Bayern 2 - Zündfunk


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"Glue On TV" mit Klaus Kleber Dieser Klimaaktivist klebt jede Woche an Gebäuden in München

Mit Flüssigkleber und einer selbst entwickelten Social-Media-Sendung klebte Thomas Nier von Extinction Rebellion an der Siemens-Zentrale und im Bayerischen Rundfunk. Für den Klimaschutz geht er an seine körperlichen und finanziellen Grenzen. Eine Begegnung.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 31.05.2021

Thomas Nier sendet "Glue On TV" als Klaus Kleber | Bild: Extinction Rebellion München

Drei Stunden hält der Flüssigkleber. Drei Stunden wird Thomas Nier also auf jeden Fall an der Siemens-Zentrale in München kleben bleiben. Er hat das schon mal gemacht, im Dezember 2019. Damals streamte der Aktivist live auf YouTube und auf Facebook, um auf Greenwashing des deutschen Konzerns aufmerksam zu machen. Siemens macht in Deutschland auf grüne Technologie und Klimaschutz, unterstützt aber eine der größten und dreckigsten Kohleminen der Welt in Australien mit Signaltechnik, sagt Nier. Damals gingen ihm nach einer halben Stunde aber die Gesprächs-Themen aus. Deshalb ist er dieses Mal besser vorbereitet. Er hat eine ganze Sendung vorbereitet. Sie trägt den Namen „Glue On TV“. Wahlweise im Fuchskostüm (sein Markenzeichen) oder im schicken Business-Anzug führt Nier als Moderator namens Klaus Kleber durch die Show, in Anlehnung an den ZDF-Anchorman Claus Kleber.

Klima-Aktivismus als Vollzeitjob

Thomas Nier bei einer Straßenblockade im letzten Sommer

Vor zwei Wochen hat Thomas Nier die erste Folge übertragen, fünf weitere sind inzwischen dazugekommen. Immer wieder führt Nier die Zuschauer*innen (meistens um die 20) durch unterschiedlichste Klima-Themen. Von Energiewende bis hin zum Zusammenhang von Klimakrise und der Ausbreitung von Viren. Immer festgeklebt am Siemens-Büro. „Der Arbeitsaufwand für „Glue On TV“ ist doch sehr stark“, erzählt Nier. „Es ist für mich zum Beispiel nicht nur das Ankleben, ich bin ja in dem Moment auch Moderator der Sendung, kümmere mich um die Inhalte und die Technik. Also wenn du wirklich nach dem Arbeitsaufwand in Stunden fragst. Seit zwei Monaten ist das für mich ein Full-Time-Job.“

Ein Full Time Job, für den Thomas Nier kein Geld bekommt. Er lebt auf knapper Kante, seit er sich entschieden hat, nicht mehr zu arbeiten und stattdessen Vollzeit für das Klima zu rebellieren. Finanziell unterstützt ihn seine Mutter, die einen Teil ihrer Rente an ihren Sohn abtritt. Der Aktivist sagt: „Sie ist die wahre Rebellin hinter mir.“ Er weiß: Lange geht das so nicht weiter. Eigentlich ist der in Gera geborene 38-Jährige selbstständiger Fotograf und Videoproduzent. Er hat einen neunjährigen Sohn, der bei seiner Ex-Partnerin lebt und den er alle zwei Wochen sieht. Die Dringlichkeit der Klimakrise hat Thomas Nier aber dazu bewegt, die Arbeit aufzugeben und sich dem Aktivismus hinzuwenden. „Ich sehe es gar nicht mal so als Aufopferung, was ich da gerade tue. Ich sehe es mehr oder weniger als meine Verpflichtung für mich persönlich.“ Thomas Nier möchte trotzdem niemandem ins Gewissen reden. Aber er habe für sich selbst erkannt, dass er als weißer Mitteleuropäer und Mann eben sehr viele Privilegien habe. Durch Klima-Proteste will er diese Privilegien bestmöglich ausnutzen.

"Ich bin bereit, mich festnehmen zu lassen"

Nachdem er mit seinen Eltern aus der DDR ausreist, geht Nier in NRW zur Schule und studiert dann in Köln Geographie. An der Uni wird ihm klar, wie schlecht es um unseren Planeten steht – in Vorlesungen erfährt er, dass wir auf bis zu 5 Grad Erderwärmung zusteuern könnten. Die Folgen der ungebremsten Erderwärmung: Massives Artensterben, weite Teile des Planeten für Mensch und Tier unbewohnbar. Als dann Fridays for Future auf die Straße gehen, will Nier sich anschließen. Und nochmal einen draufsetzen: „Wir befinden uns in einem Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte, wo wir mit Vollgas auf den Abgrund zurasen. Und als ich das alles realisiert habe, wie ernst wirklich die Lage ist, habe ich gesagt: Ich bin jetzt bereit mich festnehmen zu lassen, um auf all diese Missstände aufmerksam zu machen.“

Rechtsbruch für die Klimarettung. Für Thomas Nier ist das auch Selbstverwirklichung. Und dann ist da noch Folge sieben von „Glue On TV“. Die spielt nicht mehr vor der Siemens-Zentrale, sondern vor dem Funkhaus des Bayerischen Rundfunks in der Arnulfstraße. Die Forderung: Die Medien sollen ihre Berichterstattung konsequent an der Klima-Krise ausrichten und in jedem Ressort mitdenken. Die Aktivisti von Extinction Rebellion wollen, dass die Medien die Klimakatastrophe genauso behandeln wie die Corona-Krise. Nier erzählt: „Wenn die Medien entsprechend berichten, ist ein Großteil der Bevölkerung auch bereit, einschneidende Maßnahmen mitzugehen.“

Extinction Rebellion protestiert vor Medienhäusern

Extinction Rebellion im Foyer des Bayerischen Rundfunks

Ein Geschmäckle hat diese Aktion schon. Menschen, die öffentliche Rundfunkanstalten besetzen und die Berichterstattung beeinflussen wollen. Klingt fast nach Klima-Lockdown, auf Grundlage einer emotionalen Medienberichterstattung. Ein Angriff auf die Pressefreiheit? Eine Berichterstattung, die nur das erzählt, was Extinction Rebellion will? Thomas Nier rechtfertigt sich: „Wir möchten aufzeigen, dass die Berichterstattung leider immer noch zu wenig ist. Wir greifen damit nicht die Pressefreiheit an, sondern wir lassen euch alle Freiheiten. Wir sagen nur: Es ist eine Krisensituation und die wird in den Medien nicht entsprechend dargestellt.“

Die Medien bringen manchmal auch gerne Porträts über Aktivisti mit Flüssigkleber, anstatt in Dauerschleifen vor der drohenden Klimakatastrophe zu warnen. Thomas Nier wäre letzteres lieber, aber dafür hat er ja immer noch sein Format „Glue On TV“. Wenn man den Aktivisten „kompromisslos“ nennt, antwortet er, nicht er sei das, sondern die nahende Katastrophe. Dass er mit letzterem Recht hat, steht außer Frage. Aber rechtfertigt die Klimakrise seine Proteste? Offen ist, ob am Ende das Bild eines heldenhaften oder doch das eines etwas zu fanatischem Vollzeitrebellen „kleben“ bleibt.


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