Bayern 2 - Zündfunk


5

Seltsame Bürokratie Warum meine Mutter zweimal im Jahr Geburtstag hat

Für viele Personen, die nicht in Deutschland geboren wurden, ist Geburtstag feiern keine Selbstverständlichkeit. Denn sie haben keine Geburtsurkunde oder kennen den genauen Tag nicht. Für die Mutter unserer Autorin hat das zur Folge, dass sie zweimal im Jahr Geburtstag hat.

Von: Aylin Doğan

Stand: 22.04.2021

Ein Cupcake zum Geburtstag | Bild: picture alliance / Zoonar | Lena Ivanova

Mein Geburtstag ist mir ziemlich wichtig. Nicht nur wegen der üblichen Sachen wie Partys oder Geschenke. Ich bin ein Sommerkind. Nachmittags auf die Welt gekommen. Sternzeichen Krebs. So ein klein wenig formt mein Gebutstag meine Identität. Mein Lieblingsfunfact über mich: Dass ich am gleichen Tag wie Angela Merkel Geburtstag habe. Vielleicht sollte ich aber, was Geburtstage angeht, noch einen zweiten Funfact dran hängen. Meine Mutter hat nämlich gleich zwei davon: Sie ist am 21.03.1976 in der Türkei in einer kleinen Stadt geboren. In ihrer Geburtsurkunde und überall auf ihren Papieren steht aber als Geburtsdatum der 1.1.1975 drin.

Meine Mutter hatte keine Geburtsurkunde

Meine Mutter ist damals mit 15 Jahren nach Deutschland gekommen. Dass sie gleich zwei Geburtstage hat, war nie ein großes Geheimnis. Aber erst jetzt bin ich mal auf die Idee gekommen auch nachzufragen, warum das so ist. “Meine Eltern haben damals ganz jung geheiratet. Meine Mutter war 15, mein Vater 18. Kurz nach meiner Geburt musste mein Vater für eineinhalb oder zwei Jahre zum Militärdienst,” erzählt sie mir. “Er war weg von zuhause und meine Mutter musste mich für diese Zeit alleine erziehen. Und weil sie in einer kleinen Stadt alleine gewohnt hat, konnte sie mich nicht für einen Ausweis oder eine Geburtsurkunde anmelden.” Meine Uroma, also ihre Oma, nahm am Ende dann die Sache in die Hand. Nur: Kaum stand die vor den Behörden, gab es, laut meiner Mutter, das nächste Problem: “Als sie da war hat sie mein Geburtsjahr vergessen. Also den Monat und den Jahrgang. Die Beamtin wollte ihr helfen und hat dann einfach das Jahr, in dem meine Eltern geheiratet haben, auf meine Geburtsurkunde geschrieben. Und dann hat die Beamtin noch irgendein Datum erfunden: Der 1.1. War einfach und damit kann man auch nichts falsch machen.”

Neujahr als Geburtstag ist verbreitet bei Menschen mit Migrationsgeschichte

Laut Pass ist meine Mutter also ein Jahr und 2 Monate älter als in Wirklichkeit. Neujahr als Geburtstag: Das ist generell ziemlich verbreitet bei Menschen mit Migrationsgeschichte. Wenn sie in kleine Dörfer mit schlechter Anbindung hineingeboren werden, dann konnte das mit dem Hallo-Sagen auf dem Amt schon mal dauern. Und viele konnten damals weder Lesen noch Schreiben, taten sich deshalb schwer, sich das Geburtsdatum zu merken. Wie meine Ur-Oma. Meine Mutter kennt aber noch einen weiteren Grund: “Es kam auch vor, dass die Eltern ihre Söhne erst sehr spät gemeldet haben, weil sie die nicht so früh zum Militär schicken wollten. Und dann haben sie aber natürlich auch wieder das Datum vergessen und dann wurde wieder der 1.1. als Geburtstag eingetragen.”

Der 1.1. – ein erfundenes Geburtsdatum, um auf unkomplizierte Art offene Fragen zu klären. Das passiert aber nicht nur irgendwo im fernen Ausland. Auch hier in Deutschland wird manchmal, trotz den vielen Behördengängen, dann doch zum simplen 1.1. gegriffen. Damit kennt sich Barbara Huber aus. Sie hilft geflüchteten Menschen bei ihrer Ankunft in Deutschland mit der Anmeldung. Sie sagt: “Die Geflüchteten haben oft keine Papiere. Und falls sie welche haben, verlieren sie die oft bei der Flucht. Da fragen die Behörden dann schon nach und wollen eine Geburtsbestätigung aus den Herkunftsländern, was sich aber als sehr schwierig und kompliziert gestaltet. Weil in diesen Ländern teilweise gar keine Urkunden existieren. In Deutschland muss ein Geburtsdatum komplett mit Tag, Monat und Geburtsjahr eingegeben warden. Dann tragen die die Behörden fürs Erste den 1.1. ein und fordern die Geflüchteten stark auf, irgendwelche Dokumente aus ihren Herkunftsländern zu besorgen.”

Geburtstage in der Kirsch-Saison

Mit meiner Nachfrage bei meiner Mutter habe ich wohl für neuen Gesprächsstoff gesorgt. Sie hat mir nämlich nach unserem eigentlichen Gespräch noch eine Sprachnotiz geschickt: “Ich habe heute mit einer guten Freundin über dieses Thema diskutiert. Sie hat erzählt, dass sie ihren Ausweis erst bekommen hat, als sie 7 Jahre alt war. Nach der Geburt hat ihr Vater sie nicht gleich für die Urkunde angemeldet. Der war faul. Nur irgendwann musste sie dann für die Schule angemeldet werden. Und dann haben sie es eben nach 7 Jahren gemacht.” Zumindest in den kleineren Dörfern der Türkei ist es oft noch so, dass man sich nicht an dem Geburtstag selbst orientiert, sondern an bestimmten Hinweisen festklammert. Zum Beispiel welche Jahreszeit gerade war, als jemand geboren wurde. Auch der ehemalige Besitzer der X-Cess-Bar in München, Ismail Yılmaz, kennt das mit den vagen Geburtstagen. Bei ihm hat man sich an den Kirschmonaten orientiert. Auf türkisch: Kiraz ayı. Also wann sozusagen wieder Kirsch-Saison war. “Ich habe einen Spezl und wir haben uns immer so geärgert: ‘Du bist älter, nein du bist jünger.’ Dann haben wir seine Mutter gefragt, wann er Geburtstag hat und sie meinte: ‘Am 15. des kiraz ayı.” Da wo ich herkomme ist das um den Mai, Juni. Aber er kommt von woanders, vom Schwarmeer. Also, was soll das bedeuten? Wann kommen da die Kirschen? Aber immer hieß es nur, dass er am 15. des kiraz ayı Geburtstag hat,” erinnert sich Ismail. Also: Alles nicht so schlimm, wenn mal etwas Bürokratie über Bord geht. Gefeiert wird meist dann doch der echte Geburtstag. Also der, der nicht im Pass steht.


5