als ersten Song der ersten Folge “Laughing On The Outside” von Bernadette Carroll. Bevor die Serie auf Netflix veröffentlicht wurde, hatte der Song auf Spotify 20.000 Streams. Jetzt, zweieinhalb Jahre später sind es elfeinhalb, zwölf Millionen", sagt Matt Biffa. Für ihn ist das aber zweitrangig. Er möchte vor allem die Geschichte des Regisseurs durch seine Musikauswahl miterzählen.

Die Gründe, warum ein bestimmtes Lied in einer bestimmten Szene landet, sind ganz unterschiedlich, sagt Matt Biffa: "Manchmal soll man genau das hören, was man sieht. Manchmal genau das Gegenteil, also man hört etwas ganz Anderes als man sieht. Manchmal ist das Lied selbst aber auch die Emotion. Die Musik muss in dem Fall eine emotionale Lücke füllen und dann stellt sich die Frage, wie man das am besten anstellt."

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THE END OF THE F***ING WORLD Official Trailer (2018) Netflix | Bild: Movie Trailers Source (via YouTube)

THE END OF THE F***ING WORLD Official Trailer (2018) Netflix

Matt Biffa’s Anspruch ist also erstmal ein künstlerischer. Kommerzielle Aspekte geraten bei der Musikauswahl aber nicht ganz in den Hintergrund. Für die Rechte an einem Beatles-Song etwa können Plattenfirmen und Musikverlage mehrere 100.000 Euro verlangen und das passt eigentlich nie ins Budget. Und wenn eine Szene Sex oder Gewalt enthält, stellen sich viele Labels komplett quer. Stimmen die Konditionen, dreht sich das Blatt aber. Syncing-Arbeit nennt sich das, wenn Plattenfirmen versuchen, ihre Künstler in Soundtracks platzieren.

Wenn ein Song in einer Serie läuft, bedeutet das nicht unbedingt den großen Durchbruch

Wenn ein Song dann zu einer Szene passt, heißt das trotzdem nicht automatisch, dass er durch die Decke geht. Dafür muss er schon eine besonders emotionale Szene oder das Intro beziehungsweise Outro untermalen. Die mittlerweile aufgelöste deutsche Band „Anajo“ konnte sich letztes Jahr über ein Serienfeature bei „Better Call Saul“ freuen. „Mein erstes richtiges Liebeslied“ heißt der Track, zu dem Bauarbeiter einer Drogenfabrik in der Serie Basketball spielen. Die Millionen Streams gab es für Anajo aber nicht, erklärt Oliver Gottwald, Frontman der Band: "Es war ein Effekt tatsächlich spürbar, indem sich ein paar Leute gemeldet haben und gesagt haben: Hey ich hab „Better Call Saul“ gesehen und da lief „Mein erstes richtiges Liebeslied“. Jetzt so zahlenmäßig wirklich eklatant bemerkt hat man es meines Wissens nicht."

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Anajo - Mein erstes richtiges Liebeslied | Bild: tapeterecords (via YouTube)

Anajo - Mein erstes richtiges Liebeslied

Serienfeature heißt also nicht gleich großer Durchbruch. Dennoch: Der Austausch zwischen Musikern, Labels und Serienmachern hat in den letzten zehn Jahren an Bedeutung gewonnen. Das findet auch Gunther Buskies. Er ist Inhaber des Hamburger Labels und Musikverlags „Tapete Records“. Auch „Anajo“ ist hier gesigned. Für „Mein erstes richtiges Liebeslied“ hat damals eine Sync-Agentur bei Tapete Records angefragt. Solche Anfragen, auch von Music Supervisorn, erhält Gunther Buskies mittlerweile drei bis vier mal die Woche: "Music Supervisorn wollen gezielt natürlich auch so ein bisschen was Unbekanntes oder Neues entdecken und fragen danach, aber ganz oft ist es eben auch so: Wir suchen grundsätzlich leicht düstere Popmusik, bitte schickt uns, was ihr da habt."

Die Songs großer Namen landen weniger häufig in Serien

Gunther Buskies pflegt zwar regelmäßigen Austausch mit Music Supervisorn und Agenturen - auf Partys mit Filmschaffenden findet man ihn aber nicht. Denn das Geschäft mit Serienfeatures ist nicht essentiell für die Musiker. Netflix ist nicht das neue MTV - und Soundtracks sind mehr als nur Playlisten. Für Künstler ist das Serien-Feature vor allem ein finanzieller Bonus und im besten Fall auch ein Sprungbrett. Und davon profitieren am Ende nicht nur die Major Labels, sagt Buskies: "Ich glaube, es ist tatsächlich manchmal sogar so, dass die Mindestsummen, die da gefordert werden und die längeren Bearbeitungszeiten, die einfach so ein großer Apparat mit sich bringt vielleicht sogar abschreckend sind."

Beatles-Songs sind zu teuer und Warner, Universal oder Sony oft harte Verhandlungspartner. Am Ende könnten das Geschäft mit Serien vor allem eine Chance für die Richtigen sein: Underground-Künstler und Indie-Labels.


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