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The revolution will be televised Warum moderne Blockbuster Milliardäre demütigen

Glass Onion, Jurassic World, The Menu, Triangle Of Sadness, selbst The Batman – Der moderne Blockbuster demütigt die Oberschicht, vor allem Millionäre und Milliardäre. Zumindest im Kino also, findet die Revolution gerade statt. Dahinter könnte mehr Kalkül stecken, als man meint.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 13.01.2023

Edward Norton als Milliardär in "Glass Onion: A Knives Out Mystery" | Bild: Courtesey of Netflix

Achtung: Dieser Text enthält Spoiler zu den Filmen „Glass Onion: A Knives Out Mistery“, „Jurassic Wolrd: Ein neues Zeitalter“, „The Menu“, „Don’t Look Up“, „The Batman“ und „Triangle Of Sadness“.

Es ist jetzt schon das zweite Jahr in Folge, in dem wir mit dem Weihnachtsprogramm von Netflix Milliardäre belächeln sollen. Letztes Jahr waren in der Realsatire „Don’t Look Up“ – Achtung Spoiler – ein Milliardär und seine Gier maßgeblich dafür verantwortlich, dass ein Komet am Ende die Menschheit auslöscht. Und dieses Jahr ist es Edward Norton, der in „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ Elon Musk parodiert – und sich dabei noch deutlich dämlicher gibt, als es das Original ohnehin schon ist. Und – Achtung, nochmal Spoiler – sein Reichtum fliegt ihm am Ende so richtig um die Ohren. Fröhliche Weihnachten!

Milliardäre als Schurken im modernen Blockbuster

Der Milliardär als Bösewicht. Szene aus "Don't Look Up"

Netflix ist nicht die einzige Produktionsfirma, die Milliardäre und die Oberschicht zum publikumswirksamen Feindbild auserkoren hat. Ok, in der Jurassic-Park-Reihe standen größenwahnsinnige Firmen schon immer in der Kritik. Aber selten so sehr wie im neusten Teil der Reihe „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“. Hier versucht ein Milliardär und CEO mit Hilfe von mutierten Dino-Heuschrecken die globale Lebensmittelproduktion an sich zu reißen. Die Heuschrecken fressen alles Getreide von den Feldern, nur das gentechnisch veränderte Getreide seines Unternehmens lassen sie unversehrt, so die Idee. Natürlich wird der böse Plan verhindert – und es passiert das, was in einem Jurassic-Park-Film so überraschend kommt wie eine Stellwerkstörung bei der Deutschen Bahn: Der CEO wird zum Nachmittagssnack einer Gruppe hungriger Dilophosaurier.

Aber das ist längst nicht der letzte Milliardärs-Diss: Auch Filme mit mehr Anspruch wie „The Menu“ oder „Triangle Of Sadness“ ziehen ihr komisches Potenzial daraus, dass Milliardäre und Mitglieder des reichen Prozents auf übelste Weise gedemütigt werden. In „The Menu“ zum Beispiel zaubert Sternekoch Ralph Fiennes einen Trick nach dem anderen aus dem Hut, der die Schönen und Reichen bloßstellt. Was am Ende dazu führt, dass diese den Mord an sich selbst sogar halbwegs akzeptieren. Und in „Triangle of Sadness“ fliegt einem reichen Waffenhändler-Ehepaar aus Großbritannien in der stärksten Szene des Films auf einer Luxusyacht unerwartet die eigene Granate vor die Füße.

Milliardärs-Kritik in Hollywood: Symptom der Ungleichheit?

"Eat the rich" im Kino: "The Menu" mit Ralph Fiennes

Klar, dass Milliardäre Schurken geben, ist nichts Neues in Hollywood. Aber der Trend geht spürbar in Richtung Reichenkritik. Sogar im neuen Batman-Film, bis jetzt ja der Prototyp des sympathischen Milliardärs, kommt man nicht um sozialkritische Selbstreflexion herum. Batman muss die Sünden seines Milliardärs-Vaters aufarbeiten, um den Riddler zu besiegen. Und dabei wird klar, dass der alte Wayne nicht auf zufällige Weise von einem Straßenräuber erschossen wurde, sondern Opfer seiner eigenen Korruption geworden ist. Dass der Milliardär Batman, wie früher ganz selbstverständlich, Gotham City mit seinem Reichtum rettet, funktioniert heute nicht mehr einfach so.

Woran liegt das? Die Erklärung, die auf der Hand liegt: Während die Wohlhabenden immer reicher werden, verliert die Mittelschicht immer mehr an Boden, von der global anderen und ärmeren Hälfte ganz zu schweigen. Wenn man also einen kommerziell erfolgreichen Film produzieren möchte, kann man mit Kritik an den Reichen eigentlich nichts falsch machen. Genug Zielgruppe gibt es! Und immerhin: Das, was in der echten Welt noch undenkbar erscheint – finanzielle Umverteilung und Entmachtung der Superreichen – im Kino bekommen wir fast jede Woche eine neue, poppige Version davon serviert. Das Motto: The revolution will be televised!

Aber ist das wirklich zielführend?

Sitzt ein Milliardär bald in diesem Käfig?

Es ist ja angesichts der bestehenden Ungleichheits- und Machtverhältnisse eigentlich eine schöne Sache, dass der Hollywood-Blockbuster erkannt hat, wo der Schuh drückt. Und natürlich besteht die Chance, dass man so ein breites Publikum für politische Probleme sensibilisiert. Andererseits hat es auch ein kleines Geschmäckle. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die meisten dieser Blockbuster von den großen Hollywood-Filmstudios produziert wurden. Wo paradoxerweise diejenigen an den Schalthebeln sitzen, die in den Filmen eigentlich parodiert werden. Und natürlich ist Sinn und Zweck dieser Parodie auch hier der kommerzielle Erfolg. Man will die reichen Filmstudios noch ein bisschen reicher machen und Gewinn erwirtschaften, sonst würde man die Drehbücher ja so gar nicht auf die Leinwand bringen. Der Umsatz der Filmbranche ist mit Corona in den letzten Jahren eingebrochen, vielleicht hofft man, dass man die Menschen mit Geschichten des Triumphs von Klein über Groß wieder ins Kino kriegt.

Warum die Selbstkritik auch vor der eigentlichen Kritik immunisiert

Und das kann auch immunisieren. Wenn einer der reichsten Schauspieler Hollywoods, Ralph Fiennes, in „The Menu“ ein paar Reiche demütigt, kann man ihm trotz seines Reichtums zumindest nicht mehr vorwerfen, sich nicht doch irgendwie für das Gute eingesetzt zu haben. Gleiches gilt für die Hollywood-Studios, die das alles in Auftrag gegeben und produziert haben. Nach dem Motto: „Ja, wir wissen ja auch, dass das mit dem Reichtum in die falsche Richtung geht, aber seht doch: Wir kritisieren das in unseren Filmen!“ Aber solange dem Elon-Musk-Verschnitt dann wenigstens Weihnachten alles um die Ohren fliegt, ist er ja doch halbwegs erträglich, der Status Quo.